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Donnerstag, 18. Juni 2026
Der Tummelplatz eines ganz besonderen Erdgeistes scheint heute besonders der sogenannte Sport zu sein. Mag das alte biedere «mens sana in corpore sano» zur rationalen Erklärung dessen, was die aktiven Sportler bewegt, in selteneren Fällen auch heute noch in Anschlag zu bringen sein. Nicht in allen unter ihnen (…) meint man es freilich, nach ihren Bildern zu schliessen, mit ausgesprochenen Edelmenschen zu tun zu haben. Was aber hat die Sache schon im alten Griechenland und Rom und heute in weltweitem Umfang zu einer öffentlichen Angelegenheit ersten Ranges gemacht? Was ist es nämlich mit der sogenannten «Sportbegeisterung» der Millionen von sogenannten «Sportfreunden», die bei dem, was die aktiven Sportler leisten, ja doch nur — aber in welch leidenschaftlicher, oft geradezu tobender Aufregung! — zuschauen? (…)
Sport ist heute sehr wichtig.
Viele Menschen lieben Sport.
Aber warum?
Früher hat man gesagt:
Körper und Geist müssen beide gesund sein.
Der Körper soll fit und stark sein.
Der Geist soll gut denken können.
Beides gehört zusammen.
Man war überzeugt:
Der Mensch soll alle seine Fähigkeiten entwickeln.
Seine körperlichen Fähigkeiten.
Und seine geistigen.
Nur so ist er ein ganzer Mensch.
Nur so ist er ein edler Mensch.
Ist Sport deshalb heute so beliebt?
Um den Menschen edler zu machen?
Bilder von Sportlern zeigen:
Es muss einen anderen Grund geben.
Manche Sportler sehen nicht besonders edel aus.
Warum begeistert Sport also so viele Menschen?
Warum schauen Millionen Menschen beim Sport zu?
Sie jubeln.
Sie schreien.
Sie leiden mit.
Was bewegt die Menschen so?
Was führte nach den 1958 in Schweden zelebrierten Meisterschaftsspielen in Brasilien, der Heimat des siegreichen Teams, zur Schaffung eines neuen National-Feiertags, und was konnte dem besten, damals siebzehnjährigen Spieler dieses Teams, dem «Wunderstürmer» Pelé, neben viel Geld und anderen guten Sachen nicht weniger als fünfhundert Heiratsanträge einbringen, während Deutschland bei demselben Anlass aus dem entgegengesetzten Grund in eine Art entrüsteter Landestrauer mit den seltsamsten Nebenerscheinungen zu versinken drohte? (…)
Im Jahr 1958 fand die Fussball-Weltmeisterschaft in Schweden statt.
Brasilien gewann das Turnier.
Die Freude in Brasilien war riesig.
Man hat sogar einen neuen Feiertag eingeführt.
Die Spieler wurden bejubelt.
Vor allem der Stürmer Pelé.
Pelé war erst 17 Jahre alt.
Er schoss viele Tore für Brasilien.
Dafür liebten die Menschen ihn.
Pelé wurde berühmt.
Er bekam viel Geld.
Etwa 500 Frauen wollten ihn heiraten.
Die Menschen in Deutschland dagegen waren traurig.
Sie waren wütend und enttäuscht.
Ihre Mannschaft hatte verloren.
Das hat die Menschen empört.
Im ganzen Land sprach man darüber.
Warum löst Sport so starke Gefühle aus?
Warum freuen sich die Menschen so über einen Sieg?
Warum ist eine Niederlage so schlimm?
Sollte es vielleicht um eine Art Repräsentierung: um des Menschen uraltes Bedürfnis gehen, in den im Wettkampf (…) sich Bewährenden und über alle Anderen Triumphierenden die Heroen zu finden, die sie alle selber gern wären, und also in deren Person in Wahrheit sich selbst, eifersüchtig auf alle Nebenbuhler, zu begleiten, zu bejubeln oder im Fall des Misserfolgs zu beweinen? Aber eben: Wer diktiert dem Menschen dieses oder ein ähnliches Bedürfnis und dessen Befriedigung gerade in dieser letztlich doch etwas primitiven Form? (…) Dass es sich um eine besondere Verrückung mit folgender Verrücktheit handelt, dürfte deutlich sein. Indem der Mensch die wahre Majestät aus den Augen verlor und immer wieder verliert, musste und muss sich guter Sinn wohl auch in dieser Sache in Unsinn verkehren.
Vielleicht suchen die Menschen im Sport Helden.
Sportler eignen sich gut dafür.
Sie sind mutig.
Sie sind stark.
Sie besiegen andere im Wettkampf.
Viele Menschen wollen selbst so sein.
Sie wollen auch stark und erfolgreich sein.
Darum machen sie einen Sportler zu ihrem Helden.
Sie fühlen sich diesem Sportler sehr nah.
Sie werden beinahe selbst zu dieser Person.
Sie jubeln mit ihr.
Sie leiden mit ihr mit.
Aber das erklärt nicht alles.
Warum haben Menschen diesen Wunsch?
Warum wollen sie so stark bewundern?
Das ist eine schwierige Frage.
Menschen suchen nach etwas, das grösser ist als sie selbst.
Viele Menschen finden das in Gott.
Manchmal verlieren sie Gott aber aus den Augen.
Dann setzen sie andere Menschen an seine Stelle.
Aus Sportlern werden Helden.
Die Menschen schauen zu ihnen auf wie zu einem Gott.
Das ist nicht mehr gesund.
Da läuft etwas schief.
* Karl Barth hat sich selten zum Sport geäussert. Eine Ausnahme ist eine Passage in seinem postum publizierten Werk «Das christliche Leben». Es enthält Barths letzte Vorlesungen zu seiner Kirchlichen Dogmatik aus den Jahren 1959—1961.