Sibylle Lewitscharoff

Das Böse trägt das Gesicht Donald Trumps

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Freitag, 18. Dezember 2020

Die Tage des bösen Mannes im Weissen Haus sind gezählt. Zeit, sich grundlegende Gedanken zum Bösen zu machen, schreibt Sibylle Lewitscharoff.

Seufzer der Erleichterung waren in vielen europäischen Ländern zu vernehmen (vorausgesetzt, man hatte die Mausöhrchen auf Empfang gestellt), als definitiv klar wurde, dass Donald Trump die Wahl verloren hat. Ohne Frage war das eine Schicksalswahl. Ich habe die komplette Nacht der Entscheidung vor dem Fernseher verbracht, was ich noch nie zuvor getan habe. Mich hatte der Kerl mit der grässlichen Haartolle monatelang verfolgt.

Obwohl ich immer versucht habe, mir gut zuzureden, dass ich meine Fixierung schnell wieder los werden sollte, war kein Halten mehr, wenn der vermaledeite Name fiel. Der Mann ist böse. Und das Böse hat viel zu oft die Kraft, zu faszinieren, im Negativen, aber auch bei dessen Adepten im Positiven. Man schenkt ihm allgemein zu viel Beachtung. Die Faszination des Guten ist dagegen viel geringer, leider.

Terry Eagleton, ein Katholik aus Manchester, hat ein erstklassiges Buch dazu geschrieben. In « Das Böse » kommt er dabei auch unter anderem auf die Erbsünde zu sprechen. Eine Idee, die davon ausgeht, dass das Böse Teil jedes Menschen ist und ohne sein persönliches Zutun schon immer existiert. Das Werk ist bewundernswert vielseitig in der Erkundung des Bösen. Eagleton findet auch bedeutende Sätze zu Thomas Manns Roman « Doktor Faustus », insbesondere bezüglich des Klanges der Kompositionen des dem Teufel verfallenen Adrian Leverkühn: «Die Orgie ist die Kehrseite des Oratoriums.

Tatsächlich verbindet Adrians grosses Oratorium die beiden Seiten des Bösen, indem es offenbart, was der Erzähler bezeichnet als die Identität des Seligsten mit dem Grässlichsten, die innere Einerleiheit des Engelskinder-Chors mit dem Höllengelächter.» Ein kühner Vergleich, über den man nachdenken sollte, wiewohl ich ihm nicht so einfach zustimmen kann, denn er verwischt zu sehr die Grenze, die das Gute vom Bösen trennt.

So oder so – da ist viel Prozesshaftes im Spiel. Das Böse schleicht sich an und bläht sich alsbald zu phan­-tas­tischer Grösse auf. Dem allmählich in einem verrückten Abgrund versinkenden Leverkühn erscheint die Wirklichkeit zunehmend als unecht, als eine obszöne Parodie, die vom Bösen bereits durch und durch angefressen ist. Rasendes Gelächter ertönt, da steigern sich Jubeltöne in schmerzende Höhe empor, wo das Gekreisch beginnt.

Eagleton hat auch sehr Präzises zu der ungeheu­erlichen Todeslust der Nationalsozialisten gesagt: «Nazismus ist eine Art von bizarrem Idealismus, der eine Todesangst vor menschlicher Fleischlichkeit hat. Doch er ist auch ein höhnisches Gejohle an die Adresse all dieser Ideale. Zu hochtrabend und zu hämisch in einem, ist er voller pompöser Gesten über Führer und Vaterland und dabei zynisch bis in den Kern.»

Eagleton hat eine Fülle kluger Sätze parat. Ihn interessiert, wann und wie die Vernunft versagt und die Hemmungen beiseitefliegen, die den Todes­trieb einhegen – und dadurch das Böse freilegen. Sobald Vernunft zu reinem Rationalismus erstarre, gehe jedes Mass für den Sinn des Lebens verloren: «Vernunft wird zur Sinngebung ohne Leben, während körperliche Existenz zu Leben ohne Sinn wird.»

Ohne Sinngebung wird das Leben schal und fad, und das kann auch die Künstler und Schriftsteller inspirieren, die glauben, auf gereizte, satanische Weise könne man verbrauchten Konventionen einen erfrischenden Kampf ansagen und dadurch eine Art verkehrten Sinn gewinnen. Das führt nur allzu leicht in die Irre und befördert einen geistigen Nihilismus, der geneigt ist, das Verbot zu töten nicht mehr ernst zu nehmen.

Nicht nur die Philosophen und Theologen haben sich ausgiebig mit der Natur des Bösen beschäftigt. Die Dichter und Romanciers haben ebenfalls gewaltiges Schriftkapital aus ihr gezogen. Gedichte können bisweilen ohne das Böse auskommen, Romane eher nicht. Ein weltberühmtes Grossgedicht hat es allerdings geschafft, sich en détail dem Bösen zu widmen. Die Verderbtheit und Grausamkeit des Menschen einer Deutung zu unterziehen und diese in eine machtvolle und rasante Dichtung zu packen, ist nach wie vor das Privileg von Dantes «Divina Commedia». Gäbe es ein modernes Werk von vergleichbarer Schlagkraft, würde Donald Trump wohl als eine der Hauptfiguren darin herumgeistern.