Der ehrliche Klappentext

«Die Unsichtbaren. Sans-Papiers in der Schweiz» von Tanja Polli

Die Coronakrise hat die verdrängten Schicksale von Sans-papiers sichtbar gemacht. 1,2 Prozent der Bevölkerung leben in der Schweiz ohne Rechte, ohne Papiere, ohne Gesicht. Ein Buch gibt ihnen eine Stimme.
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Autor: Jonas Wydler
Freitag, 11. Februar 2022

Die Geschichte von Ariana, Kämpferin, endet mit dem erlösenden Brief: Aufenthaltsbewilligung B. «Ich kann es bis heute kaum fassen. Ich lebe legal in der Schweiz, bin angemeldet. (…) Ich dürfte ein Monatsabonnement für die öffentlichen Verkehrsmittel lösen und es einmal vergessen, ohne ins Gefängnis zu kommen.»

Der Weg dahin war ein Auf und Ab zwischen Hoffnung schöpfen und Rückschläge erleiden. Die heute 33jährige Sans-papiers flüchtete als gehbehindertes Kind vor dem Krieg im Kosovo nach Deutschland. Auf 21 schwerverdaulichen Seiten erzählt Ariana von ihrer ständigen Angst vor der Abschiebung, wie ihre Familie zerrissen wurde und sie als Jugendliche wieder in ihre zertrümmerte Heimat abgeschoben wurde. Wie sie heiratete, in die Schweiz zog und in die Fänge eines prügelnden Ehemanns geriet.

Ariana hatte keine Chance, sich gegen Gewalt, Ausbeutung und Krankheit zu wehren. Als Sans-papiers blieb sie ohne Schutz und Rechte. Heute lebt sie zwar legal in der Schweiz. Aber trotz der Freiheit legen sich die Schatten der Vergangenheit nicht so schnell. Es bleibt «eine tiefe Trauer», für die sie sich schämt.

Die Journalistin Tanja Polli und die Fotografin Ursula Markus erzählen im Buch «Die Unsichtbaren» die Geschichten von 18 Sans-papiers und bringen ein in der Schweiz verdrängtes Thema auf den Tisch. Bemerkenswert ist allein bereits die Tatsache, dass sie es schafften, das Vertrauen so vieler Betroffener zu gewinnen. Und dass diese, wie im Fall von Ariana, ihr Gesicht zeigen. Der Koch Li, die Sexarbeiterin Antonella, der perspektivenlose Louis: Anders als Ariana leben sie weiter in der erzwungenen Anonymität. «Wir Sans-papiers sind die letzten, die um etwas bitten», sagt Antonella.

Geschätzte 100 000 Sans-papiers – Menschen ohne geregelten Aufenthalt – leben in der Schweiz. Sie kommen, weil sie hier gebraucht werden, und verrichten schätzungsweise 50 Prozent der bezahlten Haus­arbeit. Die Menschen aus Lateinamerika, Osteuropa oder Asien putzen unsere Wohnungen, hüten unsere Kinder oder schuften auf Baustellen zu unwürdigen Löhnen. Systemrelevant, aber unsichtbar. Die ständige Angst macht sie krank, doch der Zugang zum Sozial- und Gesundheitssystem bleibt ihnen versperrt.

Tanja Polli holt die Betreffenden aus ihrem Versteck und lässt sie aus der Ich-Perspektive erzählen. Ursula Markus zeigt die Menschen in ihrem Umfeld, ohne sie blosszustellen. Die Geschichten haben ein Publikum verdient. Etwa die des 27jährigen Weimar, der als Neunjähriger allein mit seiner älteren Schwester die Reise von Bolivien in die Schweiz unternahm. Eine Kleinigkeit wie die Bibliothekskarte, die er in der Schule bekam, wurde für den Jungen das Tor zur Welt. Mit der Anerkennung als «Härtefall» – für Sans-papiers der einzige Weg, um der Abschiebung zu entgehen – ist auch für ihn längst nicht alles gut. Weimar schaffte es ans Gymnasium, aber seine traumatische Vergangenheit holte ihn in Form einer Depression ein. Ein Bleiberecht allein genüge nicht, sagt Weimar. «Man muss sich um die Menschen kümmern, die bleiben dürfen.»

Die respektvoll geschilderten Einzelschicksale machen die Problematik fassbar. Zahlen und Fakten rund um das Thema Sans-papiers und Asylpolitik liefern in ausgegliederten Boxen wichtigen Kontext. Das ist lehrreich und gut gelöst. Ob es neben den Portraits auch noch die Gespräche – etwa mit der Leiterin der Sans-papiers-Anlaufstelle oder mit einem Arzt – gebraucht hätte, ist Ansichtssache. Die Erzählungen für sich wären Stoff genug.

Die Autorin belässt es nicht beim Benennen der Missstände, sondern zeigt auch Lösungen auf. Etwa wie Genf in einem pragmatischen Akt 2500 gut integrierte Sans-papiers legalisiert hat. Oder wie die Identitäts­karte für New Yorker Einwohnerinnen und Einwohner allen unabhängig vom Status Zugang zu Institutionen er­möglicht. Nach diesem Vorbild will Zürich als erste Schweizer Stadt eine städtische ID einführen. Man muss nur wollen.

Tanja Polli, Ursula Markus (Fotos): «Die Unsichtbaren. Sans-Papiers in der Schweiz». Rotpunktverlag, Zürich 2021; 256 Seiten, 42 Franken.

Jonas Wydler ist freier Journalist.

  • N° 1/2022

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