Kuratiert von Karin Mairitsch

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Donnerstag, 21. Mai 2026

Cornelia Kunert, «Layers Are Us», Öl auf Leinwand, 115 × 150 cm, 2025 (Bild: cornelia-kunert-paintings.net)

Kommt Ihnen dieses Gefühl bekannt vor: Sich zu wundern, wer jemand ist, den Sie eigentlich schon lange kennen? Diese Person immer und immer wieder zu suchen und neu zu erfinden – inmitten all der Narrative, die sie uns von sich erzählt, und jener, die andere über sie erzählen. Mich, dich, uns überhaupt zu finden, ist eine Herausforderung – trotz oder wegen der vielen Jahre, die wir einander kennen.

Das Werk «Layers Are Us» (2025) in Öl auf Leinwand eröffnet uns einen möglichen Zugang zu diesem Gefühl. Der künstlerische Ansatz von Cornelia Kunert fordert auf, uns vorzustellen, dass wir uns in Schichten verlebendigen («Layers»), dass Geschichten uns formen und zeichnen («Are Us») und dass diese niemals sind, wer wir sind. So gesehen, begegnen wir einander nicht. Wir sind als Objekt entzogen und scheinen als Subjekt. Was wir sind und was auf uns zukommt, ist Schicht um Schicht um Schicht.

Schauen wir uns an, wie Kunert diese Schichten, die uns ausmachen, im Werk hinterlässt: Das Subjekt, der Mensch – genauer gesagt sein Rumpf – ist in die Bildmitte gerückt und in der unteren Bildhälfte positioniert. Legen wir über das Bild eine gedachte Mittellinie, liegt die bauchige Karaffe darüber, etwa auf der Höhe des Kopfes, und weist ungefähr dieselben Proportionen auf.

Am unteren Rand des Bildes erkennen wir eine braune Hose mit Hosenträgern. Das ist kein Mensch, das sind Fragmente, Spuren vielleicht, die gar nicht zu einer Vollständigkeit hin gemeint sind, sondern sich lose und doch in einer Verbindung der Form aufeinander beziehen. Wie in einem Triptychon stehen die Bildteile miteinander hintergründig in einem Dialog. Nichts Eindeutiges. Gerahmt und wie zufällig zusammengehalten durch schwarze Flächen.

Die drei Bildflächen in der Mitte zeigen die Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit dessen, was wir sind, als klare und sinnvolle Elemente: die braune Hose, das Stillleben (ein Zitat des Werks «Karaffe mit Wein» (1728) von Jean-Baptiste Siméon Chardin) sowie der in Schwarz-Weiss gehaltene Rumpf. Letzterer stellt einen Fotografen dar, die Kamera ein Modell ohne eindeutigen Zeitbezug. Er hält sie, als ob er eine Pistole trüge. Ein Paparazzo? Ein Hobbyfotograf? Auf jeden Fall einer, der visuelle Geschichten erzählt. Von sich. Von anderen.

Cornelia Kunert sagt dazu: «Es geht nicht um Wahrheit [Anm. der Verfasserin: auch nicht in der Fotografie]; vielmehr erzählen wir einander und uns selbst Geschichten. Darüber, wer wir sind, immer und immer wieder, und wir glauben sie, auch wenn sie sich sanft verändern. Wir glauben, dass wir genau jene aus unserer Geschichte sind, aber genauso gut könnten wir auch der ‹bad guy› sein oder eine Randfigur, wer weiss.»

Mich wundert auch, wer ich bin. Besonders, wenn ich dieses Werk betrachte. Ein geschichtetes Wesen, das sich am scheinbaren Selbst-Sein hält. Das eine Echtheit und Eindeutigkeit vermutet, die es vielleicht nicht gibt. Ist erinnerlich, wie man ohne Schichten und Geschichten wäre? «Zu glauben, dass unsere Wirklichkeit oder unser Selbst irgendetwas Festes, Unumstössliches und Fundamentales hat, ist Schwachsinn.

Wir sind immer im Umbruch, im Aufbruch, dekonstruieren und strukturieren gleichzeitig. In uns arbeiten die Schwärme von Ideen und Gedanken zusammen, wie Ameisen in ihrem Hügel. Deshalb lasse ich mir von niemandem die Welt erklären, der nicht weiss, wie man Gegensätze zulässt, Antinomien und Absurditäten, ohne verrückt zu werden», antwortet Cornelia, deren Schaffen ich seit Jahren studiere. Die ich kenne – oder vielleicht auch nicht, wer weiss.

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