Der ehrliche Klappentext

«Das Buch vom Schleim» von Susanne Wedlich

Kaum eine Materie ist so tabuisiert und ekelbehaftet wie der Schleim. Die Wissenschaftsjournalistin Susanne Wedlich begibt sich in ihrem «Buch vom Schleim» auf die Spur des zähflüssigen Safts. Eine Lektüre, die versöhnt.
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Autorin: Gisela Feuz
Freitag, 14. Februar 2020

In der Gruselkomödie «Ghostbusters» wird der Parapsychologe Peter Venkman von einem Monster über den Haufen geworfen und mit einer grossen Menge grün triefendem Glibber übergossen. Glitschige Monster und Schleimorgien gibt es im Filmklassiker aus dem Jahr 1984 in rauhen Mengen zu sehen. Das Publikum ekelt sich lustvoll.

Denken wir an Schleim, dann meist mit Abscheu, wir bringen ihn mit Krankheit und Verwesung in Verbindung, allenfalls mit Sex; doch generell gilt er als der ultimative Ekelerreger. Dabei ist eine Welt ohne Schleim nicht vorstellbar und wäre wohl auch gar nie zu dem geworden, was sie ist. Diese These vertritt die deutsche Wissenschaftsautorin Susanne Wedlich. In ihrem Buch folgt sie den Spuren des Schleims in Kunst, Kultur und Wissenschaft und verhilft der tabuisierten Materie zu der ihr zustehenden Aufmerksamkeit.

Eigentlich ist Schleim ja nichts anderes als ein wasserhaltiges und zähfliessendes Hydrogel, das unter bestimmten Umständen solid werden kann. Die funktionale Vielfalt von Schleim ist allerdings phänomenal. In insgesamt 26 Kapiteln beschreibt Wedlich, wie raffiniert biologische Schleime aufgebaut sind und wie flexibel sie ihr Verhalten je nach Bedarf anpassen können. Schleim kann als Klebstoff, Gleitmittel oder selektive Barriere funktionieren und ist damit unverzichtbar für Mikroben, Tiere und Pflanzen. Er besetzt Zwischenräume, ist Lockstoff, Verteidigung oder Falle zugleich.

Die Organismen, die Wedlich zur Illustration heranzieht, sind mannigfaltig: Da wären etwa der Putzerlippfisch, dessen fleischiges Maul in feine Falten gelegt ist, aus dem Schleim strömt, dank welchem die Tiere Korallen absaugen können, ohne sich zu verletzen. Oder da wären Mikro­organismen im Meereseis, die ihren Schleim als Antigefriermittel gebrauchen. Der Asiatische Riesensalamander wiederum, auch Rotzotter genannt, gibt bei Irritation einen stinkenden Schleim ab. Dieser hat gar medizinisches Potenzial, weil er Wunden sehr schnell heilen lassen kann.

Mit anschaulichen Vergleichen zeigt Wedlich zudem auf, wie wichtig Schleim im menschlichen Körper ist. Letzteren vergleicht sie mit einer Burganlage, bei welcher Hydrogelsysteme mithelfen, Freunde passieren zu lassen oder Feinde abzuhalten. Die Biomedizin erwache erst langsam aus ihrer «Schleimblindheit», sagt die Wissenschaftsjournalistin, denn defekte Hydrogele spielten eine erhebliche Rolle bei Infektionen und anderen Krankheiten.

Wedlich verweilt im Buch vom Schleim aber nicht auf der physikalischen und organisch-körperlichen Ebene, sondern nähert sich dem Schleim auch kulturell. So etwa, wenn sie die antike Lehre der vier Körpersäfte zitiert. Sie fragt danach, warum weibliche Fortpflanzung und die blutige und schleimige Realität von Frauenkörpern lange Zeit als Tabu galten, während das Blutvergies­sen von Männern in Schlachten als etwas Heroisches angesehen wird. Sie beleuchtet, wie Frauen als das weiche, nachgiebige, «schleimige Geschlecht» stigmatisiert wurden, während Härte und Unnachgiebigkeit männlich konnotierte Eigenschaften waren.

Das «Buch vom Schleim» enthält eine überbordende und disziplinübergreifende Fülle von Informationen zu Hydrogelen im eigentlichen und übertragenen Sinn. Dabei schlägt Wedlich gerne Brücken zur Popkultur, zu der Geschichte oder der Märchenwelt. Einige der Exkurse sind etwas gar ausufernd, und das wiederholte Erklären von Begriffen und Funktionen macht die Lektüre etwas zäh. Dennoch schafft es Wedlich, dem Schleim, der vielleicht verkanntesten Materie überhaupt, den Tribut zu zollen, der ihm zusteht.

Susanne Wedlich, Judith Schalansky (Hg.): «Das Buch vom Schleim». Matthes und Seitz, Berlin 2019; 287 Seiten; 35 Franken.