Der ehrliche Klappentext

«Die 7 grössten Irrtümer über Frauen, die denken» von Beatrix Langner

Die Literaturwissenschaftlerin Beatrix Langner ist angetreten, die vielverschmähte weibliche Vernunft durch die Zeiten zu rehabilitieren. «Die 7 grössten Irrtümer über Frauen, die denken» ist aber leider nicht viel mehr als eine Sammlung von Anekdoten. Am Ende der Lektüre ist man nicht klüger als zuvor.
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Freitag, 09. Juni 2017

Frauen wurden durch die Geschichte mit immer denselben Argumenten aus dem Kreise der Philosophen und Intellektuellen ausgeschlossen: Frauen, die denken, sind eigentlich Männer, sie sind anders, göttlich, gefährlich, unsexy, schlechte Mütter, oder aber sie retten dann gleich die ganze Welt. Diese Vorurteile sind es, die Frauen von jeher den Ort jenseits der Vernunft zugewiesen haben und die bis heute wirken. Und das will Beatrix Langner ändern.

Die deutsche Literaturwissenschaftlerin will in ihrem neusten Buch dem weiblichen Scharfsinn durch die Zeiten hindurch nachspüren. Doch um es vorwegzunehmen: Am Ende von Langners Tour d’Horizon durch die Kulturgeschichte ist man nicht unbedingt klüger als am Anfang. An der Fülle der Beispiele kann es nicht liegen. Langner ist eine akribische Sammlerin: Was sie an historischen Anekdoten, sozialen Beziehungsgeflechten und biografischen Details zusammengetragen hat, sucht seinesgleichen in aktuellen feministischen Publikationen. Doch irgendwie bleibt das Buch trotz anspruchsvoller akademischer Rhetorik im Plauderton stecken.

Zwar ist Langners anekdotischer Zugang anfänglich unterhaltsam zu lesen. Besonders süffig erzählt Langner von Anna Morandi Mazzolini. Die Professorin für Anatomie in Bologna fertigte Mitte des 18. Jahrhunderts Plastinate von Gebärmüttern und Eierstöcken an und machte so das Innere des weiblichen Körpers zum ersten Mal dreidimensional sichtbar. Ihre plastische Sammlung krönte Mazzolini mit einer eigenen Portraitbüste: Diese zeigt sie mit einer Schädelkapsel mit freiliegendem Gehirn in den Händen.

Damit, so Langner, liefere die Anatomieprofessorin eine ironische Antwort auf die akademischen Anfeindungen von Medizinern, die die Frauen gerne auf den Uterus reduziert wissen wollten. Doch insgesamt fällt der Lust an der Pointe eine kulturgeschichtliche Einordnung zum Opfer. Und sei es nur eine chronologische. Es fehlt dem Buch an System. Das macht es harmlos.

Zugegeben: Die Ausgangslage für Langners Buch ist nicht ganz einfach. Die Autorin versucht sich an einer Rehabilitation der weiblichen Vernunft. Doch dieses Vorhaben erweist sich alleine schon aufgrund der Archivlage als problematisch, denn meistens sind uns Frauen heute nur bekannt, weil sie in irgendeiner Beziehung zu einem (bedeutsamen) Mann standen. Auch waren es für lange Zeit ausschliesslich Männer, die Geschichte niedergeschrieben und dadurch ausgewählt haben, was Teil unserer Vergangenheit und Erinnerung sein soll. Weibliche Stimmen als Chronistinnen ihrer eigenen Zeit sind rar, viele Nachlässe von Frauen liegen auch heute noch in Archiven brach. Diese Missstände kann auch Langner nicht beheben – aber sie müsste sie zumindest benennen. Sie tut es leider nicht. Langner schreibt über Frauen, Männer aber kommen mitsamt ihren Theorien über mehrere Seiten hinweg und in ausführlichen Zitaten selbst zu Wort.

Enttäuschend ist zudem Langners Umgang mit der Gegenwart. Die «derzeit vierte Welle des Feminismus» bezeichnet sie als ein «wirres Wellengekräusel im World Wide Web». Sätze wie «Stillende Postdocs posten via Instagram die Fotos vom letzten Kindergeburtstag (…), vielleicht, um dem verbreiteten Irrtum entgegenzuwirken, kluge Frauen seien schlechte Mütter», zeugen von einem allzu oberflächlichen Verständnis von Feminismus. Dass Lebensentwürfe von Frauen etwas mit Lohndiskriminierung, Carearbeit oder neoliberaler Selbstoptimierung zu tun haben könnten, macht das Buch nicht zum Thema. Das ist schade. Von einem Buch, das sich um die Würdigung der weiblichen Vernunft bemüht, hätte man sich mehr analytische Schärfe und mehr feministisches Bewusstsein gewünscht.

Beatrix Langner: Die 7 grössten Irrtümer über Frauen, die denken. Matthes und Seitz; Berlin 2017; 236 Seiten; 28.90 Franken.

Dolores Zoé Bertschinger ist Religionswissenschaftlerin und freie Journalistin.