Der ehrliche Klappentext

«Kunst sehen» von Julian Barnes

Die Essaysammlung «Kunst sehen» des englischen Kunstliebhabers Julian Barnes ist ein Trainingsprogramm für das Interpretieren von Bildern. Die Botschaft des Autors: Traue dem eigenen Blick mehr als dem des Kunstkritikers.
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Freitag, 06. März 2020

Jeder, der als Laie ein Kunstmuseum besucht, kennt diesen Augenblick vor einem Gemälde, in dem eine Vielzahl von Fragen auftauchen: Ist das Kunst, und ist das gute Kunst? Wie lässt sich das überhaupt beurteilen, und was muss man dazu wissen?

Solche Fragen kennt auch der Schriftsteller Julian Barnes. Der Brite schreibt mit viel Leidenschaft über Kunst, Musik und Literatur. In «Kunst sehen» bietet er nun eine Art Einführung und Training in das Verstehen und Interpretieren von Bildern. Der Essayband mit zahlreichen Abbildungen versammelt siebzehn Texte, in denen der Autor Gemälde aus dem 19. und dem 20. Jahrhundert betrachtet. Zu finden sind Grössen wie Delacroix, Cézanne, Degas oder Magritte.

Barnes erweist sich in dem Buch als genauer Beobachter. So auch in der Kunstbetrachtung, die er dem Schweizer Félix Vallotton (1865–1925) widmet. Dieser verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in Frankreich und schuf flächig-farbige Figuren, Portraits, schwarz-weisse Holzschnitte mit Beziehungsszenen, Sonnenuntergänge und Akte. In dem vielfältigen Repertoire des Künstlers fällt dem Autor das Uneindeutige, kaum Fassbare auf, aber auch «seine Bandbreite von höchster Qualität zu äusserster Schrecklichkeit». Um die Disparität des Schaffens zu erklären, sucht Barnes nach einer biografischen Spur: Er sieht in Vallotton das Schicksal eines Armen, der eine reiche Frau heiratete und mit dem sozia­len Gefälle nicht zurechtgekommen sein muss. Barnes sieht in ihm gar «einen protestantischen Maler», einen «Befürworter von harter Arbeit, Kontrolle und der Bewältigung maltechnischer Schwierigkeiten», der mehr und mehr «streitsüchtig und depressiv» wurde. Das hatte zur Folge, dass er unablässig gemalt habe, um geistig gesund zu bleiben. Beim Betrachter Barnes hinterlässt der Künstler Vallotton widersprüchliche Gefühle – dessen «Rätselhaftigkeit» will er aber dennoch nicht auflösen, denn genau dies mache Vallottons Schaffen aus.

Ein anderer Essay nähert sich der Kunst von Howard Hodgkin. Mit dem britischen Maler, der 2017 im Alter von 85 Jahren starb, war Julian Barnes lange Jahre befreundet. Hodgkin schuf farbige, halbabstrakte Werke und war ein Perfektionist der Farbe. Barnes konfrontiert ­Hodgkins eigene Aussagen zum Werk mit den Meinungen weiterer Maler und schliesslich seiner eigenen Betrachtung. Dabei kommt er zum Schluss, dass es besser sei, der Kunst und dem eigenen Blick darauf zu vertrauen, und nicht dem Künstler oder anderen Meinungen. Nur so spreche ein Werk direkt das Auge, das Herz und auch das Gehirn des Betrachters an, aber eben nicht den Teil des Gehirns, der sich mit Worten ausdrückt. Barnes ist sich sicher: Jede Interpretation, sei sie vom Künstler selbst oder einem anderen Kritiker, reduziere die eigene Betrachtung.

«Kunst sehen» ist keine durchlaufende Kunstgeschichte, ist weder theoretische Abhandlung noch Roman. Barnes schreibt seine Beobachtungen in einer anspruchsvollen, klassischen Sprache, in einem assoziativen, oft anekdotischen und zuspitzenden Stil. Erfrischend ist seine Kritik an dem Blabla des Kunstbetriebs, seine Absage an ein Ranking von Kunst und seine Vorbehalte dagegen, Kunst von der Biografie des Künstlers her verstehen zu wollen. Denn die Kunst selbst, schreibt Barnes, «besteht über unsern Köpfen fort, riesengross und gleichgültig». So könne es zwar für die Betrachterin hilfreich, erfreulich und bereichernd sein, über Malerei einiges zu wissen, doch letztlich zähle nicht das Wissen, sondern allein das überlieferte Objekt und die «lebendige Reaktion» darauf. Das Wunder der Kunst sei eben gerade, «dass sie uns unerwartet überfallen und uns verwundert innehalten lassen kann», schreibt Barnes. Es ist das Überzeugende von dieser Einführung in die Bildinterpretation, dass sie am Ende auf dem Unverfügbaren der Kunst besteht.

Julian Barnes: «Kunst sehen». Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019; 352 Seiten; 29.50 Franken.