Nora Gomringer

Gott ist selten vor Ort und doch nie weg

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Freitag, 09. Oktober 2020

Gott ist wie ein atmosphärisches Störelement: nicht sichtbar, und doch immer wieder gegenwärtig, schreibt Nora Gomringer.

Oh dieser unsichtbare Gott! Wie nirgends der ist. Wenigstens so sichtbar wie Yeti oder Big Foot in deren schlechtesten Aufnahmen wäre er uns nützlicher, viel näher. So muss man immer mit Bildern vorliebnehmen, die letztlich mehr mit uns als mit ihm respektive ihr zu tun haben: brennendes Buschwerk, allerhand Geflügel, Wolken, Werke und Wirken und hier und da ein Blitz oder Licht.

Gott ist mehr eine Art sphärisches Störelement als ein Wesen, das uns Vertrauen einflössen kann. Mit Jesus, seinem Sohn, haben wir als undankbares, ungeduldiges, ungläubiges Publikum eine personifizierte Befriedung erhalten. Jesus, daran dürfen wir glauben, daran dürfen wir festhalten, ist Gottes eingeborener Sohn, nämlich eingeboren in die Weltmisere, in den Kosmos menschlicher Erfahrung, um uns als Alter Ego Trost zu spenden und letztlich von aller Sünde zu befreien. Wie schön wäre es, wäre dieses Opfer nicht nötig gewesen und der Mensch freier von seinem Wunsch nach Sicht- und Tastbarkeiten.

Gerade habe ich eine Ausstellung besucht, die den Titel «Geister» trägt und fünfzehn Stillleben zeigt, die einen bei der Betrachtung erahnen lassen, dass jemand oder etwas fehlt, vermisst oder ersehnt wird. Christina von Bitter malt diese «Geisterbilder» auch als Ausdruck ihrer Haltung als Künstlerin und sagt von sich, dass sie, als Bilder malende Bildhauerin, auf Berührung in ganz neuer Weise eingehen lernen muss, denn Bilder und Bronzen sind verschieden im «Handling». Und doch wohnt allem künstlerischen Prozess etwas Fliehendes, Eilendes und zeitgleich etwas Beschwerendes, Bindendes inne. Sonst würde nichts bleiben, sagt sie.

Die Künstlerin kokettiert also mit dem Unsichtbaren? Führt uns vor als Sehnsüchtige, die einen finden müssen, der für die entstandenen Lücken büsst? Ja und nein: Denn Unsichtbares kann den Blick durchaus entspannen, nicht aber den Geist, der wie ein Collie-Hund die Gedankenschafe beisammen zu halten versucht. Vertraut man Wikipedia, dann ist Unsichtbar-Sein eine der Superkräfte, die neben Fliegen-Können, In-die-Zukunft-Sehen und Unsterblich-Sein ganz oben auf der Wunschliste der Menschen steht. Gott ist Träger, Macher und Besitzer aller aufgezählten Kräfte, und die Unsichtbarkeit scheint mir der grösste Trumpf für ihn.

Auch so ein Virus ist als Virus per se nur im Blut sichtbar. Die Unsichtbarkeit hilft erstmal beim Verbreiten und Begleiten, schliesslich will auch ein Virus nur eines: leben ! (Und nein, ich möchte an dieser Stelle nicht Gottvater mit der «Corona der Schöpfung» gleichsetzen.) Was ich aber möchte: aufzeigen, wie praktisch es ist, unsichtbar zu sein und trotzdem zu existieren. Geister zum Beispiel, die sind ein konstanter Konjunktiv.

Nach allem, was wir von Gott wissen, ist er keiner, der als blinder Fleck in einer Kirche hockt und auf uns wartet. Gut so, denn in Coronazeiten bliebe er einsam. In den letzten sechs Monaten bin ich nicht einmal in eine Kirche, geschweige denn in einen Gottesdienst gegangen. So kenne ich mich gar nicht. Corona hat mich ins Spazieren und Draussensein getrieben.

Und wenn ich dem Virus für nichts, wirklich nichts auch nur annährend dankbar bin, so ist diese neue «Veräusserung » wohltuend. Unsichtbar zuhause werden und in der Natur erscheinen kann ich – Kind Gottes – nun auch. Der Kern meiner Mäanderungen bleibt die fürchterliche Transparenz, das ad ultimo an Unsichtbarkeit, das Vertrauen voraussetzt. Gott ist eine Verabredung, getroffen unter den Menschen.

Oh dieser unsichtbare Gott, wie allgegenwärtig der ist!