Der ehrliche Klappentext

«Das antikapitalistische Buch der Mode» von Tansy E. Hoskins

Die britische Journalistin Tansy E. Hoskins, Modeliebhaberin und Marxistin, blickt in ihrem «Antikapitalistischen Buch der Mode» hinter die schöne Welt des Scheins. Sie tut dies faktenreich und unerbittlich, aber auch unterhaltsam. Und sie hat eine Idee, wie die Welt noch schöner werden könnte – mit gerechter Mode.
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Freitag, 03. März 2017

Mode macht Spass, Mode ist individuell, Mode ist kreativ: Das Versprechen von Werbung und Marketing bringt uns dazu, immer mehr Mode zu wollen – und sie zu kaufen. Tansy E. Hoskins blickt in ihrem neuen Buch hinter die Kulissen der Modewelt. Sie zeichnet ein ernüchterndes Bild einer billiardenschweren Industrie, die Menschen, Tiere und Umwelt ausbeutet und die aus Modeliebhabern passive, konformistische Konsumenten macht. Hoskins ist selber Modefan. Die Stärke ihres Buches ist, dass es nicht bei der Kritik stehenbleibt, sondern eine Mode fordert, die alle emanzipiert – jene, die sie tragen, wie jene, die sie machen.

Hoskins nennt die Mode das «Lieblingskind des Kapitalismus». Wie kein zweites Industrieprodukt gelinge es ihr, die problematischen Bedingungen ihrer Herstellung vergessen zu machen. Die Aktivistin zeigt auf, dass Mode vor allem jene glücklich macht, die sie besitzen, vermarkten und reich damit werden: Stefan Persson etwa, der Besitzer von H&M, ist der achtreichste Mann der Welt. Sein Vermögen beläuft sich auf 23 Milliarden Dollar.

Die Journalistin beschreibt die Entstehung der Textilindustrie in den Sweatshops Grossbritanniens im 19. Jahrhundert und verfolgt ihre Geschichte bis in die Gegenwart. Heute wird sogenannte Fast-Fashion, also Wegwerfmode, in Pakistan, Rumänien oder China hergestellt. Die Bekleidungsindustrie ist heute der wichtigste Arbeitgeber in vielen Ländern des Südens und des Ostens. Doch während Persson und Co. sich an der Spitze der Unternehmen eine goldene Nase verdienen, gehen die Menschen, welche die Mode in den Sweatshops herstellen, fast leer aus. Der Lohn einer Näherin in Pakistan beträgt weniger als 80 Dollar im Monat. Neben dem kümmerlichen Gehalt sind die Arbeiterinnen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt: Atemwegserkrankungen, Krebs oder der Verlust eines Fingers sind an der Tagesordnung. In der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesh starben 2013 mehr als 1100 Menschen, als das Gebäude wegen gravierender Baumängel einstürzte. Zu den Kunden der Fabrik zählte auch Benetton.

Hoskins beschreibt im Antikapitalistischen Buch der Mode nicht nur die Ausbeutung von Arbeiterinnen und Umwelt. Sie hinterfragt auch die Freiheit, welche die Mode ihren Konsumenten verspricht. Anstelle von Individualität produziere sie Körpernormen: «Size zero», weiss und grossgewachsen sei das Ideal der Modeindustrie. Viele Menschen, vor allem Frauen, litten in der Folge an Essstörungen und einer verzerrten Körperwahrnehmung. Der Zwang, Mode zu kaufen, um dazuzugehören, führe viele in die Verschuldung. Hoskins Fazit ist klar: «Wirkliche Freiheit wurde erodiert und durch die Freiheit des Konsumenten ersetzt.»

Wer nun aber glaubt, Hoskins sei eine verbissene Ideologin im Schmuddelpulli, der täuscht sich: Gerade weil sie selber Mode liebt, ist ihre Perspektive glaubwürdig. Im letzten Teil des Buches geht es um den Kampf für eine gerechtere Mode: Sollen wir uns à la Punk der Mode verweigern? Gut, aber zu individuell, so Hoskins. Wie steht es um Arbeitsrechtreformen? Und sind nicht die Selbstverantwortung der Konzerne und sogenannte «fair labels» ein erster Schritt? Ein erster Schritt gewiss, doch nicht genug für Hoskins: «Shopping kann keine chinesischen Arbeiter freikaufen und den Aralsee nicht wieder mit Wasser füllen.» Mode, fordert Hoskins, müsse sich radikal von Ausbeutung und Konsum emanzipieren. Sie will Mode nicht nur reformieren, sondern revolutionieren. Dazu brauche es kollektiven Widerstand – vor allem jenen der Arbeitenden – und das Umdenken der Konsumenten. Erst dann, so Hoskins, werde Mode wirklich frei und vielfältig.

Hoskins Antikapitalistisches Buch der Mode, das 2015 vom Londoner Institute of Contemporary Arts zum Buch des Jahres gewählt wurde, sollte man lesen. Zwar untermauert die Journalistin ihre Argumente mit zahlreichen Beispielen, was auf Dauer etwas repetitiv wirkt. Doch gleichzeitig schreibt sie leidenschaftlich und in einer anschaulichen Sprache. Und sie hat etwas zu sagen: Was Hoskins an faktenreicher Recherche und Kapitalismuskritik vorlegt, ist keine Zeile lang verkopft.

Tansy E. Hoskins: Das antikapitalistische Buch der Mode. Rotpunktverlag; Zürich 2016; 319 Seiten; 27.90 Franken.

Susanne Leuenberger ist Redaktorin bei bref.