Der ehrliche Klappentext

«Die Aussprache» von Miriam Toews

Nach einem schrecklichen Verbrechen stehen acht strengreligiöse Frauen vor dem Entscheid ihres Lebens: Sollen sie die isolierte Mennoniten­kolonie und ihre Peiniger weiter erdulden oder die Freiheit wagen? In Die Aussprache inszeniert die kanadische Autorin Miriam Toews ein atemberaubendes Kammerspiel rund um Gottesfurcht und weibliche Selbstermächtigung.
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Freitag, 01. November 2019

Lange Zeit dachten die Frauen einer abgeschirmten, mennonitischen Gemeinde in Bolivien, Dä­monen würden sie nachts heimsuchen. Blutend und voller Schmerzen wachten sie morgens auf, ohne Erinnerung an die Nacht. Doch es waren keine Geister, sondern ihre eigenen Ehemänner, Brüder, Cousins und Onkel, die die Frauen, Mädchen und weiblichen Babys über ein Jahr betäubt und vergewaltigt hatten.

Auf diesen wahren Begebenheiten beruht der Roman Die Aussprache der kanadischen Schriftstellerin Miriam Toews, die selber in einer mennonitischen Gemeinde aufgewachsen ist.

Es wäre einfach, diese Geschichte als Krimi zu er­ zählen und mit dem Pathos von Schuld und Sühne zu beladen. Aber darum geht es der Autorin nicht. In ihrer Erzählung stellt sie nicht die Verbrechen ins Zentrum, sondern lässt viel eher die Frauen zu Wort kommen. So setzt der Roman erst nach der sexuellen Gewalt ein. Nachdem die acht Täter in Untersuchungshaft genom­men wurden, bleiben den Frauen 48 Stunden Zeit, eine Entscheidung zu treffen: Sollen sie bleiben und weiter­ machen wie bisher? Sollen sie bleiben und kämpfen? Oder sollen sie gehen und in eine Welt hinausziehen, von der sie absolut keine Ahnung haben? Um zu einem Entschluss zu gelangen, treffen sich acht der Frauen auf dem Heuboden einer Farm. Weil sie Analphabetinnen sind, bitten sie den Lehrer August Epp, das Treffen zu protokollieren. Epps Eltern waren einst aus der Ge­meinschaft ausgeschlossen worden. Diese Aussenseiter­ rolle, aber auch seine Liebe zu einer der Frauen, macht ihn zu einem Vermittler zwischen der Welt «draussen» und «drinnen» – und zwischen den Männern und den Frauen.

Mittels Epps Aufzeichnungen inszeniert Toews nun ein Kammerspiel rund um Freiheit, Glaube, Loyali­tät und weibliche Emanzipation. Ihre Protagonistinnen verhandeln nichts weniger als ihre ganze Existenz. Sie finden heraus, was sie wirklich wollen: eigenständig Denken, Lesen und Schreiben lernen, in Freiheit und Sicherheit leben. Sie diskutieren über Macht, Traurigkeit, Angst, ein Manifest und die Revolution. Sie trinken Kaffee, lassen die Knöchel knacken, drehen Zigaretten, trösten einander, fluchen, flechten sich gegenseitig die Haare, verwerfen Ideen und greifen bereits Gesagtes wieder auf. Und immer wieder kommen sie auf den Glauben zu sprechen, auf Gott und die Bibel, die sie nicht lesen können. Ist Ungehorsam gegen Gott auch Unge­horsam gegen die Männer ihrer Gemeinde? Gebietet ihnen gerade ihr Glaube, dass sie sich und die Kinder in Sicherheit bringen, um nicht Mittäterinnen zu werden?

Auch wenn die Stunden auf dem Heuboden wie eine Ewigkeit scheinen, kommt zum Schluss doch noch Hek­tik auf. Einer der Männer erscheint in der Kolonie, um Pferde zum Verkauf zu holen – die Täter sollen dank ei­ ner Kaution wieder auf freien Fuss kommen. Dann er­ reicht die Frauen auch noch die Nachricht, dass genau in jener Richtung, in die sie ziehen wollen, ein Feuer ausge­brochen ist. Bis fast zum Schluss bleibt offen, wie sie sich entscheiden.

Toews lässt die Protagonistinnen beglückende Sätze sagen wie: «Alles, was wir Frauen haben, sind Träume. Also sind wir natürlich Träumerinnen.» Oder auch: «Wenn wir uns befreit haben, werden wir uns fragen müssen, wer wir sind.» Nicht die Verbrechen und die drängende Zeit machen Die Aussprache zu einer atem­beraubenden Lektüre, sondern die widersprüchlichen und wegweisenden Meinungen und Ideen der Frauen an einem Wendepunkt ihres Lebens. Toews verwebt die Stimmen der acht Frauen aus unterschiedlichen Genera­tionen zu einem dichten Tableau ihrer Wünsche, Träume und ihres Lebenswillens. Der Roman ist eine Wucht.

Miriam Toews: Die Aussprache. Hoffmann und Campe, Hamburg 2019; 256 Seiten; 26 Franken.

Dolores Zoé Bertschinger ist Religionswissenschaftlerin und freie Autorin in Zürich.