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Donnerstag, 06. August 2026

Romeo Vendrame, «low life III», Pigment Print, 100 × 150cm, 1999.

Ich sehe etwas, was du nicht siehst. So heisst ein altes Kinderspiel, das auch bei Erwachsenen immer beliebter wird. Ich sehe etwas Grünes, draussen vor dem Fenster. Ich sehe einen Post auf X, der endlich die Wahrheit sagt. Oder ich sehe ein Flugobjekt, das sanft über dem verhangenen Horizont schwebt.

Der Zürcher Fotograf Romeo Vendrame hat ein solches Objekt mit seiner Kamera eingefangen. Sein Glück als Fotograf war es, den richtigen Augenblick getroffen zu haben. Unser Glück als Betrachtende ist es, dass wir an diesem wunderbaren Schnappschuss teilhaben und dabei eine höchst seltene Beobachtung machen.

Doch zeigt das Bild wirklich, was wir zu sehen glauben? Die Behauptung, es handle sich um ein Ufo, bleibt fürs Erste ebenso schemenhaft wie das wahrgenommene Objekt selbst.

Im Wort «Wahrnehmung» steckt, worum es tatsächlich geht: Wir nehmen etwas für wahr, also für tatsächlich, wirklich, echt. Meist haben wir gute Gründe dafür. Die digitale Bildbearbeitung stellt die Wahrnehmung aber zusehends auf die Probe. Der Technikphilosoph Günther Anders hat vor siebzig Jahren schon geschrieben, dass Bilder da lügen, wo sie ausgeschnitten werden, also den Kontext weglügen. Das war zu Zeiten der analogen Fotografie.

Heute lügt das Bild im Kern, indem seine Struktur Pixel um Pixel aufgebaut und verändert werden kann. Mit künstlicher Intelligenz ist nicht einmal das nötig, weil Motive, Objekte, Menschen als Deepfake täuschend wirklichkeitsgetreu in alle möglichen Kontexte eingebettet werden können.

Demgegenüber bleibt Vendrames Fotografie ausgesprochen diffus. Sie lockt nicht mit präzisen Details, die die Realität scharf stellen. Wer will, kann darin ein Ufo sehen, ein magisches Objekt, das sich unserem Wissen und unserer Erfahrung entzieht und dem so etwas Märchenhaftes oder Futuristisches anhaftet. Ein solches Ufo kann ich als Betrachter nach eigenen Vorstellungen selbst möblieren.

Es gibt aber auch die andere Perspektive, die in dem fraglichen Objekt etwas erkennen möchte, was sich mit dem bestehenden Weltbild, der eigenen Erfahrung deckt: beispielsweise einen Wassertropfen auf einer Spiegelfläche, der mit einem Makroobjektiv aufgenommen wurde.

Wichtig zu wissen ist, dass Romeo Vendrame in seiner Fotografie konsequent mit analogen Mitteln arbeitet und keine digitalen Eingriffe vornimmt. Unter diesem Gesichtspunkt bezaubert das Bild mit dem Titel «low life III» dadurch, dass es eine Wirklichkeit widerspiegelt und zugleich bedeutungsoffen den Horizont der (visuellen) Erkenntnis ausreizt.

Die analoge Machart ist kein Makel, sie weckt im Gegenteil Phantasien. All das, was heute alternative Wahrheit, Fake News oder Verschwörungserzählung heisst, mutet nur auf den ersten Blick phantastisch an. Im Kern handelt es sich dabei um engstirnige Behauptungen, mit denen ein subjektiver Glaube rechthaberisch zur objektiven Wahrheit erklärt wird. Die Wirklichkeit dagegen bleibt im Lichte ihrer vielfältigen Möglichkeiten wunderbar offen und weit – wie es Romeo Vendrames brillante Fotografie veranschaulicht.

  • bref Magazin – Zum Beispiel Lesotho

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