Der ehrliche Klappentext

«Fragen Sie Ihren Bestatter» von Caitlin Doughty

Mit einem radikal diesseitigen Blick schaut die junge Bestatterin Caitlin Doughty in «Fragen Sie Ihren Bestatter» dem Sensenmann auf die Finger. Entstanden ist ein äusserst unterhaltsames Plädoyer für einen entspannteren Umgang mit dem Tod.
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Autorin: Gisela Feuz
Freitag, 27. Mai 2016

«Wir haben den Tod unter den Teppich gekehrt», sagt Caitlin Doughty und bringt damit die allgemeine Haltung in der westlichen Welt in Bezug auf unsere Sterblichkeit und alles, was damit zusammenhängt, auf den Punkt. Tatsächlich findet der Tod in unserer Gesellschaft höchstens noch in TV-Krimis statt, reale Leichen werden so schnell als möglich aus dem Weg geräumt. Dem Knochenmann in die Augen zu blicken ist kein einfaches Unterfangen. Genau das tut allerdings Caitlin Doughty, die in Los Angeles ein eigenes Bestattungsinstitut führt. In einem biografisch gefärbten Bericht schildert die 33jährige ihren Werdegang und ihren Arbeitsalltag mit Verblichenen.

Doughty beschreibt, wie sie bereits als Kind von Morbidem fasziniert war und nach einem Studium der mittelalterlichen Geschichte als 23jährige bei einem Krematorium in San Francisco zu arbeiten begann, wo sie sich vom Einäscherungs-Greenhorn zur Entsorgungsexpertin entwickelte. Sie erzählt von den vielen Leichen, die in unterschiedlichen Zuständen bei ihr auf dem Tisch landen, von den Angehörigen, die meist das grössere Problem sind als die Toten selber, und berichtet, wie Kremationsöfen ausgefegt werden müssen und jeweils nach getanem Tagwerk eine dünne Staubschicht auf den Kleidern liegenbleibt.

Fragen Sie Ihren Bestatter ist aber nicht nur eine Sammlung persönlicher Arbeitsanekdoten, sondern auch mit einer Fülle an biologischen, philosophischen und historischen Informationen angereichert. Doughty gibt etwa einen Überblick über die Geschichte der Bestattungsindustrie und der Leichenkonservierung und legt dar, wie sich unsere Haltung gegenüber Toten im Verlauf der Zeit verändert hat. So war Sterben früher allgegenwärtig – etwa während der Zeit der grossen Epidemien­ –, und Leichenschauen erfreuten sich im ­Paris des späten 19. Jahrhunderts grosser Beliebtheit.

Es ist ein offenherziger Bericht, den Doughty mit ihrem Buch vorlegt, einer, der vor Ironie und morbidem Humor sprüht. Freimütig und unverblümt beschreibt sie etwa die Arbeitsweisen von Thanatopraktikern. Deren Aufgabe besteht darin, den Verstorbenen ein «natürliches» Erscheinungsbild zu verleihen. Was einfach klingt, ist in der Realität oftmals schwierig zu bewerkstelligen, denn: «Tote sehen sehr, sehr tot aus.» In wohltuend saloppem Ton listet Doughty die zahlreichen Tricks und Techniken auf, die bei der Herrichtung von Verblichenen zum Zug kommen. So werden Fäulnisflecken mit reichlich Make-up überkleistert, störrische Kiefer mit Draht festgezurrt, aufgequollene Körperteile mit Klarsichtfolie zusammengequetscht, und wenn irgendetwas partout nicht an seinem zugewiesenen Platz bleiben will, hilft die Geheimwaffe Sekundenkleber.

Bei ihren Ausführungen bleibt Doughty stets im Diesseits verhaftet. Ihr geht es nicht darum, theologische oder spirituelle Überlegungen darüber anzustellen, was uns auf der anderen Seite erwartet, sondern vielmehr darum, mit unserer Endlichkeit klarzukommen, solange wir noch am Leben sind. Denn gehen müssen wir alle. Und trotzdem wird in unserer Zeit des Jugendwahns der unvermeidbare Abgang so gut als möglich verdrängt. Solange wir den Tod aber tabuisieren, wird auch unser Verhältnis dazu ein höchst unnatürliches bleiben. Caitlin Doughtys Buch ist ein humorvolles Plädoyer dafür, nicht länger den Mantel des Schweigens über den Sensenmann auszubreiten, sondern den grimmigen Genossen ans Tageslicht zu zerren und damit den Schrecken vor ihm zu nehmen. Oder ihn zumindest zu einem Teil des Lebens zu machen.

Caitlin Doughty: Fragen Sie Ihren Bestatter. Lektionen aus dem Krematorium. Aus dem Englischen von Sky Nonhoff. Verlag C. H. Beck; 27.90 Franken.

Gisela Feuz ist Kulturjournalistin in Bern.