Der ehrliche Klappentext

«Einer von uns» von Åsne Seierstad

Vor fünf Jahren richtete Anders Behring Breivik auf der norwegischen Insel Utøya ein Blutbad an und versetzte ein ganzes Land in den Schockzustand. Die Journalistin Åsne Seierstad, die in Oslo nur wenige Strassen vom Täter entfernt wohnte, hat Breiviks Biografie akribisch recherchiert. Ihr Buch «Einer von uns» liegt nun auf Deutsch vor.
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Freitag, 28. Oktober 2016

Die norwegische Journalistin Åsne Seierstad arbeitete als Kriegsberichterstatterin in Serbien, Aghanistan und im Irak. Über ihre Heimat schrieb sie lange nicht, sie betrachtete sie als Rückzugsort. Dies änderte sich, als in Norwegen der Krieg ausbrach, am 22. Juli 2011. Die Einmann-Armee, die dem Land den Krieg erklärt hatte, hiess Anders Behring Breivik.

Was zunächst ein Artikel für Newsweek werden sollte, wuchs sich zu einer über 500seitigen, minutiös recherchierten Reportage über einen der kaltblütigsten Massenmorde in Europas Nachkriegsgeschichte aus. In wenigen Stunden tötete Breivik 77 Menschen, darunter viele Jugendliche, die sich auf der Insel Utøya zum traditionellen Sommerlager der sozialdemokratischen Arbeiterpartei versammelt hatten.

Für ihre Reportage, die nun erstmals auf Deutsch vorliegt, sprach Seierstad mit Dutzenden von Zeugen, mit überlebenden Opfern, Familienangehörigen und Menschen aus dem Umkreis des Täters. Und sie stieg tief in Breiviks Vergangenheit. Wie konnte ein Mensch zu einer solch unbarmherzigen Tat fähig sein? Wie wurde aus dem bleichen Jungen mit dem künstlichen Grinsen der brutalste Killer in Norwegens Geschichte?

Seierstads Rekonstruktion der Biografie eines Massenmörders ist in vielerlei Hinsicht eindrücklich: Sie bewahrt sorgfältig die Distanz zum Protaganisten, verwebt eine unglaubliche Fülle von Informationen zu einem beinahe lückenlosen Bild, und sie bringt den Stoff in eine sprachliche Form, die mit den besten Beispielen aus der Gattung des True Crime mithalten kann.

Es gehört zu den grossen journalistischen Qualitäten des Buches, dass Seierstad verstehen, aber nicht erklären will. Breiviks Kindheit und Jugend sind armselig und eng, aber Seierstad weiss, dass eine verpatzte Kindheit nicht notwendig einen Massenmörder hervorbringen muss. Sie ist daher vorsichtig mit Kausalitäten, lässt soweit als möglich die Zeugen reden, hält sich mit eigenen Urteilen zurück. Wurde Breivik zu einem Monstrum, weil ihm zeitlebens die Liebe fehlte? Es ist ein Schluss, der sich im Laufe der Erzählung aufdrängt, und vielleicht der einzige Erklärungsversuch, den man der Autorin unterstellen könnte.

Denn die Liebe fehlte in diesem Leben ganz offensichtlich: Geboren als Sohn eines Diplomaten und einer Krankenschwester, wird Breivik schon früh zum Scheidungskind. Die psychisch labile Mutter ist überfordert, zwischenzeitlich kommt das Kind bei Pflegeeltern unter. Psychologen stellen bei dem Jungen Kontaktarmut und mangelnde Empathie fest. Das Verhältnis zur Mutter scheint tief gestört, als Jugendlicher schenkt Breivik ihr zum Geburtstag einen Dildo. Auffallend ist auch der grosse Geltungsdrang des Teenagers. Von der Osloer Sprayerszene, in der er eine Zeitlang verkehrt, wird er deshalb bald ausgeschlossen. Sein nächster Plan: reich werden. Er gründet eine Firma, die gefälschte Diplome verkauft, aber auch dieses Unterfangen scheitert. Mit 27 Jahren zieht Breivik zu seiner Mutter zurück, verbarrikadiert sich in seinem ehemaligen Kinderzimmer, das er sein «Furzzimmer» nennt, und spielt nächtelang World Of Warcraft. Fünf Jahre lang. In dieser Zeit reift sein Plan, sich an all denen zu rächen, die er für seine Misere verantwortlich macht: Muslime, Feministinnen und Marxisten. Resultat dieses Hasses ist ein 1500seitiges Pamphlet, das Breivik mehrheitlich aus rechtsradikalen Blogs zusammenschustert und vor seiner Tat ins Netz stellt.

Und dann kommt der 22. Juli. Breivik hat ihn minutiös geplant. Im Regierungsviertel von Oslo zündet er zunächst eine Bombe, die acht Menschen tötet. Dann fährt er zur Insel Utøya. Was er dort anrichtet, geht über jede Vorstellungskraft. Seierstad schildert es detailliert, spart nichts aus. Es sind Bilder, die lange im Gedächtnis haften bleiben.

Åsne Seierstad: Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders. Kein und Aber; Zürich 2016; 544 Seiten; 31.80 Franken.

Heimito Nollé ist Redaktor bei bref.