Nora Gomringer

Ein «kleines gallisches Dorf» in Trumps Amerika feiert Gott als Frau

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Freitag, 15. November 2019

Für eine kleine progressive Kirche in Ohio ist Gott eine Frau, die Liebe im Überfluss spendet. Die Gemeinde ist ein «kleines gallisches Dorf», das Trumps Amerika die Stirn bietet, schreibt Nora Gomringer.

Hier in Ohio, wo ich zurzeit Gastprofessorin bin, besuche ich sonntags die Baptistengemeinde der Peace Community Church Oberlin. Eine Creative-writing-Dozentin hatte mich gleich beim Kennenlernen vor ein paar Wochen eingeladen. Ich fand das schön: In die Kirche eingeladen zu werden. So etwas passiert einem in Deutschland nicht. Zumindest hat keiner, den ich dort in den letzten Jahren kennengelernt habe, das getan.

Im Gegenteil, von Kirche spricht man nicht oder nur im Vorwurfsmodus. Bei all den Verfehlungen, wer will da noch mittun, sich Kirchenmitglied nennen, als ein solches auftreten? Wie kannst du als erklärte Feministin da mitmachen, da hingehen? Ich bin nicht ausgetreten, nicht als die ersten und auch nicht später, als immer mehr Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche publik wurden.

Ich war wütend und voller Mitgefühl für alle, denen so viel Leid angetan wurde, denen nicht geglaubt wurde, deren Berichte ungehört, deren Leiden unverstanden blieben. Das blosse «Verschieben» beschuldigter Vertreter der Kirche auf dem vatikanisch bespielten Schachbrett ist entsetzlich. Gerade die Kirche benimmt sich an dieser Stelle «pastless», vergibt allzu rasch ihre eigenen Verfehlungen, meidet den Kontakt zu den Opfern und die Hilfestellung bei der Aufarbeitung.

Irgendwie habe ich diese Vorwürfe von meinem Christsein abgetrennt. Vielleicht so, wie ich meinen Opa geliebt habe, obwohl er ideologisch und politisch gesehen gegen links und ja, eher rechts war. Ambivalenzen dieser Art tragen wir viele in uns, halten sie mal besser, mal schlechter aus und stellen fest: Sie und unser Umgang mit ihnen prägen uns wesentlich. Das Leid sehen und sich trotzdem nicht verschliessen, das ist mein Weg.

So also gehe ich mit Neugierde und gerne in die Kirche und sehr gerne in neue Gemeinden. Ich bin eine Art Gottesdiensttouristin, ich gebe es zu. Drei Monate in den USA und etwas Zeit, die Baptistengemeinde am Ende meiner Strasse kennenzulernen, sind ideal für mich. Und siehe da: Man erinnert sich bereits beim zweiten Besuch an mich, wirbt für meine Lesung am Lehrstuhl im Church Bulletin, das immer am Eingang ausgeteilt wird, und die Pastorin begrüsst mich persönlich mit all den anderen, die namentlich bekannt sind. Wir laufen einmal alle im Raum umher, um einander die Hände zu reichen, und so habe ich «Peace be with you! My name is Nora» 40 Mal gesagt, bevor es richtig losgeht. Oft muss ich meinen Namen nicht mal mehr nennen, denn man begrüsst mich mit einem liebevollen: «Good to have you with us, Nora!»

Die Peace Community Church definiert sich als College- und Gemeinschaftskirche. Ihr Text zur Selbstdarstellung auf der Homepage endet mit den folgenden Grundsätzen:

An diesem Ort glauben wir daran, dass Jesus alle in gleichem Masse liebt, jede Liebe zählt, die Leben schwarzer Menschen zählen, Wissenschaft real ist, Frauenrechte Menschenrechte sind, kein Mensch illegal ist, Wasser Leben bedeutet und Güte im Umgang miteinander alles ist!

Ziemlich «deutsch» an mir ist wohl die Stimme im Hinterkopf, die sagt: «Das ist doch so ein Schmonz, wo ist der Haken? Gott ist sicher keiner, der sich so leicht sanft reden lassen will.» Dann aber spricht Reverend Erica Saunders, die eine beeindruckende junge Theologin ist, davon, dass Gott ihre Liebe über uns ausgiesst, weil sie so viel davon besitzt, dass sie nichts zurückhalten kann und will. Und ich freue mich daran, dass Gott weiblich ist und keiner was dagegen hat, und mein Blick bleibt an den gequilteten Wandteppichen hängen. Einer zeigt den schemenhaften Umriss eines Menschen, der das Wort «Silence» zerreisst, und so sitze ich inmitten von Trumps Amerika in einem «kleinen gallischen Dorf» liberaler Aufständischer und spreche laut und klar ins Mikro, das die Runde macht, wofür ich dankbar bin: «Die bedingungslose Freundlichkeit dieser Gemeinde!»