Der ehrliche Klappentext

«Die Anthropomorpha: Tiere im Krieg» von Malin Gewinner

Seit Menschengedenken werden Tiere für kriegerische Zwecke benutzt. In ihrem Bildband Die Anthropomorpha: Tiere im Krieg zeigt die Kulturdesignerin Malin Gewinner, wie aus Bienen, Pferden oder Delfinen dressierte Soldaten wurden. Die Tiere sind dabei mal Kamerad, mal Kanonenfutter. Ein irritierendes Buch der Ungeheuerlichkeiten.
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Autorin: Corinne Holtz
Freitag, 19. Mai 2017

Ratten, Bienen und Hunde spüren Sprengstoff auf; Kanarienvögel, Schnecken, Mäuse, Katzen, Hühner und Tauben warnen vor Gas; Fledermäuse sind als Brandzünder unterwegs. Dagegen scheint die Brieftaube Cher Ami harmlos. Sie zählt zu den berühmtesten Brieftauben der Welt und fliegt 1918 im Auftrag der US-amerikanischen Armee über die Schlachtfelder Verduns. Es gelingt ihr, zwölf wichtige Nachrichten zu transportieren. Selbst auf ihrem letzten Flug erreicht sie das Ziel, schwer verletzt durch einen Schuss. Sie soll 194 Soldaten das Leben gerettet haben und wird für ihren Einsatz mit dem ehrenvollen Croix de guerre Frankreichs ausgezeichnet.

In ihrer Enzyklopädie Die Anthropomorpha: Tiere im Krieg beschreibt Malin Gewinner, wie Tiere seit dem Neolithikum in kriegerischen Konflikten aktiv mitwirken. Das Pferd belegt dabei zahlenmässig den ersten Platz. Im bereits stark motorisierten Zweiten Weltkrieg sterben gegen neun Millionen dieser Tiere. Gleichzeitig wird das Pferd, zusammen mit dem Kavalleristen, zum Mythos stilisiert. Besonders hartnäckig in der Schweiz: Die Eidgenossenschaft leistet sich noch 1972, im Zeitalter atomarer Bedrohung, eine gut aufgestellte Reitertruppe. Als der Bundesrat sie abschaffen will, protestieren neben den Kavallerieverbänden und zahlreichen Prominenten auch eine halbe Million Schweizer.

Das Tier ist je nach Bedarf Kamerad oder Gebrauchsgegenstand und wird im Krieg zum Tiersoldaten – und damit zum «eigenständigen Wesen». Die Umrüstung mache das Tier menschenähnlich, stellt Malin Gewinner fest. Damit meint sie, dass Tiere durch aktives Mitwirken im Krieg oder durch militärische Bekleidung von Menschen als gleichartige Wesen wahrgenommen werden.

Gleichartig, aber nicht gleichgestellt, will man der These der Autorin folgen. Denn das Tier wird in seiner Wesenheit vergewaltigt, seine Fähigkeiten nutzt der Mensch für eigene Zwecke und nimmt dafür Leiden und Sterben in Kauf. Das Tier wird dem Soldaten gleich als Kanonenfutter genutzt und zum Material. Menschen- und Tierwürde gehen auf dem Schlachtfeld gleichermassen vor die Hunde.

Malin Gewinner studierte Kulturdesign an der Universität der Künste Berlin und baute ihre Bachelorarbeit zur vorliegenden Buchpublikation aus. Die Autorin präsentiert ein Bilder- und Lesebuch der Ungeheuerlichkeiten, die in der Rezeption von Kriegen eine Nebenrolle spielen. Gewinner verschränkt in ihrer Recherche anthropologische mit ethischen Fragen und spannt den Bogen von der neolithischen Revolution bis in die Gegenwart. Das gelingt sprachlich dort überzeugend, wo der lexikalische Charakter gefragt ist, etwa in den 32 Kurzportraits von Säugetieren, Vögeln, Reptilien, Fischen, Insekten, Spinnentieren und Weichtieren. In den längeren Passagen hingegen verliert sich die Autorin im Zitieren; eine stringente Darstellung ihrer Schlüsse will sich nicht einstellen.

Dafür entschädigen die künstlerisch nachbearbeiteten Fotografien. Ganzseitige grobkörnige Bilder, an die Sepiafarbgebung angelehnt, wechseln sich mit kleinformatigen Schwarzweissfotografien ab und sind mit schlichten Legenden versehen. Mit Sprengstoff und Zündhebeln ausgerüstete Schäferhunde der Roten Armee trotten angeleint durch den russischen Winter 1941 / 42; ein Delfin mit einem Sprengsatz im Rucksack versucht diesen an einer Ankerkette in den Gewässern vor Hawaii zu befestigen; deutsche Soldaten in Gasmasken setzen eine Taube in eine gasdichte Schutzkammer. Hier entwickelt das Buch seine Dringlichkeit: in der Sprache der Bilder und ihrer Inszenierung.

Malin Gewinner: Die Anthropomorpha: Tiere im Krieg. Matthes und Seitz; Berlin 2017; 128 Seiten; 32.70 Franken.

Corinne Holtz ist Publizistin in Zürich.