Der ehrliche Klappentext

«Das andere Ende der Geschichte» von Philipp Ther

Die liberale Demokratie ist in der Krise, weltweit sind demokratiefeindliche Kräfte auf dem Vormarsch. Der Historiker Philipp Ther fragt sich, wie es so weit kommen konnte. «Das andere Ende der Geschichte» ist eine kluge und beunruhigende Gegenwartsanalyse.
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Freitag, 20. März 2020

Zu Beginn der 1990er Jahre sah der einflussreiche Politikwissenschaftler Francis Fukuyama «Das Ende der Geschichte» gekommen. So konstatierte er, dass der Kommunismus nach der Wende als Konkurrenzmodell zum Kapitalismus ausgedient hatte. Die liberale Demokratie hätte sich alternativlos global durchgesetzt, auch militärische Konfrontationen würden damit der Vergangenheit angehören. 30 Jahre später ist klar, dass Fukuyama sich getäuscht hat: Die Welt wird keineswegs liberal und demokratisch regiert. Aus dem Kapitalismus ohne Gegenmodell wurde ein entfesselter Neokapitalismus, aus den Machtblöcken wurden rivalisierende Nationalstaaten, vielerorts schwelen militärische Konflikte, und der Sozialstaat und die Demokratie erleben eine Krise. Kurz: Der Liberalismus wird von einem neuen Illiberalismus bedroht.

Wie konnte es nur so weit kommen? Und wohin führen diese Entwicklungen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Historiker Philipp Ther in seiner Essaysammlung «Das andere Ende der Geschichte». Um Antworten darauf zu finden, begibt er sich in die späten 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts. In dieser Epoche erkennt der Autor den Anfangspunkt einer Entwicklung, in der sich der Staat zunehmend aus der öffentlichen Verantwortung zurückzog und der Wirtschaft Freiräume überliess. Ther nimmt in einzelnen Essays Amerika, Deutschland, aber auch Italien in den Blick und legt ähnliche Politikmuster frei. Unabhängig von der parteilichen Ausrichtung ging die Tendenz überall in Richtung Entdemokratisierung. Der Autor folgt diesem Trend bis in die jüngere Gegenwart: Hart ins Gericht geht er besonders mit den Demokraten in den USA – sie hätten sich unter Clinton und Obama von der Idee einer demokratischen Gerechtigkeit verabschiedet und der Wirtschaft freien Lauf gelassen.

Dabei verloren ging auch der Kontakt zu Wählerschichten, die unter den Folgen neoliberaler Entwicklung zu leiden begannen. Diese Entfremdung von der Basis, schreibt Ther, habe die Wahl von Donald Trump überhaupt erst ermöglicht. Trump stellte sich vorgeblich auf die Seite der «Abgehängten» – und gegen ein Politmanagement, das sich selber entpolitisiert hatte. Eine ähnliche Entwicklung beobachtet der Historiker auch in Europa, etwa in Deutschland. Die wirtschaftsoffene Politik mit Sozialreformen wie Hartz IV unter den Kanzlern Kohl oder Schröder bestimmte die Wende sowie die deutsch-deutsche Integration. Sie wurde zum gigantischen Wirtschaftsprojekt – auf Kosten von Ostdeutschland. Das Versagen des Sozialstaats und demokratischer Prozesse verhalf rechten Bewegungen und national ausgerichteten staatlichen Agenden zum Erfolg – nicht nur in Deutschland. Benachteiligte und jene, die den sozialen Abstieg fürchten, versprächen sich von einer illiberalen Politik Schutzräume – auch wenn die deregulierte Wirtschaftspolitik, die die sozialen Unterschiede verschärfe, weiterhin in Kraft bleibe.

Aus der Fülle von Beobachtungen kommt Ther zum Schluss, dass global eine «Grosse Transformation» stattfindet – doch mit welchem Ausgang? Um zu einer Prognose zu gelangen, greift der Autor auf das Denken des Wirtschaftswissenschaftlers und Kulturanthropologen Karl Paul Polanyi zurück. Polanyis Arbeiten zur «Grossen Transformation» entstanden in den 1940er Jahren. Darin stellte dieser die These auf, dass moderne Staaten zwei Möglichkeiten hätten: sich fürsorglichsozial auszubauen – oder faschistisch und antidemokratisch zu werden. Mit Blick auf die Gegenwart stellt Ther besorgt fest, dass das Pendel nach rechts ausschlägt. Aber er geht mit Polanyi einig, dass diese Entwicklung nicht zwangsläufig so sein müsse. Das Pendel könne sich auch wieder in eine andere Richtung bewegen. So blitzt am Ende des Buches kurz Hoffnung auf – doch nur kurz. Denn Ther verweist auf eine weitaus bedeutendere Transformation, nämlich die klimatische. Und diese verlange nach politischer Entschlossenheit. Hier bedeute der Aufstieg des Rechtspopulismus schlicht «verlorene Zeit» – denn die «ökologische Transformation» sei irreversibel. Ein beunruhigender Gedanke, mit dem das anregende und kluge Buch schliesst.

Hans Jürgen Luibl ist Theologe und Medienwissenschaftler.

Philipp Ther: «Das andere Ende der Geschichte. Über die Grosse Transformation». Suhrkamp, Frankfurt 2019; 200 Seiten; 20 Franken.