Der ehrliche Klappentext

«Effektiver Altruismus» von Peter Singer

Gutes zu tun heisst für effektive Altruisten vor allem eines: möglichst effizient Geld spenden. Peter Singer, australischer Philosoph und Mitbegründer der Bewegung, erklärt in seinem neuesten Buch, warum es falsch ist, für Blindenhunde und Spitalclowns zu spenden – und ­warum Vernunft besser als Mitleid ist.
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Freitag, 10. Juni 2016

Sie flattern so unvermeidlich in unsere Briefkästen wie Rechnungen – Spendenaufrufe mit rührenden Bildern, die mal schwarze Kinder mit grossen Augen, mal kranke weisse ohne Haare zeigen. Und die uns ins moralische Dilemma stürzen: Wem sollen wir spenden? Und wie viel? Oder ist das Ganze doch nur Rattenfängerei der Hilfswerke, die unsere Schuldgefühle bewirtschaften?

Mit genau diesen Fragen beschäftigt sich der effektive­ Altruismus. Als einer der Väter der Bewegung gilt der australische Philosoph Peter Singer, der seit Jahren grosszügige Spenden guten Zwecken zukommen lässt – und der nun ein Buch darüber geschrieben hat, wie man unter der Prämisse des effektiven Altruismus ein ethisches Leben führen kann.

Die Grundidee ist einfach: In einer ungerechten Welt sollten wir, die Privilegierten, so viel Gutes tun wie nur möglich. Ein grosser Teil des eigenen Einkommens sollte deshalb gespendet werden, und zwar nach Kriterien der Effizienz. Singer porträtiert in seinem Buch etwa Studenten wie Matt Wage, William Mac Askill und Toby Ord, die zu den führenden Vertretern der Bewegung gehören. Ihre Recherche führt sie in die ärmsten Länder der Welt, wo ein Hilfsdollar (oder -franken) sein Vielfaches wert ist. Zudem werfen die jungen Altruisten einen sehr genauen Blick auf die Produktivität von Hilfsorganisationen. Sie durchleuchten diese mit wissenschaftlichen Methoden und dokumentieren die Ergebnisse auf eigenen Websites. Am meisten Nutzen – so ihr Fazit – bringt ein Dollar für Malarianetze für Kinder. Neben der Beendigung des Tierleides haben sich effektive Altruisten heute daher fast ganz auf die wirksame Bekämpfung extremer Armut und vermeidbarer Krankheiten eingeschworen.

Ausser um strategische Geldspenden geht es den Vordenkern aber auch um den strategischen Einsatz ihrer Zeit – will heissen, um ihre Berufswahl. Ist es sinnvoll, wenn sich idealistische junge Menschen um einen schlechtbezahlten Job bei einer NGO balgen? Ist es nicht zielführender, wenn sie in Banken oder Hedgefonds viel verdienen und einen Teil ihres hohen Einkommens spenden? Genau dies ist der Weg, den effektive Altruisten wählen – und empfehlen. Von einer Veränderung politischer und ökonomischer Strukturen sprechen sie dabei kaum.

Das alles ist gut durchdacht, aber auch sehr kühl. Denn wo bleibt bei diesen intellektuellen Nerds die menschliche Wärme, die Empathie für das einzelne hungrige Kind? Nur durch spontanes Mitleid motiviertes Spenden halten effektive Altruisten tatsächlich für verfehlt – zu viel Geld fliesse damit in unproduktive Organisationen. Auch seien Spenden für Blindenhunde, Kunstmuseen und Clowns für kranke Kinder zwar verständlich, aber eben doch falsch, solange es Menschen gebe, die verhungern, und Kinder, die an Malaria sterben.

Ist das nicht alles zu berechnend? Der Utilitarist Singer hat die Welt schon früher irritiert, etwa mit seinem radikalen Einsatz für Tierrechte oder die Euthanasie. Nun untersucht er in höchst ausführlicher Weise die psychologischen Hintergründe des Spendeverhaltens und erörtert ethische Debatten um anonyme Nierenspenden oder die Klimaerwärmung. Manchmal verliert er sich dabei etwas gar in die spitzfindigen Debatten und Dilemmata der praktischen Ethik, und auch ökonomische Nutzenanalysen machen die Lektüre nicht gerade süffig. Doch eine Botschaft Singers wird kristallklar: Ob von mehr oder weniger Emotionen begleitet – wenn wir erkennen, dass fremdes Leben und Glück ebenso viel wert ist wie das eigene, wird Altruismus auch eine Frage der Selbstachtung.

Peter Singer: Effektiver Altruismus. Eine Anleitung zum ethischen Leben. Suhrkamp 2016. 237 S., Fr. 35.90.

Kathrin Meier-Rust ist freie Journalistin und Mitarbeiterin von Bücher am Sonntag, der Literaturbeilage der NZZ am Sonntag.