Der ehrliche Klappentext

«Gegen den Hass» von Carolin Emcke

Für ihr aktuelles Buch Gegen den Hass hat die Journalistin Carolin Emcke den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2016 erhalten. Zu Recht. Emcke legt eine Gegenwartsanalyse vor, die präzise und erschreckend ist, aber weder hoffnungslos noch moralisierend daherkommt.
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Freitag, 09. Dezember 2016

Im Hass ist kein Platz für Differenzierung – Hass ist immer unscharf. «Präzise lässt sich nicht gut hassen. Mit der Präzision käme die Zartheit, das genaue Hinsehen, käme jene Differenzierung, die die einzelne Person mit all ihren vielfältigen, widersprüchlichen Eigenschaften und Neigungen als menschliches Wesen erkennt», schreibt die deutsche Journalistin Carolin Emcke in ihrem neuen Buch. Wenn jene, die hassen, ungenau sind, so müssen diejenigen, die sich nicht daran gewöhnen wollen, präzise sein. Emcke ist genau dies: Sie spürt dem Hass mit genauen Beobachtungen nach. Dieser sei weder anthropologische Konstante noch spontanes Phänomen einzelner Menschen: «Der Hass bricht nicht plötzlich aus, sondern er wird gezüchtet.»

Emcke ist eine geschickte Schreiberin. Auf Umwegen führt sie ihre Leserinnen an das Untersuchungsobjekt heran. Anhand der Liebe, der Hoffnung und der Sorge zeigt sie auf, wie Gefühle unsere Sicht auf die Welt bestimmen. Liebe und Hoffnung lassen uns Berge versetzen, Sorge verengt den Horizont, macht uns engstirnig und ängstlich. Früher etwa fürchteten sich die Menschen davor, vom Rand der Erdscheibe zu fallen – bis sie herausfanden, dass die Welt eine Kugel ist und ihre Befürchtung unbegründet war. Hier setzt Emckes Plädoyer für eine vernünftige Kritik der Gefühle an. Es kann nicht darum gehen, dass die Politik die Sorgen und Ängste der Bevölkerung ernst nimmt. Sondern jeder Einzelne muss sich klar darüber werden, wann seine Sorgen berechtigt sind und wann sie auf Mythen oder Unwissen beruhen. Denn die Sorge, so Emcke, sei ein «überdeckendes Gefühl»: Sie «ummantele die ihr mitunter innewohnende Fremdenfeindlichkeit» und verrücke so die «Schwellen des Akzeptablen» in der Öffentlichkeit.

Emcke analysiert verschiedene Youtube-Videos; aus Clausnitz, wo Einwohner einen Bus voller Flüchtlinge mit Hasstiraden empfingen, und aus New York, wo weisse Polizisten den Afroamerikaner Eric Garner ermordeten. In solchen Szenen manifestiere sich die Angst vor der ungewissen Zukunft als Ohnmachtsgefühl und wende sich gegen Marginalisierte, so Emcke. Hier liegt ihres Erachtens eine Abzweigung aus der Geisterfahrt des Hasses: Wir müssen Gemeinschaften und Orte schaffen, so Emcke, an denen sich Sorge nicht zu «Rastern des Hasses» verengen kann.

Wie Emcke danach die Rhetorik des Hasses dekonstruiert, ist ernüchternd: Nach der Lektüre des Kapitels «Homogen – Natürlich – Rein» kann niemand mehr behaupten, sie oder er habe nicht gewusst, wie der Hass mutwillig gezüchtet wird. Emcke diskutiert die Rede von «dem Volk», analysiert die Verweigerung der Grund- und Menschenrechte für Transpersonen und beschreibt die Trivialisierung der Gewalt im sogenannten Islamischen Staat. Auch hier gilt: Der islamistische Hass ist nicht einfach da, er wird bewusst herbeigeführt. Die IS-Terroristen «müssen geschult werden in den Blick-Regimen, die andere nur noch als Feinde sehen können, die getötet werden dürfen ohne Strafe».

Gegen Ende scheint es, als habe Emcke das Buch schnell zu Ende schreiben müssen. In ihrem «Plädoyer des Unreinen» bleiben viele spannende Ideen verkürzt. Trotzdem überzeugt Emckes Ansatz der Differenzierung: Sie will keine neuen Identitäten und Differenzen schaffen, sondern Allianzen und Ähnlichkeiten aufdecken. «Es geht nicht darum, Personen als Menschen zu dämonisieren, sondern ihre sprachlichen und nichtsprachlichen Handlungen zu kritisieren und zu verhindern.» Diese offene Haltung ist die Stärke von Gegen den Hass. Carolin Emcke sollte in ihrem Anspruch und in ihrer Deutlichkeit von niemandem überhört werden.

Carolin Emcke: Gegen den Hass. S.Fischer; Frankfurt am Main 2016; 240 Seiten; 24.90 Franken.

Dolores Zoé Bertschinger ist Religionswissenschaftlerin und  Journalistin.