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Text: Esra Klein
Donnerstag, 18. Juni 2026

Graciela Iturbide: Mujer Ángel (Angel Woman), Sonoran Desert, Mexico, 1979. Sammlung Fotomuseum Winterthur.

Die kontrastreiche Silhouette einer langhaarigen Gestalt mit wehendem Rock schreitet durch eine steppenähnliche Landschaft. Mystisch ragen in der Ferne Hügel aus der archaisch anmutenden Szenerie auf. Die Arme ausgebreitet, ähnlich den Flügeln eines Vogels, geht etwas unmittelbar Traumartiges von diesem Bild aus. Man kann sich darin verlieren – in seinen Gedanken, auf einer Reise in die Vergangenheit. Woher kommt diese Erscheinung, wohin geht sie? Und warum trägt sie ein Radio?

Fragen, die sich mir beim ersten Betrachten dieses Bildes im Jahr 2019 während Ausstellungsvorbereitungen stellen. Heute begegnet mir das Bild in der Sammlung des Fotomuseums Winterthur erneut. Die Fragen sind nicht einfach zu beantworten und vermutlich ist es genau das, was mich so in den Bann zieht: die dem Medium der Fotografie selbst geschuldete, vermeintliche Wirklichkeit, fortwährend verändert durch die Perspektiven von Fotografierenden und Betrachtenden.

Die dunkle Bluse vor dem hellen Himmel, der helle Rock vor dem dunklen Hintergrund der Vegetation. Man könnte meinen, Graciela Iturbide habe hier tatsächlich den berühmt-berüchtigten «entscheidenden Augenblick» Henri Cartier-Bressons eingefangen. Und dann ist da dieses Radio, das mich zurückholt in die Realität, das jede Art der Romantisierung verhindert.

Graciela Iturbides Biografie ist von Verlust und Traum geprägt, was sich in ihrem Schaffen unverhohlen widerspiegelt. Doch statt Mexiko als Kulisse fremder Vorstellungen zu zeigen, interessieren sie viel mehr die vielschichtigen Lebensrealitäten ihres Landes.

Auch wenn Iturbide das surreale Bildrepertoire der 1930er Jahre aufgreift, unterläuft sie den eurozentrischen Blick, indem sie die Ambivalenzen der Kulturen und Gemeinschaften sichtbar macht, die sie fotografiert. Dies gelingt durch eine zeitintensive Auseinandersetzung auf Augenhöhe mit den Menschen vor ihrer Kamera.

Das Bild bricht mit unseren gewohnten Darstellungen indigener Gemeinschaften: Weder ist es inszeniert, noch zeigt es uns ein Gesicht, eine auferlegte Identität – es bietet keine Projektionsfläche für den exotisierenden Blick.

Die Frau auf der Fotografie gehört zur indigenen Seri-Gemeinschaft in der Sonora-Wüste Mexikos. Als Graciela Iturbide sie fotografiert, ist sie auf dem Weg zu einer Höhle mit spirituell bedeutsamen Felsmalereien. Ihr Leben ist geprägt von Traditionen, zugleich aber auch von den Einflüssen US-amerikanischen Konsums und Kapitalismus.

Iturbide verbringt einen Monat innerhalb der Gemeinschaft in der Wüste und gibt dem Bild später den Titel Mujer Ángel (Angel Woman), da ihr die Fotografierte regelrecht davonzufliegen scheint. Vögel – Symbole für Freiheit und Transformation – sind in ihrem Werk allgegenwärtig. Die Spiritualität, das Surreale dieser Fotografie wird durch den Ghettoblaster abrupt unterbrochen.

Graciela Iturbide: Nuestra señora de las iguanas (Our Lady of the Iguanas, Juchitán, Mexico), Juchitán, Mexico, 1979. Sammlung Fotomuseum Winterthur, Schenkung Graciela Iturbide.

Graciela Iturbide verweigert uns die einfache Lesart eines fantastischen, zeitlosen Mexikos. Stattdessen verbindet sie Realität und Mythos und bleibt damit ihrer eigenen Bildsprache treu.

So auch in ihrem wohl ikonischsten Bild Nuestra Señora de las Iguanas, das im selben Jahr entsteht wie die Engelsfrau: Wir blicken zu einer Frau hinauf, deren Gesicht von Leguanen gesäumt ist – Tieren, die sie auf dem Markt von Juchitán verkauft.

Die Leguane krönen ihren Kopf und bieten eine Lesart des Porträts als Sinnbild der matriarchal geprägten Strukturen der Region. Erneut vereint Graciela Iturbide Alltag und Mystik durch ihre individuelle und selbstreflexive Perspektive.

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