Roland Diethelm

Die Hitze des Sommers verleitet dazu, über die Natur des Menschen und die Liebe zu sinnieren

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Freitag, 05. Juli 2019

In diesen heissen Tagen bietet mir mein Gebetsraum ein besonderes Refugium von meinem Pfarralltag. Ich singe das Mittagsgebet in der kühlen Dämmerung, fernab von der Hitze.

«O starker Herr und treuer Gott, du lenkst die wechselhafte Zeit, du gibst der Frühe milden Glanz und helle Glut dem hohen Tag» lautet der Hymnus. Wie passend. Vor Gott stehen die dahin­eilenden Stunden still und ich kann ein wenig bei ihm ruhen. Während es draussen fiebrig und gehetzt zu und her geht, finde ich in diesem Moment Ruhe, Frieden und Geduld. Allzu dialektische und komplexe Gedankengänge sind bei diesen Temperaturen nicht gefragt. So passen die Lesungen für die mittägliche Gebetszeit. Sie sind für die ganze Woche aus dem ersten Johannesbrief genommen. In teils mystischen, teils schroffen Wendungen redet uns da Johannes ins Gewissen. Er mahnt seine Gemeinde, im rechten Glauben zu bleiben und nicht auf falsche Propheten hereinzufallen. Es sind die Bilder, die wirken. Und die Rollen sind klar verteilt. Gott ist Licht. Wer in seinem Leben die Finsternis zulässt, fällt aus dem Licht, vergeht sich gegen Gott.

Doch niemand kommt ohne Schatten daher. Die Aufgabe des Menschen besteht darin, seine dunklen Ecken zu erkennen. Ich blicke von der Lektüre auf, und meine Gedanken schweifen ab. Wieviel Schatten, wieviel Bereitschaft zu Gewalt, Gruppenbildung und Eigennutz tragen wir aus den Erfahrungen von Millionen von Jahren Hordenleben in unserem kollektiven Gedächtnis mit? Oben im Haus spielen die Kinder Räuber und Poli oder töten gerade wieder mal die Bösen. Ob das christliche Menschenbild und die kluge Selbsterkenntnis mehr sein können als ein Sehnsuchtsbild einer unruhigen Seele?

Dann vertiefe ich mich wieder in die Johannes­briefe und lese das schroffe Wort: «Keiner hat Gott je gesehen.» Diese Aussage könnte glattweg aus unseren agnostischen Zeiten stammen. Sie ist so etwas wie das Erbstück, das wir aus dem Schatz des jüdisch-prophetischen Zeitalters geborgen haben. Wir sind Erben dieses unsichtbaren Gottes. Dass wir es mit einer nie ganz erkennbaren Wahrheit zu tun haben, verunsichert den Glauben. Muss es schon damals getan haben, als Johannes es aufschrieb. Denn er sucht nach einer Versicherung, dass wir zum unsichtbaren Gott und zum Bereich des Lichtes gehören. Die Liebe beglaubigt die Gottesverbundenheit. Die Liebe ist erfahrbar, greifbar und sichtbar in der Nächstenliebe. «Wir wissen, dass wir aus dem Tod ins Leben hinüber­geschritten sind, denn wir lieben einander» lautet seine Selbstvergewisserung.

In einem weiteren Abschnitt lese ich: «Lasst uns nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit!» Der Vers ist mir sehr vertraut – er ist ein beliebter Taufspruch. Erst seit einem halben Jahr bin ich in meiner neuen Gemeinde, und schon zweimal haben ihn Eltern als Segenswort für ihr Kind gewählt. Wahrhaftiges Christsein wünschen wir unseren Kindern. Weniger gefragt ist der Vers dann als Handlungsmaxime unter erwachsenen Christen. Wäre es anders, gäbe es weder Diskussionen über die Kürzung von Sozialhilfe noch über das Errichten von Zäunen auf der Balkanroute. Der Johannnesbrief fasst es in eine Aussage, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglässt: «Wer nicht liebt, bleibt im Tod. Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Mörder; und ihr wisst, dass in einem Mörder das ewige Leben nicht bleibt. Wer immer in der Welt sein Auskommen hat und seinen Bruder Not leiden sieht und sein Herz vor ihm verschliesst, wie bleibt da die Liebe Gottes in ihm?» Ich tauche aus dem Mittagsgebet auf und frage mich, ob ich es wage, der nächsten Taufgemeinde diese Schatten zuzumuten. Es heisst im Johannesbrief schliesslich: Die Liebe treibt die Furcht aus.