Der ehrliche Klappentext

«Jenseits des Selbst» von Wolf Singer und Matthieu Ricard

Mitgefühl ist trainierbar: Im Buch «Jenseits des Selbst» diskutieren der buddhistische Mönch Matthieu Ricard und der Hirnforscher Wolf Singer darüber, was christlich-westliche Kulturen von der buddhistischen Meditation lernen können. Auch wenn die beiden dabei nicht gegen alle Klischees gefeit sind, lohnt sich die Lektüre.
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Freitag, 18. August 2017

Wir alle haben viele Jahre lang Schulen, Universitäten oder andere Lehrstätten besucht, in denen wir unzählige kognitive und praktische Fähigkeiten erlernt und trainiert haben. Warum gibt es aber keine vergleichbaren Institutionen, in denen wir emotionale Fähigkeiten erlernen, obwohl wir heute wissen, wie wichtig Gefühle für das menschliche Leben sind?

Diese Frage steht im Zentrum fesselnder Gespräche zwischen dem Hirnforscher Wolf Singer und dem buddhistischen Mönch Matthieu Ricard, die das Buch Jenseits des Selbst dokumentiert. Ricard beschreibt die buddhistischen Meditationstraditionen als hochentwickelte Systeme zur Entwicklung der emotionalen Intelligenz. Der Hirnforscher Singer, der seit Jahren die emotionalen Wirkungen der Meditation erforscht, erläutert deren Wirkungen aus neurobiologischer Sicht. Gemeinsam träumen sie von einer Gesellschaft, die kognitive und emotionale Fähigkeiten gleichermassen fördert.

Dabei räumt der Dialog zwischen dem Buddhisten und dem Neurowissenschaftler mit populären Klischees über buddhistische Meditation auf. Ricard unterstreicht, dass Entspannung lediglich eines von vielen Meditationszielen darstellt: Buddhistische Meditierende würden vielmehr nach einem «ruhigen, aber hellwachen Geist» streben, der sich durch «tiefen Gleichmut und intensive Konzentration» auszeichnet. Singer legt dar, dass die Gehirne von meditierenden Mönchen und Nonnen tatsächlich alle Zeichen hoher Geistesgegenwart aufweisen.

Die Lektüre ist durchaus anspruchsvoll und auch ungewohnt – buddhistische Konzepte wie «tiefe Gleichmut» oder «freudvolle Verbundenheit mit dem Kosmos» werden von den Autoren bewusst nicht in westliche Ausdrücke übersetzt, um die Eigenständigkeit der buddhistischen Tradition zu betonen. Dabei arbeitet Ricard auch den Unterschied zur westlichen Psychologie heraus. Anders als bei der Psychoanalyse gehe es der buddhistischen Tradition nicht um die Aufdeckung verdrängter Konflikte, sondern um die äusserst präzise Wahrnehmung emotionaler Reaktionen. Er nennt die Meditation das «leistungsfähige Mikroskop der Wissenschaft des Geistes» und erläutert, wie die gewonnenen Einblicke das Training emotionaler Fertigkeiten erlauben.

Ricard schildert weiter, wie erfahrene Meditierende ihren «Geist aus den engen Gefängnismauern des Ich lösen und eine freudvolle Verbundenheit mit dem Kosmos» erfahren. Gemäss Singer haben Hirnforscher mit Hilfe bildgebender Verfahren tatsächlich bedeutende Veränderungen in den Gehirnen langjähriger Meditierender entdeckt, die zu den subjektiven Beschreibungen ihrer Erfahrungen passen. Zudem würden die Studien ihre Fähigkeit belegen, Zustände und Gefühle wie Ruhe, Freude und Mitgefühl willentlich zu erzeugen.

Sollte das Meditieren also zum Pflichtschulstoff für uns alle werden? Leider bleiben Singer und Ricard gerade in dieser Hinsicht vage. Die Autoren zitieren zwar Studien, laut denen einfache Meditationsprogramme für Laien die seelische und körperliche Gesundheit verbessern. Der Fokus ihrer Gespräche liegt aber auf den Erfahrungen langjähriger Meditierender. Dabei gerät das Interesse von Laien aus dem Auge.

Ebenfalls problematisch ist, dass Ricard häufig seine liberalen Deutungen tibetischer Klostertraditionen mit dem Buddhismus als Ganzes verwechselt und von buddhistischen «Kulturen des Mitgefühls» schwärmt. So leistet er einer Romantisierung des Buddhismus Vorschub und erweckt den Eindruck, er sei friedlicher als andere Weltreligionen. In einer Zeit religiöser Intoleranz sind solche Stereotype nicht nur unverständlich – sie sind sogar gefährlich.

Trotz diesen Einwänden ist Jenseits des Selbst lesenswert, denn es verfolgt einen spannenden Dialog zwischen zwei Koryphäen auf ihrem Gebiet. Und es ermutigt dazu, sich selber bewusster mit den eigenen Emotionen auseinanderzusetzen.

Wolf Singer, Matthieu Ricard: Jenseits des Selbst — Dialoge zwischen einem Hirnforscher und einem buddhistischen Mönch. Suhrkamp-Verlag; Berlin 2017; 350 Seiten, 35.50 Franken.

Michael Holmes ist Wissenschaftsjournalist.