Kuratiert von Cihan Inan

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Autor: Cihan Inan
Freitag, 07. Juni 2019

Das Diabild Dead Troops Talk (a vision after an ambush of a Red Army Patrol, near Moqor, Afghanistan, winter 1986) wurde im Jahr 1992 von Jeff Wall geschaffen. Es ist eines der teuersten fotografischen Werke der Welt. 2013 wurde es für 3,6 Millionen Dollar von The Broad Art Foundation in Los Angeles gekauft und ist seither dort zu sehen.

Der Kanadier Jeff Wall ist einer der bedeutendsten Kunstfotografen unserer Zeit. Sein Werk Dead Troops Talk ist 2,29 × 4,17 m gross und wird als ein von der Rückseite beleuchtetes Grossdia in einem metallgefassten Lichtkasten präsentiert. Die Fotografie entstand 1992 und verbindet hollywoodsche Kriegs- und Horror­filmästhetik mit der Dramaturgie von Schlachtfelddarstellungen aus der Renaissance. Wall nennt seine Methode «inszenierte oder erzeugte Realität». Dazu inszeniert und fotografiert er die einzelnen Soldaten­gruppierungen separat – erst am Ende setzt er diese in einer Digitalmontage zu einem Riesenfoto zusammen.

Auf den ersten Blick glaubt man, ein Schlachtfeld mit Soldatenleichen der neueren Zeit vor sich zu haben. Ein Mann in typischer Talibankleidung lässt einen an Afghanistan denken – ein vertrautes Motiv aus der Kriegsberichterstattung. Erst bei genauerer Betrachtung ist eine merkwürdige Dreier­konstellation von «untoten» Soldaten zu erkennen, die sich scheinbar amüsieren.

Das Faszinierende an diesem Bild ist, dass die Betrachterin es erst auf den zweiten Blick als inszenierte Groteske entlarvt. Der erste ist eine Täuschung und weicht dem Staunen über die dargestellte Szene. Die Irritation nimmt Überhand und lässt einen über Fake-News nachdenken. Dabei kommt man auch nicht umhin, den Hohn oder den Spott in der Mimik der Figuren als Kommentar zur Sinnlosigkeit jeglichen Krieges zu lesen.

Die Wahrheit dieses Bildes ist seine Inszenierung – die scheinbare Wirklichkeit entpuppt sich beim näheren Betrachten als eine Lüge. Jeff Walls Fotografie führt uns – wenn wir genau hinsehen – vor Augen, dass wir oftmals entscheiden, ohne genau zu schauen. Wie gefährlich!

Sich nicht täuschen lassen vom ersten Eindruck. Den Dingen auf den Grund gehen. Nicht immer glauben, was man sieht – oder nur glauben, was man wirklich sieht. Die Herausforderung unserer digitalisierten Welt ist, Irritationen nicht zu ignorieren – nicht wegzuklicken, was nicht passt –, sondern als Teil einer «falschen» Realität zuzulassen und so zu lernen, das verlorene Gut der «Erkenntnis» zurückzugewinnen.

Cihan Inan ist Theater- und Filmregisseur, Drehbuchautor sowie Dramaturg. Mehrfach war er als zweiter Regisseur für die TV-Serie Tatort tätig. Seit der Saison 2017/18 ist er Schauspieldirektor am Konzert Theater Bern. In der kommenden Spielzeit wird dort seine Adaption von Charlie Chaplins Der grosse Dikatator uraufgeführt. Zurzeit arbeitet er am Film Leopard, der vom Leben des Fluchthelfers und Lebemanns Hans Ulrich Lenzlinger handelt.