Der ehrliche Klappentext

«Der Messias kommt nicht» von Alfred Bodenheimer

Der Basler Judaist Alfred Bodenheimer lässt in «Der Messias kommt nicht» Rabbi Klein zum dritten Mal Verbrechen aufklären. Der Krimi liefert nebst packendem Showdown auch religionsphilosophisches Gedankenfutter.
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Autorin: Gisela Feuz
Freitag, 26. Februar 2016

Gabriel Klein ist in Zürich nicht nur Rabbi der grössten jüdischen Gemeinde der Schweiz, sondern auch Doktor der jüdischen Geschichte der frühen Neuzeit und steckt gemäss Analyse seiner langjährigen Ehefrau Rivka gerade in einer Midlifecrisis. Klein hat nämlich beim Vorstand der Gemeinde um eine berufliche Auszeit angefragt, weil er sich einer Übersetzungsarbeit widmen möchte. Ein Basler Professor namens Henri Blatt hat ihm vorgeschlagen, den Messiasdialog von Sebastian Münster zu übersetzen, also das fingierte Streitgespräch zwischen einem Christen und einem Juden, das 1529 auf Hebräisch und zehn Jahre später auf Latein herausgegeben wurde. Das Sabbatical wird Klein gewährt, und so findet sich dieser kurze Zeit später in Basel wieder, wo er auf Rabbi Be­zalel Sommer trifft. Der leidet an einem arbeitsbedingten­ Burnout und bittet deswegen Klein, ihn bei einem Gemeindeschabbat auf dem abgelegenen Geissenberg zu vertreten. Als dann dort in der Nacht der Wirtschaftsanwalt Stéphane Hutmacher erschossen wird, steckt Rabbi Klein mitten in einem neuen Fall.

Alfred Bodenheimer lässt seinen Rabbi in Der Messias kommt nicht bereits zum dritten Mal ermitteln, wobei dem fünzigjährigen Basler Autor ein unterhaltsamer und spannender Krimi geglückt ist. Das hängt zum einen mit der sorgfältigen Charakterisierung seiner Figuren im allgemeinen und im speziellen derjenigen des Protagonisten zusammen. Rabbi Klein ist ein pragmatischer, unaufgeregter und manchmal sympathisch bockiger und knorriger Zeitgenosse, der über einen trockenen Humor und Selbstironie verfügt. Spannung erzeugt Bodenheimer, indem er diverse falsche Fährten auslegt und so der Leserschaft einen unerwarteten und zugleich packenden Showdown präsentieren kann.

Nebst dem Krimierlebnis beschert Bodenheimers Roman auch Einblick in jüdische Traditionen und Rituale, erklärt Bräuche und ihre Herkunft und thematisiert die Bedrohungen, mit denen sich die jüdische Gemeinde konfrontiert sieht. So werden etwa Informationen über die Zusammenkunft auf dem Geissenberg aus Angst vor Anschlägen nur mit persönlicher Briefpost verschickt. Dass Ressentiments gegenüber der jüdischen Gemeinde und Religion eine lange Tradition haben, verdeutlicht die Schrift, die Rabbi Klein übersetzen und kommentieren soll. Der historische Sebastian Münster lässt in seinem Messiasdialog einen Christen und einen Juden ein Streitgespräch führen, in dem es um die zentrale Frage nach der Ankunft des Messias geht. War denn nun Jesus der Messias, oder war er es nicht? War der Messias schon da, oder wird er erst noch kommen?

Die Ausschnitte aus Münsters Schrift in Boden­heimers Roman zeigen einen Christen, der einem Juden diese Diskussion aufzwingt, und einen Juden, der sich genötigt sieht, mit Zitaten aus mittelalterlicher und talmudischer Literatur eine wahre Abwehrschlacht zu führen. Die Textpassagen verweisen auf einen zentralen Konflikt zwischen christlichem und jüdischem Glauben, und die von Rabbi Klein angestellte Überlegung, dass der Messias vielleicht einfach ein intellektueller Zustand sei («Jeder Messias, der kommt, ist ein falscher Messias. Das Wesentliche am Messias ist, dass er für immer ein Kommender sein wird»), ist ein spannender religionsphilosophischer Gedankengang. Mit dem Krimiplot selber lassen sich diese Reflexionen allerdings nicht verknüpfen. Das kann als Manko erachtet werden – oder aber als intellektueller Mehrwert.

Alfred Bodenheimer: Der Messias kommt nicht. Verlag Nagel und Kimche; 204 Seiten; 23 Franken.

Gisela Feuz ist Kulturjournalistin in Bern.