
Wer so wie ich auf der Überholspur lebt, der weiss: Es sind oft die dümmsten Entscheidungen, die sich später nicht mehr ändern lassen. Eine Hochzeit, ein Kind, die Tätowierung der eigenen Sunrise-Nummer (und dann wechselt man den Anbieter). Glücklicherweise leben wir in einem Land, das nicht gerade für seine Impulsivität bekannt ist – wie die späte Einführung des Frauenstimmrechts zeigt. Morgen ist auch noch ein Tag, und wenn nicht, dann umso besser, dass wir noch nichts entschieden haben.
Keine andere Formulierung bringt diesen Gedanken besser zum Ausdruck als die Redewendung Ich muess e Nacht drüber schlofe. Der Satz existiert auch in anderen Sprachen: I need to sleep on it. Je dois y réfléchir cette nuit. Doch in keiner der beiden klingt er meines Erachtens so glaubwürdig wie in der hiesigen Mundart. Wer hats erfunden? Die Schweizer.
Aber was genau haben wir erfunden? Hören wir noch einmal genau hin: Ich müess das e Nacht überschlaafu (der Abwechslung halber im Walliser Dialekt). Der Satz drückt weniger ein Bedürfnis nach Schlaf aus als einen Widerwillen gegen den unfassbaren Druck, unter den man hier gesetzt wird; den Druck, eine Entscheidung treffen zu müssen, jetzt und sofort. Lasst mich doch mit dem ganzen Kram in Frieden, ich will einfach nur meine Ruhe haben.
Der Satz ist unser Bartleby. Bartleby? Sie wissen schon, Herman «Moby Dick» Melvilles legendärer Schreiber, der alle Aufträge seines Arbeitgebers mit derselben Wendung ablehnt: I would prefer not to. Ich möchte lieber nicht. Mit dieser Verweigerungshaltung ist Bartleby ohne es zu wollen zu einem antikapitalistischen Helden geworden. Einem Anarchisten, der sich dem Konsum und seinem masslosen Imperativ so elegant wie konsequent widersetzt. Ein Schlaumeier, der den Dummen spielt und so die Mächtigen übertölpelt.
Das wiederum ist genau die Rolle, die der Schweizer gerne für sich reklamiert: der schlaue Bauer, der das tolldreiste Treiben der Welt mit gesunder Skepsis beobachtet und seine Beschlüsse auf Tele Blocher verkündet.
Im Moment hat diese Figur gerade wieder Hochkonjunktur, jetzt, da wir das Vergnügen haben, über die Nachhaltigkeitsinitiative der SVP abstimmen zu dürfen. 10 Millionen sind genug. Findet die Partei. Und finden auch sehr viele Leute im Land. Denn die Initiative knüpft ziemlich raffiniert an dieses Bild des schlauen Bauern an, der die Welt von sicherer Warte aus beobachtet: Kriege, Klima, Trump und Epstein. KI! Selbstfahrende Autos. Und was passiert mit meiner Pensionskasse? Zeit, dass wir ein Zeichen setzen.
Doch die Bauernschläue der SVP und Melvilles literarische Figur haben nichts gemeinsam. Bartleby setzt keine Zeichen. Er will einfach nicht mitmachen. Die SVP aber will, dass wir unseren Unmut an der Urne kundtun. Mehr noch: Wir sollen Gesetze machen, das Land ändern. Definitiv. Der schlaue Bauer surft heute im Internet, wo er auf Facebook, Instagram und so weiter Gift und Galle spuckt.
Die SVP benutzt diese neue Mentalität, indem sie uns sagt, Demokratie bedeute, dass jeder sein Mütchen kühlen darf. Das ist aber meines Erachtens genau das Gegenteil von Demokratie und der Grund, warum rechte Parteien im Verbund mit sozialen Netzwerken gefährlich für die Gesellschaft sind: weil sie uns dazu bringen, dumme Entscheidungen zu fällen, anstatt noch einmal darüber zu schlafen.