Der ehrliche Klappentext

«Der Zorn des Poseidon» von Anders Nilsen

Feinsinnig und mit Witz lässt der Comic-Künstler Anders Nilsen Poseidon, Athena, Zeus und Co. in die Welt der Sterblichen zurück- kehren. Drama ist da Programm. «Der Zorn des Poseidon» zeigt: Auch im Comic spielt Religion eine Rolle.
Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Freitag, 15. April 2016

Stellen Sie sich vor, Sie sind Poseidon zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Ihre besten Zeiten haben Sie hinter sich – mehr als 3000 Jahre ist es her, seit Sie Odysseus über das Mittelmeer gejagt haben und jeder Seemann Ihren Schutz erbat. Heute bringt Ihnen niemand mehr Opfer, die Seeleute verlassen sich auf Navigationsgeräte – sie finden ihren Weg auch ohne Ihre Hilfe. Wie bitter für Sie.

In den ganzseitigen Schattenrisszeichnungen des amerikanischen Comiczeichners Anders Nilsen erleben Poseidon und die anderen Götter und biblischen Gestalten die Säkularisierung am eigenen Leib: Sie sind überflüssig geworden. Doch gerade diese Vernachlässigung erscheint in den Augen von Poseidon, Jupiter, Prometheus und Co. als die reinste menschliche Hybris: Nach Äonen menschlicher Vorherrschaft stirbt das Meer, herrschen Krieg, Mord und Totschlag. Kurz: Vieles liegt im argen. Und die Götter sind vergessen, aber nicht tot. In den sieben Kurzgeschichten machen sie sich deshalb auf, die Welt der Sterblichen aufzumischen.

So begibt sich Poseidon in der titelgebenden Geschichte auf die Erdoberfläche, in das Land «Amerika» und entdeckt dort ein Getränk namens «Iced Latte», so köstlich wie das Ambrosia der Götter auf dem Olymp. Erst amüsiert er sich über die Menschen, doch jäh vergeht dem ausrangierten Gott des Meeres der Spass, als er in einem Vergnügungspark die Wasserrutschbahn «Zorn des Poseidon» entdeckt. Das ist ihm dann doch zu viel der menschlichen Übermut. Zusammen mit seinem alten Kumpel Jupiter lässt er Orkan, Sturm und Gewitter übers Land fegen – Nemesis lässt grüssen.

Neben dem göttlichen Zorn ist da auch die leise Trauer des grossen Zeus. Dieser verführt, so will es der Mythos, die schöne Menschenfrau Leda in der Gestalt eines Schwans. In Nilsens Adaption wünscht Leda nach dem Beischlaf die wahre Gestalt ihres Liebhabers zu sehen. Doch die Sterbliche verglüht beim Anblick des obersten olympischen Gottes: Einsam bleibt der unsterbliche Zeus zurück. Er ist dazu verdammt, zu überdauern. Wie viel tröstlicher ist es da, sterblich zu sein und hoffen und glauben zu können.

Das muss sich zumindest Athena, die Protagonistin der folgenden Geschichte gedacht haben. Die ehemalige Göttin der Weisheit lachte einst wie alle anderen Götter über den Nazarener – jenen Gott, der Mensch wurde. Mittlerweile lebt sie seit zwölf Jahren selber auf der Erde. Als Sterbliche fühlt sie sich eben doch lebendiger. Von ihrer Weisheit ist allerdings nicht viel geblieben, der Alkohol lässt sie mit Brummschädel aufwachen. Was war da gestern? Sie findet eine Waffe in der Handtasche. Und schon wird ihre Wohnung von der Polizei gestürmt – im zweitletzten Bildausschnitt erinnert sie sich an Jesus von Nazareth, seine Wunden, und die Hoffnung der Menschen auf den verletzlichen Gottessohn. Auf der kommenden Seite blickt sie in die Gewehrläufe der Polizei. Was wird sie tun? Die reduzierte Bildsprache und das offene Ende lassen Raum zum Weiterdenken.

In den Schwarzweisszeichnungen, die Nilsen mit Gedanken der göttlichen Protagonisten kommentiert, gelingen dem Künstler ebenso komische wie kluge Einsichten in die Welt der Götter – und in die säkulare Gegenwart der Sterblichen. Die Verspieltheit, mit der er Poseidon und Co. agieren lässt, zeugt von der Vertrautheit des Zeichners mit den Protagonisten des Olymp. Und mit jenen der Bibel: Auch Noah, der Engel Gabriel, Gott, Jesus und der «gefallene Engel» treten in der einen oder anderen Episode auf den Plan.

Mit dem antiken Religionskritiker Xenophanes teilt der Künstler die Einsicht, dass die Götter doch nur karikierte Menschen sind – ein Gedanke, den er auch gestalterisch in den Schablonenzeichnungen umsetzt. Mit Horkheimer und Adorno eint ihn die Kritik am Zeitalter der Vernunft: Die aufgeklärte Welt bringt ihre eigenen Mythen und Ungeheuer hervor. Die Götter waren nie weg. Nun sind sie auch im Comic zurück. Und zumindest das ist gut.

Anders Nilsen: Der Zorn des Poseidon. Avant-Verlag; 95 Seiten; 38.90 Franken.

Susanne Leuenberger ist Redaktorin bei bref.