Leichte Sprache*

«Dann sollen die Kinder lieber Sport treiben. Das ist nützlicher als Religion»

Übersetzung von Auszügen aus Friedrich Schleiermachers Schrift «Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern» von 1799, dritte Rede: Über die Bildung zur Religion.
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Mittwoch, 13. Oktober 2021

Der Mensch wird mit der religiösen Anlage geboren wie mit jeder andern, und wenn nur sein Sinn nicht gewaltsam unterdrückt, wenn nur nicht jede Gemeinschaft zwischen ihm und dem Universum gesperret und verrammelt wird (…), so müsste sie sich auch in Jedem unfehlbar auf seine eigne Art entwickeln; aber das ist es eben was leider von der ersten Kindheit an in so reichem Masse geschieht zu unserer Zeit.

Kinder haben viele verschiedene Begabungen.
Manche sind zum Beispiel geschickt mit ihren Händen.
Dann werden sie später vielleicht Hand-Werker.
Andere können schon früh gut reden.
Dann werden sie einmal Politiker.
Diese Begabungen haben die Kinder seit der Geburt.
Die Eltern müssen die Kinder aber dabei unterstützen.
Nur so können sie ihre Begabungen entwickeln.
Kinder haben aber auch eine Begabung für Religion.
Zum Beispiel schauen sie gern in den Sternen-Himmel.
Oder sie stellen sich das Unendliche vor.
Unendlich heisst: Wenn etwas keine Grenzen hat.
Die Eltern von heute wollen das aber verhindern.
Religion ist nämlich nicht wichtig für sie.
Darum sollen auch die Kinder nichts darüber lernen.

Mit Schmerzen sehe ich es täglich wie die Wut des Verstehens den Sinn gar nicht aufkommen lässt, und wie Alles sich vereinigt den Menschen an das Endliche und an einen sehr kleinen
Punkt desselben zu befestigen damit das Unendliche ihm so weit als möglich aus den Augen gerückt werde.

Die Eltern von heute sagen:

Die Kinder sollen sich lieber mit dem alltäglichen Leben befassen.
Denn sie müssen sich in dieser Welt zurechtfinden.
Deshalb sollen sie nur praktische Dinge lernen.
Zum Beispiel Rechnen, Schreiben und Lesen.
Das ist viel nützlicher als in den Sternen-Himmel schauen.
Darum verlieren die Kinder allmählich die Freude an der Religion.
Das ist sehr traurig.

Wer hindert das Gedeihen der Religion? (…) die Verständigen und praktischen Menschen, diese sind in dem jetzigen Zustande der Welt das Gegengewicht gegen die Religion, und ihr grosses Übergewicht ist die Ursache, warum sie eine so dürftige und unbedeutende Rolle spielt. Von der zarten Kindheit an misshandeln sie den Menschen und unterdrücken sein Streben nach Höherem.

Heute ist die Religion nicht mehr so wichtig.
Und wer ist schuld daran?
Die praktischen Menschen.
Von ihnen gibt es heute ganz viele.
Viel mehr als religiöse Menschen.
Für die praktischen Menschen sind nur die nützlichen Dinge wichtig.
Zum Beispiel wie man viel Geld verdient.
Oder wie man Erfolg im Beruf hat.
Mit Religion verdient man meistens nicht so viel Geld.
Und man hat damit auch keinen Erfolg.

Das wollen die Eltern auch ihren Kindern beibringen.
Und wenn die Kinder trotzdem Fragen zur Religion stellen?
Dann werden sie von den Eltern bestraft.

Mit grosser Andacht kann ich der Sehnsucht junger Gemüter nach dem Wunderbaren und Übernatürlichen zusehen. Schon mit dem Endlichen und Bestimmten zugleich suchen sie etwas Anders was sie ihm entgegensetzen können; (…) Jetzt hingegen wird dieser Hang von Anfang an gewaltsam unterdrückt; alles übernatürliche und wunderbare ist proskribiert, die
Phantasie soll nicht mit leeren Bildern angefüllt werden, man kann ja unterdes eben so leicht Sachen hineinbringen und Vorbereitungen aufs Leben treffen. So werden die armen Seelen, die nach ganz etwas anderem dürsten, mit moralischen Geschichten gelangweilt und lernen, wie schön und nützlich es ist, fein artig und verständig zu sein.

Kinder wollen aber nicht nur nützliche Dinge lernen.
Sie merken früh : Der Alltag ist nicht immer so lustig.
Darum sehnen sie sich nach etwas anderem.
Zum Beispiel träumen sie gern.
Oder sie erfinden eigene Geschichten.
In den Geschichten kommen phantastische Wesen vor.
Phantastisch heisst : Das gibt es im richtigen Leben nicht.
Die Kinder dürfen sich aber nicht von den Eltern erwischen lassen.
Denn die Eltern finden solche Geschichten nicht gut.
Die Kinder sollen lieber etwas fürs Leben lernen.
Darum erzählen sie ihnen andere Geschichten.
Aus diesen Geschichten lernen die Kinder :

– Wie man sich richtig benimmt.
– Wie man vernünftig ist.

Für die Kinder ist das aber langweilig.

(…) dass es ihnen nur nicht vergönnt wäre, diesem Triebe in behaglicher untätiger Ruhe nachzuhängen; denn aus dem Standpunkt des bürgerlichen Lebens ist dies Trägheit und Müssiggang. Absicht und Zweck muss in Allem sein, sie müssen immer etwas verrichten, und wenn der Geist nicht mehr dienen kann, mögen sie den Leib üben.

Darum schauen die Eltern immer gut nach den Kindern.
Damit sie nicht heimlich phantastische Geschichten erfinden.
Oder in den Sternen-Himmel schauen.
Die Eltern sind nämlich überzeugt:
Die Kinder sollen immer fleissig sein.
Und sie sollen viele nützliche Dinge lernen.
Dann finden sie später im Leben eine gute Arbeit.
Und sie können eine Familie gründen.
Und wenn die Kinder müde sind vom vielen Lernen ?
Dann sollen sie lieber Sport treiben.
Das ist nützlicher als Religion.

* Religionen und Theologie tun sich oft schwer, ihre Botschaft in einfache Worte zu fassen. Die leichte Sprache leistet Übersetzungshilfe: Sie macht Schwieriges verständlich. Das ist manchmal auch entlarvend.