Der ehrliche Klappentext

«Im Anfang war das Gefühl» von Antonio Damasio

Wo liegt der Ursprung von Literatur, Architektur und Religionen? Mit «Im Anfang war das Gefühl» rüttelt der Neurologe und Bestsellerautor Antonio Damasio an bisherigen Meinungen zur Entstehung von Kultur. Das Thema interessiert, das Buch gibt sich schlau und provoziert.
Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Autorin: Corinne Holtz
Freitag, 17. November 2017

Im Anfang war das Gefühl – dieser neckische Titel, der auf den Prolog des Johannesevangeliums anspielt, ist geschickt gewählt. Die Aufmerksamkeit ist dem Starneurologen Antonio Damasio damit sicher. Nicht der Intellekt stösst den Erfindungsgeist und die Kulturleistungen an, sondern das Gefühl, schreibt Damasio in seinem neusten Wurf. Damit hat der Kopf als alleiniger Motor ausgedient: «Gefühle werden nicht allein vom Gehirn hervorgebracht. Sie sind vielmehr das Ergebnis einer partnerschaftlichen Kooperation von Körper und Gehirn. Gefühle stehen mittels ungehindert fliessender chemischer Moleküle und Nervenbahnen in Wechselbeziehung zwischen Körper und Gehirn.»

Gefühle als Kulturstifter – damit verstetigt Damasio seine Sichtweise, die im Besteller Ich fühle, also bin ich seinen Anfang nahm. Bisherige Theorien gingen von einer rein kognitiven Grundlage von Kunst, Sprache und Traditionen aus. Damasio nennt als Beispiel den Soziologen Talcott Parsons, dessen Einfluss bis in die Gegenwart reiche. Für Parsons ist das Gehirn entscheidend, weil nur dieses die Fähigkeit steuern könne, komplexe Handlungen zu koordinieren. Das bestätigt auch die gängige Neurowissenschaft und hebt dabei die Sonderrolle des Musizierens hervor. Bei keiner anderen Kulturleistung sind so viele Gehirnareale gleichzeitig aktiv.

Damasio kritisiert diesen Ansatz und bedauert die Missachtung der Gefühle in der Neurobiologie. Denn das Nervensystem erzeuge das, was wir «Geist» nennen und uns zu Kulturleistungen bringt, nicht allein, sondern in Kooperation mit dem zugehörigen Organismus. Dieses Kooperieren basiere auf der Homöostase. Homöostase wiederum bedeutet: Zellen sorgen für ein stabiles inneres Milieu eines einzelnen Lebewesens, sie stabilisieren zum Beispiel den Blutdruck und die Körpertemperatur – und gemäss Damasio auch den Geist.

Und zu diesem Geist gehört nun auch ein Bewusstsein. Zusammen erstellen sie innere und äussere Bilder. Diese seien nie neutral, sondern immer affektiv aufgeladen, ist Damasio überzeugt. Bilder wecken demnach zuerst eine Emotion und dann ein Gefühl. Der Autor unterscheidet diese beiden Begriffe: Emotionen sind Körperzustände – etwa ein Schnitt mit dem Küchenmesser in die Fingerkuppe. Der Körperzustand «Schnitt» weckt ein Gefühl: den Schmerz. Der Schmerz wiederum löst ein Handlungsprogramm aus, denn die Homoöstase, dieses innere Milieu des Körpers, ist gestört. Vielleicht schreit jemand, um Hilfe zu bekommen, auf jeden Fall lässt er das Messer fallen. Und oft zeitigt diese Erfahrung Folgen: Der Betreffende vollbringt eine Kulturleistung und stellt aus Mullbinden Fingerkappen her. So weit, so verständlich.

Doch Damasio legt nach. Gefühle sind bei ihm Schiedsrichter, Vermittler und letztlich gar «Richter über den Prozess der kulturellen Kreativität» im Wechselspiel mit der Vernunft. Kunst entsteht dann, wenn ein Individuum an der Lösung eines durch Gefühle verursachten Problems arbeitet. So stellt sich Damasio die Entwicklung etwa von Musik, Tanz, Malerei und Dichtung vor. Anschliessend begibt er sich aufs Glatteis: Kulturleistungen sind angeblich moralisch motiviert, sie wollten das menschliche Wohlbefinden befördern und dadurch die Homöostase, den Lebensfluss erhalten. Im Gegenzug seien etwa Vernichtungswaffen aus einem «nachteiligen Wechselspiel zwischen Gefühlen und Vernunft» entstanden. Was Sigmund Freud einst als destruktiven «Todestrieb» bezeichnet hat, ist für Damasio eine «Störung der Homöostase und ihre verheerenden Auswirkungen auf das individuelle und kollektive Verhalten der Menschen».

Spätestens hier verlässt Damasio den Pfad der Glaubwürdigkeit. Angenommen, man akzeptiert den Ursprung von Kultur in der Homöostase, wird es spätestens mit der Behauptung einer moralisch motivierten Hervorbringung von Kultur fahrlässig spekulativ. Das von Damasio geforderte «Licht aus Kunst und Geisteswissenschaft», das die Naturwissenschaft «erhellen» soll, ist ein schiefes.

Antonio Damasio: Im Anfang war das Gefühl. Verlag Siedler, München 2017; 320 Seiten; 34.90 Franken.

Die Publizistin Corinne Holtz lebt in Zürich.