Aus der Herzkammer

Der Baurat

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Autor: Ramin Nikzad
Freitag, 10. Dezember 2021

Mein Vater Mir Khashayar Nikzad war von 1980, als meine Eltern mit uns aus Persien vor der islamistischen Diktatur der Ayatollahs nach Österreich flohen, bis zu seinem Ruhestand 2005 beim St. Pöltner Ziviltechnikerbüro des Baurats Herwig Schwarz tätig. Anfangs als Ingenieur und zuletzt als Abteilungsleiter von Tiefbau und Kulturtechnik.

Mein Vater hat namhafte Bauwerke wie den Marchfeldkanal oder das Wasserkraftwerk Freudenau geplant, aber unser tagtäglich Brot verdiente er mit den Kanalisationen und Kläranlagen von unzähligen niederösterreichischen Gemeinden.

Sein Chef Baurat Herwig Schwarz schätzte schon recht bald Papas persisches Verhandlungsgeschick und seine Networking- Kompetenz, die dem Schwarz einen Auftrag nach dem anderen einbrachten.

Und Papa konnte von seinem Chef Herwig Schwarz lernen, wie die Dinge in Österreich ablaufen, wie er mit den politischen Machtverhältnissen bei öffentlichen Aufträgen umzugehen hatte und so weiter und so fort.

Aber damals im September 1980 hatten Papa und Baurat Herwig Schwarz einen völlig missglückten Start.

Mein Vater legte Schwarz einen Entwurf vor und Schwarz sagte: «So können S’ da unten bei Ihren Kameltreibern zeichnen, aber net hier bei uns in Europa, Herr Kollege.»

Mein Vater antwortete: «Wenn ich ein Kameltreiber wäre, Herr Baurat, würde ich Sie jetzt am Kragen packen und aus dem Fenster werfen, aber ich komme aus einem kultivierten Land und sage daher: Ich kündige! Auf Wiederschauen!»

Mein Vater geht zu Fuss zum St. Pöltner Bahnhof. Die Zugfahrt von St. Pölten nach Hartberg, wo wir damals bei meinen Grosseltern wohnten, war eine zehnstündige Reise, man kommt heute rascher von Wien nach Bangkok als damals von St. Pölten nach Hartberg.

Am nächsten Tag klingelt das graugrüne Wandtelefon, meine geliebte Oma Johanna hebt ab:

«Kurz! Griass Se, Herr Baurat … Sufurt, Herr Baurat. (zu meiner Mutter, den Hörer mit der rechten Hand verdeckend) Frida! Der Bauråt wüll dei spräichn!»

Meine Mutter nimmt den Hörer: «Grüss Gott, Herr Baurat … Mhm … ja … mhm … ok … nun, es freut mich, dass Sie wollen, dass mein Mann zurückkommt, aber ich muss Ihnen schon eines sagen, Herr Baurat: Wir mussten zurückkommen nach Österreich, weil wir im Iran nicht mehr leben konnten. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass ich mit meinen Kindern und meinem Mann wieder irgendwo Fuss fassen kann in Österreich. Aber nicht um jeden Preis, Herr Baurat. Ich habe die letzten fünf Jahre als Ausländerin im Iran gelebt und bin immer respektvoll und freundlich behandelt worden. Mein Mann hat in Wien studiert und ist jetzt wieder in Österreich, er musste sich genug Beleidigungen anhören, es reicht! Es ist genug!

Er muss sich diese Scheusslichkeiten, die Sie ihm an den Kopf geworfen haben, nicht mehr bieten lassen.»

Letztlich ging mein Vater zurück zum Baurat Schwarz nach St. Pölten, nachdem dieser meinen Vater vielmals um Entschuldigung gebeten hatte. Das war 1980.

Im Frühling 2019 lud Baurat Schwarz meine Eltern zu seinem 90. Geburtstag ein. Der Schwarz freute sich sehr, dass meine Eltern kamen. Er drückte meinem Vater ganz fest die Hände.

«Danke, dass Sie gekommen sind, Herr Diplomingenieur Nikzad, danke! Das bedeutet mir sehr viel! Das bedeutet mir wirklich sehr viel.»

Wir Menschen sind dumm, wir sind deppert. Oder «teppát», wie Papa sagen würde.

Wir sind dumm und engstirnig und kurzsichtig. Aber wir lernen dazu.

Durch Begegnungen.

Durch Beziehungen.

Und wir bitten um Verzeihung. Und wir verzeihen.

Und das hat dann nichts mehr mit Kultur, mit Orient und Okzident, mit Ost und West zu tun.

Das hat dann nur noch mit uns Menschen zu tun.