Der ehrliche Klappentext

«Hunde Dogs» von Emil Nolde

Derzeit debattiert das deutsche Feuilleton, wie mit den Nazisympathien des expressionistischen Malers Emil Nolde umzugehen sei. Unfreiwillig komisch wirkt da das neue Bändchen Hunde / Dogs, in dem der Künstler als Porträtist von Vierbeinern entdeckt werden kann. Eine kurzweilige, wenn auch seltsam harmlose Lektüre.
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Donnerstag, 09. Mai 2019

Lange Zeit galt der Expressionist Emil Nolde als politisch unbescholtener Maler von avantgardistischen Blumenbildern und wilden Küstenlandschaften. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er gar zum künstlerischen Opfer der Nationalsozialisten stilisiert: Von den Nazis als entarteter Maler verfemt, habe Nolde gegen den Willen des Regimes weitergewirkt. Dass dieses Bild von Nolde täuscht, belegen erst spät aufgetauchte Dokumente, in denen er sich als glühender Deutschtümler, Hitlerverehrer und Antisemit entpuppt.

Nolde leistete gegen das Dritte Reich niemals Widerstand. Im Gegenteil: Briefe Noldes an Nazispitzen bezeugen, dass er die Hoffnung, doch noch als Staatskünstler anerkannt zu werden, bis zum Ende nicht aufgab. Dabei schreckte das langjährige NSDAP-Mitglied selbst vor übelster Denunziation von Künstlerkollegen nicht zurück. Nach dem Krieg leitete Nolde seine Entnazifizierung gleich selbst ein, indem er sämtliche kompromittierenden Stellen aus seinen Memoiren tilgte.

Noldes politische Gesinnung sorgt im deutschen Feuilleton derzeit für Debatten. Bundeskanzlerin Angela Merkel liess dieser Tage zwei Noldebilder aus ihrem Büro im Bundestag entfernen: Grund dafür ist eine Kunstausstellung in Berlin, die den Künstler und seine Sympathien zum Naziregime aufarbeitet. Die beiden Bilder werden darin zu sehen sein – zurückhaben will Merkel die ­Gemälde gemäss Medienberichten aber nicht.

Es gehört zur Widersprüchlichkeit Noldes, dass sich kaum etwas von seiner Gesinnung in seiner Malerei spiegelte: kein Blut-und-Boden-Kitsch, keine Überhöhung des nordischen Menschen, keine spiessigen Familien­idyllen. Sobald Nolde den Pinsel führte, dachte er grosszügig, avantgardistisch und kühn. Der 1867 in Schleswig geborene Bauernsohn liebte die Natur, hatte aber auch einen Hang zu grotesken, phantastischen und exotischen Motiven.

Einen eher kuriosen Zugang zum Leben und Schaffen des Künstlers erschliesst nun ein neues Kunstbändchen. Der Noldekenner Christian Ring dokumentiert darin anhand von Anekdoten und teilweise unveröffentlichtem Bildmaterial Noldes lebenslange Passion für Hunde. Die Zuneigung zu den Vierbeinern teilte der Maler mit seiner Frau, der dänischen Schauspielerin Ada Vilstrup. Das Ehepaar verbrachte die Sommermonate auf wechselnden Wohnsitzen an der Ostsee. Ein Hund gehörte da immer auch zum festen Inventar.

Zum Beispiel der Bernhardiner Kastor. Nolde erwarb den Welpen 1903 im Austausch gegen ein Gemälde. Dass das «pusselige kleine Ding» bald Kleinpferdgrösse erreichen würde und entsprechend verköstigt werden müsste, ahnte er nicht. Nolde verkaufte damals fast nichts, und so musste auch Kastor hungern. In seinen Erinnerungen schrieb der Maler: «Das Kochen war schwierig, selbst der Hund war mit meinem Essen nicht zufrieden; er wurde magerer und magerer.» Kastors Nachfolger, die Tigerdogge Fajo, begleitete ihn gerne zum Fischen: «Wenn wir fischen, steht stets Fajo vorne im Boot, er weiss schon, wann es ist, und will immer mit», berichtete Nolde in einem Brief an seine Frau. Die Dogge hatte es dem Ehepaar so angetan, dass er eine Postkarte mit Fajos Foto drucken und an die ganze ­Familie verschicken liess.

In Noldes Schaffen fanden Hunde auf vielfältige Weise Eingang. Oft waren es die eigenen Vierbeiner, die er auf seinen Gemälden verewigte. So erscheint Kastor gleich auf mehreren Aquarellen, und der imposante Fajo erhielt 1916 auf einem grossflächigen Portrait seinen Platz in der Kunstgeschichte. Immer wieder tauchen Hunde auch auf Noldes phantastischen Bildern auf: riesenhaft, in grotesker Verzerrung oder als unheimliche Gestalten der Nacht.

Die Dokumentation Hunde / Dogs ist eine unterhaltsame, aber nicht unverzichtbare Lektüre. Der unverfängliche Inhalt des Bändchens wirkt angesichts der neu aufgeflammten Debatten um die politische Gesinnung des Künstlers gar etwas fragwürdig. Die kurzweilige ­Lesestunde sollte jedenfalls einer Neubeurteilung Noldes vor dem Hintergrund seiner national­sozialistischen ­Gesinnung nicht im Weg stehen.

Christian Ring: Emil Nolde. Hunde / Dogs. Dumont, Köln 2019; 88 Seiten; 21.90 Franken.