Aus der Herzkammer

Jänner 2021

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Autor: Ramin Nikzad
Freitag, 15. Oktober 2021

Ich bin in diesen fast 42 Jahren auf dieser Erde mittlerweile von allen Seiten beschimpft und mit Sch***** beworfen worden.

Ich bin als Kommunist beschimpft worden.
Ich bin als Kapitalist beschimpft worden.

Als Jihadist.
Als islamophob.

Als homophob.
Als homophil.

Als Antisemit.
Als Zionist.

Als Antizionist.
Als Nazi.

Als Katholik.
Als Antichrist.

Als Schulmediziner.
Als Scharlatan.

Als Macho.
Als Tunte.

Ich wache von Grund auf ungern auf.
Ich schlafe gerne.
Ich bin ein Genussschläfer.

Aber irgendwann muss jeder morgens aufstehen, und so stehe auch ich irgendwann morgens auf und öffne das Fenster meiner Spittelberger Biedermeierwohnung und schau auf den Innenhof meiner Biedermeierwohnung am Wiener Spittelberg.

Platanen, Fichten, Holunderbüsche. Im Sommer zirpen hier die Grillen. Im Winter liegt hier alles in Schneeweiss.

Ich gehe in die Küche und trinke den ersten Kaffee meines neuen Tages.

Und nehme den ersten Zug meiner ersten Zigarette dieses neuen Tages.

Seit ich lebe, werde ich beschimpft. Beschimpft, verflucht, verlacht, verspottet.

Als ich zehn war, lähmte mich das.

Als ich zwanzig war, stresste mich das.

Als ich dreissig war, erzürnte mich das.

Seit vierzig ist es mir egal.

Es kümmert mich nicht mehr.

Der japanische Baum in meinem Spittelberger Innenhof hat riesenhafte Blätter, lilafarbene Blüten im Frühling und nussige Früchte im September.

Im Spätherbst fallen seine riesenhaften Blätter zu Boden und bedecken den gesamten Rasen meines Spittelberger Innenhofes.

Sie sind im Oktober goldgelb. Mittlerweile sind sie sch****farben und verfault.

Vermutlich sollte ich die Hausverwaltung auffordern, das Laub zu rechen.

Aber mir gefällt dieser laubbedeckte sch****farbene, faulige Innenhof.

Er passt zum Spittelberg eines Jänners 2021.

Er passt zum Wien in einer Jahrhundertpandemie.

 

Übrigens, ich wurde 1979 in Teheran geboren, und damals war Ramin ein Modename. Jeder zweite Neugeborene in Teheran hiess damals Ramin. Soweit ich mitbekommen habe, auch in Pakistan und Indien und teilweise auch im arabischen Raum. Ramin war die Jennifer des Mittleren Ostens.