Der ehrliche Klappentext

«Fast perfekt» von Erik Kessels

Es lebe der Fehler: Der holländische Werber, Kreativkopf und Künstler Erik Kessels zeigt in seinem Fotoband «Fast perfekt» anhand von rund hundert Bildern, warum wir hemmungslos scheitern dürfen und einen Blick für Nichtperfektes entwickeln sollten.
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Autorin: Gisela Feuz
Freitag, 13. Januar 2017

Können Sie sich daran erinnern, wann Sie zum letzten Mal so richtig etwas in den Sand gesetzt haben? Wie haben Sie sich dabei gefühlt? Peinlich berührt? Das sollten Sie nicht, sagt Erik Kessels, seines Zeichens Gründer und Kreativdirektor der Werbeagentur Kesslers-Kramer und Verfasser von Fast perfekt. In irgendeiner Form hätten wir schliesslich alle schon einmal etwas vermasselt, hält Kessels in seinem 168seitigen Fotobüchlein fest. Und gerade weil niemand vor Fehlern gefeit sei, sollten Irrtümer nicht als etwas Peinliches betrachtet werden, sondern als Bausteine, aus denen Neues und Aufregendes entstehen könne.

Der 50jährige Holländer hat offensichtlich eine Vorliebe für unfreiwillige Absurditäten, wie die Auswahl der rund hundert Bilder von internationalen Künstlern und Fotografen, aber auch von Amateuren und Autodidakten zeigt. Alle Bilder in Fast perfekt brechen auf irgendeine Art mit gängigen Regeln oder zeigen Unvollkommenes, werden aber gerade durch ihre Eigentümlichkeit zu Kunstwerken.

Da wären zum Beispiel die spektakulären Fehlleistungen, welche aus Apples Versuch resultierten, dem Programm Google Maps einen kartografischen Neustart zu verpassen. Plötzlich sahen auf den virtuellen Karten einige Autobahnen aus wie Origami-Kunstwerke oder Strassen schossen an Häuserwänden empor. Oder da wäre die Vielzahl an über-, unter- oder doppelbelichteten Fotografien aus der prädigitalen Ära, bei denen ein Finger vor die Kameralinse geraten ist. Oder die Bilder von baulichen Malheurs, wie etwa komplett falsch platzierte Bänke und Balkone, die aufgrund ihrer Ausrichtung schlichtweg unbenutzbar sind. Die Fotografien, die Kessels für seinen unorthodoxen Bildband zusammengetragen hat, sind zum Teil äusserst amüsant. Zudem stützen sie die These des Holländers, dass durch Unerwartetes unser Blick geschärft und unsere Phantasie angekurbelt wird, weil durch einen solchen Bruch das Gewöhnliche in etwas Einprägsames verwandelt wird. Wenn zum Beispiel das Bild einer Frau auf einer übergrossen Plakatwand falsch aufgeklebt ist, wird dies einem Vorübergehenden auffallen; wäre das Plakat richtig zusammengeklebt worden, hätte man es wahrscheinlich gar nicht erst bemerkt.

Viele Menschen hätten Angst davor, Fehler zu begehen und sich so zu blamieren, hält Kessels in Fast perfekt fest. Wenn wir aber ständig damit beschäftigt seien, Fehltritte zu vermeiden und auf Nummer sicher zu gehen, dann würden wir auch nie etwas schaffen, was sich von der allgemeinen Masse abhebe, argumentiert das Kreativtalent. Entsprechend ruft er dazu auf, Mut zu hemmungslosem Scheitern zu entwickeln: «Seien Sie ein Versager», empfiehlt er, denn nur dadurch entstehe Ungeplantes und Unerwartetes. Dass Resultate von Fehlern durchaus eine ästhetische und sinnliche Qualität haben können, verdeutlicht Kessels etwa mit Bildern des Engländers Matt Stuart, auf denen ein Polizist aufgrund eines Schattenwurfes plötzlich einen überdimensionalen Schnauz trägt oder ein Pfau auf einem Plakat dank der davor platzierten Baugrube zur überdimensionalen Ente wird.

Erik Kessels windet in Fast perfekt dem Versagen ein Kränzchen und ruft dazu auf, eigenes Scheitern mit Grosszügigkeit und Humor zu beurteilen. Wer einen Hang zum Perfektionismus hat, könnte sich mit Hilfe des Buches von der Vorstellung lösen, dass nur diejenigen Resultate erfreulich sind, die planmässig erreicht wurden. Denn, wie Journalist und Autor Robert Caro einst treffend formulierte: «Es gab nie einen Plan. Es gab nur eine Reihe von Fehlern.» Machen Sie also Fehler. Jeden Tag!

Erik Kessels: Fast perfekt. Die Kunst, hemmungslos zu scheitern. Wie aus Fehlern Ideen entstehen. Dumont-Verlag; Köln 2016; 168 Seiten; 14.30 Franken.

Gisela Feuz ist Kulturjournalistin in Bern.