Überschätzt

Fasten

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Samstag, 13. Februar 2021

Bis Ostern werden mir auch in diesem Jahr wieder Fastende als personifiziertes Leiden Jesu begegnen. Mit Magenfalten, stierem Blick und belegter Stimme berichten sie mir dann genüsslich von ihrem Verzicht. In solchen Situationen will ich nicht vergessen, dass ihr knurrender Bauch eigentlich reine Nabelschau ist. Das steht bereits bei Matthäus geschrieben: «Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten.» Offensichtlich erkannte schon der Heiland, dass sich selbst noch mit dem Mangel Völlerei betreiben lässt.

Ursprünglich wurde gefastet, um Körper und Seele auf eine religiöse Initia­tion vorzubereiten. Den Körper reinigen und zugleich den Geist anregen, dagegen gibt es nichts einzuwenden. Auch ich habe schon gefastet. Ich fand, dass mein Astralleib ganz schön Speck angesetzt hat. Ansporn war aber auch die Aussicht auf eine gute Stimmung. So gilt es von der Wissenschaft als ausgemacht, dass nach einigen Tagen Nahrungsverzicht körpereigene Endorphine freigesetzt werden, die einen regelrechten Glücksrausch im Körper auslösen. Zudem soll Fasten die Phantasie beflügeln – und sei es nur, um die Fastenregeln zu unterlaufen. Die Mönche im Mittelalter zeigten sich darin sehr erfinderisch. Ohne ihren permanenten Regelbruch wäre es um unsere Küche kulinarisch ärmer bestellt. Bis heute heisst die nördlich des Bodensees verbreitete Maultasche «Herrgottsbscheisserle», weil die Geistlichen in der Fastenzeit das Fleisch in den Teigtaschen versteckten.

Jedenfalls ist Fasten seit einigen Jahren sehr angesagt. Oder genauer: Seit sich unsere religiös geprägte Alltagskultur zur Therapiegesellschaft wandelte. Die Hätschelung der Seele, die Pflege des verzärtelten Ichs und die Vergötterung des eigenen Leibes zeigt sich beim Essen wie auch bei der körperlichen Ertüchtigung. Fitness statt Busse, Selbstübersteigerung statt Demut. Und bald wohl misst ein spiritueller Schrittzähler die Kilometer unserer Reisen ins Innere.

Mein Selbstversuch als Hungerkünstler scheiterte ziemlich grandios. Der versprochene Rausch blieb aus. Ich vermute inzwischen, dass es sich dabei ohnehin nur um die Selbstbesoffenheit des um sich selbst drehenden Ichs handelt, die ihn hervorbringt. Was sich stattdessen bei mir einstellte, waren Übellaunigkeit und Mundgeruch – das vertreibt bekanntlich jeden und jede. Ganz unvermutet erfüllte sich damit eine weitere Intention religiösen Fastens aus uralter Zeit: böse Geister in die Flucht zu schlagen. Leider habe ich die guten gleich mit erwischt.

BILD: MORPHART / CAN STOCK PHOTO INC.