Der ehrliche Klappentext

«Das Pfingstwunder» von Sibylle Lewitscharoff

Inspirierender kann Lektüre nicht sein: Die «Göttliche Komödie» lässt eine Reihe von Danteforschern in den Himmel aufsteigen. Sibylle Lewitscharoffs Roman «Das Pfingstwunder» handelt vom Genie Dantes, von der schöpferischen Kraft der Literatur und vom Heiligen Geist – und ist selber ein literarisches Meisterstück.
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Freitag, 21. April 2017

Es geschah am letzten Vormittag des Kongresses: Danteforscher aus aller Welt begannen durch das Auditorium zu tanzen und zu hüpfen und in verschiedensten Sprachen zu rufen und zu parlieren – sie waren erregt und entflammt von Dantes Esprit und vom Heiligen Geist. Schliesslich sprangen sie auf das Fensterbrett und flogen auf und davon, wie die Vögel des Himmels. Nur der vierunddreisssigste von ihnen, Professor Gottlieb Elsheimer, blieb sitzen. Jetzt hockt er zuhause in seiner Frankfurter Wohnung und schreibt auf, was geschehen ist.

Sibylle Lewitscharoff erzählt in ihrem Roman Das Pfingstwunder eine wundersame Geschichte. Die 1954 geborene Religionswissenschaftlerin, Autorin und Trägerin vieler Literaturpreise setzt sich auf literarische Weise mit Religion auseinander; sie mischt dabei Wirkliches mit Phantastischem, Profanes mit Heiligem und Hochgelehrtes mit Unterhaltendem.

Lewitscharoffs Roman hat mehrere Erzählebenen: Da ist zum einen die Göttliche Komödie, das philosophisch-theologisch-poetische Wunderwerk von Dante Alighieri, das Anfang des 14. Jahrhunderts entstand. Mit Vergil als Reiseführer begibt sich der Autor darin auf den Weg vom Inferno über das Purgatorio (Läuterungsberg) bis hin zum Paradies. Die Reise dauert von Karfreitag bis Ostern des Jahres 1300. Die Commedia ist in altitalienischer Sprache gedichtet und unterteilt in 34+33+33, also 100 Gesänge, in jeweils dreizeiligen Versen mit dreifachen überkreuzenden Reimen. Ein Kunstwerk der Weltliteratur ohnegleichen.

Der zweite Erzählstrang handelt schliesslich vom globalen Kongress der Danteforscherinnen in Rom. Elsheimer notiert – noch verwirrt vom wundersamen Ende – seine Vorbereitung und Verlauf. Er stellt einzelne Wissenschaftler vor, aus Italien und der Schweiz, aus dem angelsächsischen und dem asiatischen Raum. Der Professor fasst ihre Vorträge, ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse und Leidenschaften zusammen. Zugleich nimmt er die Leserinnen mit auf einen Gang durch einzelne Gesänge der Danteschen Hölle und des Läuterungsberges, mit entsprechenden Bemerkungen zu Forschungen und Übersetzungen. «Die Durchdringung dieses alten Textes wurde zu einer höchstpersönlichen Angelegenheit», berichtet Elsheimer vom ersten Kongresstag, «als würde das Denken nicht allein dem Hirn überlassen, sondern vom Herzen aus befeuert. Bei allem, was in der Poesie anklang, vibrierten wir mit. Dantes Dichtung durchflutete unsere Körper, wie es keiner der Anwesenden je zuvor erlebt hatte.» Diese Erfahrung steigerte sich Tag um Tag, bis eben die Teilnehmer am letzten Morgen des Kongresses, an Pfingsten, paradieswärts flogen.

Lewitscharoff lehnt sich beim Aufbau des Romans an die Commedia an. Der Text ist in 34 Kapitel unterteilt, alle zehn Seiten beginnt ein neues. Der Kongress behandelt die beiden ersten Teile von Dantes Werk. Warum nicht den dritten, das Paradies? Das ist nicht mehr nötig, denn die Gelehrten fliegen bereits hinauf in den Himmel, statt über ihn zu diskutieren.

Manches am Buch mag etwas konstruiert erscheinen. Man kann dies aber auch als Spiel um Dante, das Leben und das Lesen verstehen. Auf jeden Fall hat Lewitscharoff einen Roman der Begeisterung und des Heiligen Geistes geschrieben – geistreich, anspruchsvoll und höchst vergnüglich. Wer Dantes Vorbild kennt, ist leicht im Vorteil. Wer nicht, dem macht Das Pfingstwunder definitiv Lust, die Dantelektüre nachzuholen.

Sibylle Lewitscharoff: Das Pfingstwunder. Suhrkamp; Berlin 2016; 350 Seiten; 34.50 Franken.

Conradin Conzetti ist Theologe und freier Autor in Bern.