Der ehrliche Klappentext

«Dorf im Himmel» von Charles Ferdinand Ramuz

Auf die Apokalypse folgt das Paradies: Zwei Jahre nach «Sturz in die Sonne» hat Steven Wyss einen weiteren Roman des Waadtländers C. F. Ramuz übersetzt. Himmlisch ist nicht zuletzt die Sprache – die von Ramuz’ welschem Original wie auch die Übersetzung ins Deutsche ein knappes Jahrhundert später.
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Donnerstag, 04. September 2025

Und wenn die Erzählung vom Himmel wahr wäre? Wenn das Versprechen beinahe aller Religionen eingelöst würde, wonach es am Ende der Mühsal auf Erden mit der eigenen Existenz nicht vorbei wäre, sondern dass sich diese an einem nach wie vor vertrauten, aber friedlichen Ort ausserhalb der Zeit fortsetzen liesse? Und wenn es die Zeit nicht mehr gäbe – womit liesse sie sich noch vertreiben?

«Da standen diejenigen, die gerufen wurden, aus ihren Gräbern auf. Sie haben die Erde mit dem Nacken nach hinten gestossen; sie haben mit der Stirn die Erde durchbohrt, wie wenn das Korn keimt, seine grüne Spritze ins Freie drückt; sie hatten wieder einen Körper.» Wenn sich der erste Satz von Charles Ferdinand Ramuz’ «Dorf im Himmel» anhört wie der Beginn eines (sehr lyrischen) Zombie-Romans, liegt dies nicht nur an unserer von der Postmoderne verdorbenen Wahrnehmung.

Es offenbart sich rasch, dass der Westschweizer Schriftsteller (1878–1947) mit seiner knapp hundertseitigen Novelle ganz anderes im Sinn hatte. Er, der laut Übersetzer Steven Wyss «immer mit der Unvollkommenheit der Sprache gekämpft hat», weil er stets versuchte «die Welt, die vor seinen Augen lag, in einen Text [zu] giessen – und zwar genau so wie sie ist», habe mit diesem Text nach nichts weniger als nach «einer Sprache für das Paradies» gesucht.

Alles ist schön, alles ist perfekt in diesem Dorf, wo niemand mehr leidet, weil niemand mehr lebt; wo der Versehrte wieder geht, der Blinde wieder sieht, wo die ehemals unglücklich Liebenden endlich und auf ewig zusammen sind und wo das verlorene Kind wieder bei seiner Mutter ist. Jeder Sonnenaufgang strahlt in den schönsten Farben, die makellosen Traubenernten machen es überflüssig, den Wein nach Jahrgang zu unterscheiden.

Die Dorfbewohner gehen ihren gewohnten Gewerben nach, bloss dass es keine Gewerbe mehr sind, weil im Himmel nicht mit Geld, sondern mit Liedern bezahlt wird. Alle hatten sie schliesslich, in ihren Leben davor, den Beruf ausgewählt, weil er ihnen gefiel, weil sie dafür besondere Fähigkeiten hatten oder weil er ihnen vom Schicksal zugeteilt wurde oder von der Notwendigkeit.

Warum also im ewigen Hier und Jetzt damit aufhören? Nicht, so viel ist gewiss, weil einem sonst langweilig würde, denn Langeweile setzt ein Vergehen der Zeit voraus, und hier tut sie dies, obschon es noch immer Tag und Nacht, Spaziergänge und die Liebe gibt – nicht mehr; das Glück währt ewig. «Das Wasser floss zwar noch immer, aber die Zeit verfloss nicht mehr. Man konnte das Wasser getrost vorbeiziehen lassen; nun trug es nicht mehr mit jeder Sekunde ein Stückchen unsers Lebens in seinem Strom davon – dieses Wasser ist heute ein falsches Bild des Lebens, denn während es immer noch fliesst, steht das Leben still.»

Ramuz erzählt von diesen wundersamen Vorkommnissen, von der Erfüllung aller Versprechen in einer klaren, dörflichen Sprache, mit nüchternen, erdigen Metaphern, wie ein unbeeindruckter Beobachter, der sich weder vom Wunder der Auferstehung beeindrucken lässt noch davon, was unweigerlich passiert, als man im himmlischen Dorf zu begreifen beginnt, dass sich nie wieder etwas ändern würde.

«Sie wussten nicht, was geschah: Es schien ihnen, als würde sich das Glück davonmachen, weil es immer dasselbe war.» Also laden sie, ohne es zu wollen, das Unheil der anderen Welt, die einmal die ihre war, ein in ihr Paradies, um es da von sicherer Warte aus zu betrachten, sich zu erinnern. Es ist schwierig, bei diesem Ort – «wo sie in Sicherheit waren, […] von wo man alles am besten sehen konnte» – nicht an die Schweiz zu denken. In Zeiten wie etwa in den 1920er- und 1930er-Jahren, als Ramuz auf seiner Suche nach der perfekten Sprache seinen Text wieder und wieder überarbeitete; oder auch in anderen.

Charles Ferdinand Ramuz: «Dorf im Himmel», übersetzt von Steven Wyss. Limmat-Verlag, 2025, 128 Seiten; 31.90 Franken.

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