Der ehrliche Klappentext

«Die Kinder hören Pink Floyd» von Alexander Gorkow

In «Die Kinder hören Pink Floyd» erzählt der Journalist Alexander Gorkow von seiner Kindheit im Deutschland der siebziger Jahre. Der Roman ist eine Hommage an Pink Floyds Musik und beweist, welch befreiende Kraft in der Phantasie steckt.
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Freitag, 14. Mai 2021

Kind sein ist nie langweilig. Nicht einmal, wenn man in einem Vorort Düsseldorfs aufwächst. In seinem autobiografischen Roman «Die Kinder hören Pink Floyd» kehrt Autor Alexander Gorkow genau dorthin zurück. Aus der Sicht seines zehn Jahre alten Ichs beschreibt er die kleinbürgerliche Enge und Spies­sigkeit in den siebziger Jahren: In der Stube flimmert der Farbfernseher, die Rasen vor den Vorstadthäusern werden mit Gift, kannenweise, in Form gehalten, es wabert der Zigarettenqualm durch die Küche, während die Hausfrau Quitten einkocht.

Und da sind die Figuren seines kindlichen Universums: der prügelnde Schulkamerad Richard Le Bron, der geistig behinderte Aussenseiter Hubi, Sitznachbar des Erzählers, Onkel Heinrich, der Altnazi, und der Vater, der wahlweise Jazz hört oder Mittagsschlaf hält. Im Zentrum steht die herzkranke, aber lebenshungrige ältere Schwester, im Roman immer nur Kind 1 genannt. Laut Ärzten sollte sie längst tot sein. Ungeachtet dessen schlägt ihr Herz weiter, denn immer gibt es noch ein Musikalbum der von ihr geliebten Band Pink Floyd, das demnächst erscheinen soll. Bevor sie dieses nicht gehört hat, ist an Sterben nicht zu denken.

Ganze Sommer lang ertönt Pink Floyds legendäres Album «The Dark Side of the Moon» – es beginnt stimmigerweise mit lauter werdenden Herztönen – aus den offenen Fenstern des Zimmers der Geschwister. Die vier Musiker aus dem fernen London sind so etwas wie geistige Brüder der beiden. Dank Langenscheidt werden die Songs zum Begleittext ihrer Jugend.

Herrlich etwa, wenn die beiden darüber sinnieren, wer wohl mit dem «Establishment» gemeint sei, gegen das die Musiker ansingen: Ist es Klassenfiesling Richard Le Bron, mit dem sich der Bruder bei einem Schulausflug zur städtischen Kläranlage eine Schlägerei liefert, oder vielleicht Onkel Heinrich? Wer im Hause Gorkow der Erzfeind der Jungs aus London ist, darüber besteht allerdings kein Zweifel: Schlagerstar Heino, der mit bleichem Gesicht und dunkler Brille in der ZDF-Hitparade auf den Fernsehbildschirm tritt und in den Albträumen des Bruders als Wiedergänger auftaucht.

Mit viel Sinn für Details erweckt Alexander Gorkow seine westdeutsche Kindheit zum Leben. Wenn er fast beiläufig erzählt, dass die Mutter, ein Kriegskind, während der Schwangerschaft das Beruhigungsmittel Contergan schluckte und die Schwester deshalb mit Organfehlern zur Welt kam, lässt sich der tiefere Grund der kuratierten Biederkeit jedoch mehr als erahnen.

«Die Kinder hören Pink Floyd» liest sich, als ob die Figuren vergilbter Fotos zum Leben erwachten und an Farbe gewönnen. Gorkow hat sich die Phantasie und Neugier seines früheren Ichs bewahrt und begibt sich mit einer wunderbar poetischen Sprache auf Zeitreise. Auch das grösste Drama im Roman, die Explosion des Dampfkochtopfs beim Einkochen der Quitten, ist getragen von feiner Komik.

«Jeder Spalt, jede Naht, jede Leerstelle in der Küche ist mit Quittengelee gefüllt.» So endet die neue Einbauküche im Inferno. Das Kapitel trägt den Namen «Supernova», angelehnt an die astrale Bildwelt von Pink Floyd. Das letzte Aufleuchten eines Sterns vor seinem Erlöschen. So etwas ist auch dieser Roman, der eine Kindheit noch einmal aufscheinen lässt und nebenbei vom Zauber der Musik erzählt. Dank oder immerhin mit ihr überlebte die Schwester ihre Kindheit und Jugend.

Das Buch endet mit einem Epilog. Darin schildert Gorkow, heute preisgekrönter Feuilletonist, von seinen späteren Begegnungen mit Roger Waters, dem Bassisten, Sänger und Gründer von Pink Floyd. Er sinniert dabei über das Gefühl der Befremdung, das sich einstellt, wenn man seinem einstigen Idol gegenübertritt und feststellen muss, doch nicht viel mit ihm gemein zu haben.

So sorgte Rogers Waters in den letzten Jahren mit israelkritischen Aussagen für Unmut; auch Gorkow hat dafür wenig Verständnis. Waters und er schreiben sich heute dennoch ab und zu. Die Bewunderung ist dem Respekt vor dem Werk des Kindheitsidols gewichen. So gesehen handelt der Roman auch vom Erwachsenwerden.

Alexander Gorkow: «Die Kinder hören Pink Floyd». Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021; 186 Seiten; 24 Franken.

Susanne Leuenberger ist Religionswissenschaftlerin und freie Journalistin.