Kuratiert von Antje Schupp

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Autorin: Antje Schupp
Freitag, 10. Juli 2020

Arthur Fellig, 1945, «At a Jazzclub in Greenwich Village». Fotografie aus dem Buch «Weege's New York - Photographien 1935-1960».

Ich hatte schon immer eine Schwäche für Street-Photography. Sie fängt das ein, was einem leicht entgeht, wenn man nicht wachsam sein Umfeld beobachtet. Sie ist Sozialstudie, Portrait und Zeitdokument zugleich und erzählt das, was zwischen den Zeilen steht.

Den Fotoband «Weegee’s New York» fand ich vor vielen Jahren als Studentin für zwölf Euro auf dem Bücherramschtisch. Ich kannte Weegee’s Arbeit damals noch nicht, aber schon nach dem ersten Durchblättern war ich Fan. Seitdem begleiten mich seine Bilder aus dem New York der 1930er bis 1960er Jahre.

Die Fotos von Weegee, der eigentlich Arthur Fellig heisst, erzählen nicht nur eine Geschichte, sie erzählen oft gleich mehrere auf einmal. Er beherrscht die Kunst wie nur wenige, dass man für einen kurzen Moment in die Gefühle derjenigen blicken darf, die er ablichtet. Und er lichtete so ziemlich alles, jede und jeden ab: Feuerwehrleute, Nachteulen, Schlafende, Stripperinnen, Celebrities, Polizisten, Täter oder Mordopfer. Und sehr häufig Publikum.

Wenn es ein Foto gibt, auf das der Satz «Feel the Music» zutrifft, dann ist es «At a Jazzclub in Greenwich Village», entstanden 1945. Wir befinden uns in der ersten Reihe eines Konzerts. Weegee steht mit auf der Bühne, was aber niemanden zu stören scheint. Wir sehen eine Gruppe junger Männer, die geradezu verzückt sind von der Musik. Der Mann in der Mitte schliesst beim Zuhören die Augen und fasst seinen Nachbarn am Arm. Beide lachen. Der junge Mann neben ihm jubelt frenetisch den Musikerinnen und Musikern zu und hat die Fäuste geballt. Hinter ihnen strahlt ein dritter klatschend in die Kamera. Sein Blick ist offen, seine Augen vor Begeisterung weit aufgerissen. Der vierte neben ihm hat ein breites Grinsen im Gesicht. Mitten durch das Bild rauscht der Grund für all das Glück: eine Posaune. Abseits des Blitzlichts blickt fast unbemerkt noch jemand in die Kamera. Anders als die anderen lächelt er nur schüchtern.

Obwohl das Konzert längst vorbei ist und die Menschen auf dem Bild vermutlich alle mittlerweile gestorben sind, löst die Fotografie bei mir immer wieder das gleiche Gefühl aus: Ich sitze mit dieser Gruppe junger Männer gequetscht in der ersten Reihe, höre Jazz und kann die Musik fühlen. Das ist für mich die Kunst von Weegee.

Schirmer/Mosel, Deutschland 1982; 335 Seiten; antiquarisch greifbar.

Antje Schupp ist Regisseurin, Performerin und Autorin. Sie inszeniert Sprech- und Musiktheater und entwickelt seit zehn Jahren eigene Produktionen in der freien Szene. Ihre Inszenierungen sind unter anderem in der Kaserne Basel, im Schauspielhaus Zürich oder im Theater am Neumarkt zu sehen. Schupp ist Trägerin des Zürcher Festspielpreises 2020.