

Bubi und Bobi – der Autor Erwin Hofstetter in den frühen Sechzigerjahren mit seinem Hund.
Ort der Aufnahme ist die Terrasse auf der von der verkehrsreichen Hauptstrasse abgewandten Ostseite des Hauses in Entlebuch. Sie zeigt Bubi und Bobi. Ich war Bubi. Bobi war er selbst.
Bubi blickt Richtung Boden, seine Zunge berührt die Unterlippe. Er lächelt, leicht peinlich berührt, scheint zu wissen, dass er fotografiert wird. Er sitzt, die Beine angewinkelt, die Oberschenkel parallel geschlossen, auf einem Willy-Guhl-Eternit-Sandkasten.
Wir sind in den frühen Sechzigerjahren, 1963/64. Winterliche Mittagszeit, mit Sonne aus Süd-Südost. Bobi blinzelt souverän in die Weite, in aufmerksam gespannter Haltung, die Vorderläufe parallel geschlossen, Bubis verdeckte linke Hand hält die Leine. Mittel- und Ringfinger der Rechten umklammern die Sandkastenkante.
Der x-förmige Schatten, welcher die Figurengruppe auf Fusshöhe fixiert, stammt vom Terrassengeländer mit Wäsche-Aufhängevorrichtung.
Bobi sei mein Hund gewesen, bekam ich erzählt. Ich kann mich nicht erinnern, irgendwann irgendetwas Hundehaltermässiges mit ihm zu tun gehabt zu haben. Spazieren ging Bobi mit Grosi. In ihrer Stube hatte er auch sein Schlaf- und Ruhelager: einen geflochtenen Korbstuhl mit Kissen.
1972 ist er von uns gegangen. Bobi 2 blieb mir fremd. Was nicht bedeutet, dass Hunde für mich keine Rolle mehr gespielt hätten: Höx schnappte nach meinem Unterschenkel, Petal jagte den Drachen, und Ziu erkannte mich sofort wieder, als ich ihn nach jahrelanger Abwesenheit wieder sah.
Ins Bild gesetzt wurden Bobi und Bubi, davon bin ich recht überzeugt, von meiner Mama. Als Erstgeborener und Stammhalter hatte ich wohl ein paar Repräsentationspflichten zu erfüllen. Medial und aufwandsmässig allerdings weniger inszeniert als heute üblich. Und schon gar nicht so üppig, wie es die Gepflogenheiten im spanischen Königshaus des 17. Jahrhunderts verlangten.
Ich mag den Maler Diego Velázquez (1599–1660). Ihn, weil in seinen Porträts die Empathie für sie Abgebildeten greifbar scheint. Seine Bilder wegen der unaufhörlich beeindruckenden Malerei.
Vor einer Weile bin ich im Kunsthistorischen Museum Wien dem Infante Felipe Próspero wieder begegnet: dem Gemälde mit dem Prinzen und dem Hündchen. Nicht so leicht auseinanderzuhalten bei Velázquez: Sehe ich ein Abbild, oder blicke ich tief in präsente Seelen?

Porträt des Infanten Felipe Próspero, Prinz von Asturien (1657–1661), Diego Velázquez, 1659. Kollektion des Kunsthistorischen Museums Wien. (Bild: KEYSTONE / HERITAGE IMAGES / Fine Art Images)
Dem kränklichen dreijährigen Jungen, dem ersehnten Kronprinzen und Thronfolger von König Philipp IV., bettete Velázquez ein Hündchen zur Seite. Seinen Kopf hat es auf die Armlehne des Kinderstuhls gelegt, in dieser entspannten Haltung fixiert sein Blick die Betrachterinnen und Betrachter.
Sein Ausdruck macht glauben, dass es die Tragödie spürt, von welcher der Junge nichts weiss: Próspero stirbt mit knapp vier Jahren.
Da war doch was bei Rilke? Kurze Suche und fündig geworden: die achte Duineser Elegie! Hier der Beginn:
Mit allen Augen sieht die Kreatur
das Offene. Nur unsre Augen sind
wie umgekehrt und ganz um sie gestellt
als Fallen, rings um ihren freien Ausgang.
Was draussen ist, wir wissens aus des Tiers
Antlitz allein; denn schon das frühe Kind
wenden wir um und zwingens, dass es rückwärts
Gestaltung sehe, nicht das Offne, das
im Tiergesicht so tief ist. Frei von Tod.
Ihn sehen wir allein; das freie Tier
hat seinen Untergang stets hinter sich
und vor sich Gott, und wenn es geht, so gehts
in Ewigkeit, so wie die Brunnen gehen.
Was sah Bobi, was Bubi nicht sah?