Der ehrliche Klappentext

«Bullshit Jobs» von David Graeber

Der Ethnologe und Anarchist David Graeber hat ein Buch über sinnlose Arbeit geschrieben, das gleichzeitig unterhält und irritiert. Bullshit Jobs liefert eine dichte Beschreibung der gegenwärtigen Arbeitswelt und ihrer Leerläufe. Das Buch wurde ein Bestseller, denn es trifft den Nerv der Zeit.
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Freitag, 25. Januar 2019

Eigentlich denkt man bei unsinnigen Arbeiten eher an den Realsozialismus und seinen aufgeblasenen Staatsapparat. Doch der amerikanische Ethnologe und anarchistische Publizist David Graeber, der an der London School of Economics lehrt, entdeckt sinnlose Arbeit gerade im Kapitalismus. Obwohl dieser auf Effizienz und Kosteneinsparung getrimmt sei, generiere er eine Unmenge von «Bullshit Jobs», wie es Graeber im gleichnamigen Bestseller nennt. Darunter versteht er eine bezahlte Arbeit, die so sinnlos, unnötig oder gar schädlich für die Gesellschaft ist, dass selbst die oder der Angestellte die Existenz des Jobs nicht mehr rechtfertigen kann. 2013 schrieb Graeber einen ersten Essay über «Bullshit Jobs».

Als Reaktion auf den Text erhielt er unzählige Zuschriften von Leuten, die bestätigten: «Ja, genau so einen Job habe ich.» Graebers Artikel motivierte ein britisches Meinungsforschungsinstitut zu einer repräsentativen Umfrage in Grossbritannien, in der ganze 37 Prozent der Befragten angaben, ihre Arbeit sinnlos zu finden. Das erstaunte selbst Graeber, der «Bullshit Jobs» bisher eher als gesellschaftliches Randphänomen betrachtet hatte. Und so verarbeitete er die Ergebnisse der Studie sowie die unzähligen Zuschriften zu einem ganzen Buch. Darin entwickelt er verschiedene Kategorien von «Bullshit Jobs». Die «Lakaien» sind zum Beispiel eine solche. So hiessen einst die Diener in herrschaftlichen Häusern im Feudalismus. Heute sind es gemäss Graeber die unsinnig vielen persönlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Managerinnen und Managern. Letztere seien zwar gut darin, bei jeder Gelegenheit so viele Stellen wie möglich im unteren Lohnsegment zu kürzen. Gleichzeitig umgäben sie sich gerne mit persönlichen Assistenten oder Assistentinnen, um die Wichtigkeit ihrer eigenen Position zu unterstreichen.

Graeber schreibt erfrischend wenig akademisch. Auch gelingt es ihm, seine Theorie mit wissenschaftlichen Arbeiten zu unterlegen und den geschichtlichen Hintergrund einzubeziehen. Er bleibt nah bei den Erfahrungen der Befragten. Diese kommen auch bei theoretischen Überlegungen zu Wort. Manchmal ist er allerdings etwas gar verliebt in sein Material. Dann etwa, wenn er über Seiten hinweg die Arbeitssituation einzelner Leute beschreibt, bis man beim Lesen den Überblick verliert.

Das mediale Echo auf Bullshit Jobs war gigantisch, das Buch wurde von der Neuen Zürcher Zeitung und sogar von 20 Minuten besprochen. Der Erfolg ist wohl auch darauf zurückführen, dass Graeber der Sinnlosigkeit gewisser Jobs nachgeht, ohne den Sinn und die Nützlichkeit von Arbeit an sich zu hinterfragen. Zwar kommt er auf die Analyse des Kapitalismus von Marx zu sprechen und kritisiert dabei zu Recht, dass dieser das Phänomen von Arbeit, die selbst für ein Unternehmen keinen Nutzen bringt, nicht erklären kann. Ein Unternehmen, das nutzlose Arbeiten verrichten lässt, müsste gemäss Marx in der Konkurrenz untergehen.

Doch eine viel wichtigere Behauptung diskutiert Graeber nicht: Marx ist der Ansicht, dass der Zweck von Arbeit im Kapitalismus nicht die Produktion von nützlichen Dingen oder Essen ist. Wenn ein Unternehmen Menschen anstellt, dann ist das oberste Ziel, Profit zu machen. Dass dabei Lebensmittel erzeugt werden, ist nur ein Nebeneffekt. Nach Marx sind also die meisten Menschen nur dafür angestellt, dass einige wenige reicher werden. Diese Überlegung stellt die Sinnhaftigkeit von Arbeit viel grundsätzlicher in Frage, als Graeber das tut. Wären demnach nicht viel mehr Jobs «bullshit» als in seiner Theorie? So weit geht Graeber nicht. Für ihn sind sie es erst dann, wenn Menschen ihre Arbeitsstelle selbst nicht mehr rechtfertigen können.

Trotz dieser Zaghaftigkeit, grundsätzlicher zu kritisieren, ist Graeber ein erstaunliches Werk gelungen. Nach dem Sinn von Arbeit zu fragen ist dringend notwendig, gerade weil die «Bullshit Jobs» seit mehreren Jahrzehnten stetig zunehmen. Gleichzeitig scheint der Hinweis auf sinnlose Arbeit fast ketzerisch zu sein, gilt doch heute das Schaffen neuer Arbeitsplätze als oberstes Ziel aller politischen Lager.

David Graeber: Bullshit Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit. Klett-Cotta, Stuttgart 2018; 464 Seiten; 30 Franken.

Thomas Brückmann ist freier Journalist in Bern.