Kuratiert von Christine Lötscher

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Freitag, 06. November 2020

Bild: Edward Hopper malte das 66,7 × 102,2 cm grosse Ölgemälde «Gas» 1940. Es ist heute Teil der Sammlung des MoMA, des Museum of Modern Art, in New York. MRS. SIMON GUGGENHEIM FUND. ACC. NO. 577.1943 COPYRIGHT 2020. DIGITALES BILD, THE MUSEUM OF MODERN ART, NEW YORK / SCALA, FLORENCE

Als Kind hatte ich einen wiederkehrenden Traum. Es war Nacht, und ich war mit meinen Eltern im Auto unterwegs. Immer wieder strahlten einsame Gebäude grell aus der Dunkelheit hervor, und irgendwann hielten wir an einer Tankstelle. Als die Eltern im Inneren des Gebäudes verschwanden, geriet ich in Panik. Das beissend helle Licht im Raum hatte sie verschluckt, dachte ich, und mich würden die schwarzen Schemen holen, die sich in der Dunkelheit verborgen hielten.

Als ich Edward Hoppers «Gas» zum ersten Mal begegnete, erinnerte es mich sofort an meine rohe kindliche Angst vor dem Verlassenwerden. Die Szene an der verlassenen, aber gut gewarteten Tankstelle mitten im Nirgendwo der US-amerikanischen Wälder verwandelte die schreiende Panik in Melancholie – in eine Form von beglückender Sehnsucht nach dem Gefühl, zwar allein, aber doch unterwegs zu sein.

Hoppers Bild verwies schon 1940, lange vor der Erkenntnis, dass wir für unsere Mobilität einen viel zu hohen Preis bezahlen, darauf hin, dass der Horizont am Ende der Landstrasse nicht blau ist, sondern schwarz. Und doch geht das Bild weit über die Diagnose sozioökonomischer und ökologischer Gegebenheiten hinaus. Nicht nur die Tanksäulen leuchten, sondern auch das Gras am Strassenrand und der Wald scheinen aus sich heraus zu leuchten. Als sei da etwas im Dickicht verborgen, an dem man schnell vorbeirasen kann mit dem Fuss auf dem Gaspedal, das aber auch geheimnisvoll lockt, wie der Wald im Märchen.

Wenn ich den Traum von damals noch einmal träumen würde, wüsste ich jetzt, dass ich aus dem Auto aussteigen und in den Wald eintauchen müsste – um mich dort in den Gefügen von Wurzeln, Pilzen und kleinen Tieren zu verlieren. Und zu lernen, mich vor den Graugnomen und den Wilddruden zu hüten, wie Ronja Räubertochter in Astrid Lindgrens Roman.

Christine Lötscher forscht und lehrt an der Universität Zürich zu Populären Literaturen und Medien. Seit 2014 ist die freie Film- und Buchkritikerin Mitglied des «Literaturclubs» des Schweizer Fernsehens.