Kuratiert von Daniele Muscionico

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Freitag, 06. März 2020

Bild: «Besteigung eines Sérac», Autor unbekannt, Postkarte Photoglob-Wehrli, entstanden um 1900. Original im Bestand der Schweizerischen Nationalbibliothek.

Früher war alles … nun, es war wohl genauso wie heute: Die Gipfel­leistung ist männlich. Der Berg ist ein Fingerzeig Gottes. Und die Natur eine gutwillige Sache, die alles mit sich anstellen lässt. Und sei es noch so sinnlos wie auf diesem Bild hier.

Die Frage ist: Was unternimmt die historische Seilschaft in der Eiswand? Wirkt sie nicht eher so, als würde sie Pilze suchen? Hier stehen sieben Mannen, die augenscheinlich einzig deshalb ihr Leben aufs Spiel setzen, um dem Betrachter und dem Fotografen – weiss der Hühnergeier, wo dieser seine Kamera aufgebaut hat –, ein halsbrecherisches Sujet zu bieten.

Doch wer so ein Ziel vor Augen hat, wie die Herrschaften um 1900, müsste wohl wissen, dass er mit dem Unmöglichen ringt. Auf dieser Art von Rahmbläser-Gipfel nämlich wird nie mehr als ein Mensch auf einmal Platz finden. Man will sich zuhause im Fauteuil das Gedränge gar nicht erst ausmalen, wenn am Ende alle sieben auf dem ersten obersten Platz beharren.

Vielleicht geht die Geschichte aber auch ganz anders aus: Oben angekommen entpuppt sich dieser sonderbare Eisturm als schieres Hirngespinst von Höhenkranken.

Man hat gute Gründe, sich über die sonderbare Fotografie zu wundern. Wie können in diesen klimatischen und topografischen Verhältnissen beispielsweise alle sieben Hüte auf allen sieben Köpfen kleben bleiben? Wo sind die Fussspuren der Menschen im Schnee? Weshalb blieben die Handschuhe zuhause im Schrank liegen und steht die Sonntagsjacke weit offen? Fragen über Fragen.

Die Antwort liegt in der Technik selbst, mit der dieses Bild in die Welt gekommen ist. Dies glückte keiner Kamera, sondern einem Druckstein aus gepresster Kreide. Hier hat sich ein Künstler der Fotochromlithographie bedient, einem Hype, der bis in die 1920er Jahre florierte. Das Flachdruckverfahren stellte eine beliebige Anzahl Kopien eines Schwarzweissnegativs an – und veränderte es auf beliebige Weise. Das hier ist Photoshop avant la lettre und soll uns Bildgläubige daran erinnern: Fotografie ist die Lüge, die die Wahrheit erzählt.

Daniele Muscionico ist Germanistin, Publizistin und Kolumnistin. Sie ist Theaterverantwortliche in der «Neuen Zürcher Zeitung» und schreibt unter anderem in der «ZEIT» zu Theater und Fotografie.