Der ehrliche Klappentext

«Sprache ist mein Schutzraum». Hebräische Lyrik nach dem 7. Oktober 2023. Herausgegeben und übersetzt von Udi Levy

Worte für das Unfassbare finden, das versuchen Dichterinnen und Dichter nach dem Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023. Udi Levy hat die hebräischen Gedichte übersetzt. Es ist keine leichte Lektüre.
Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Donnerstag, 08. Oktober 2026

Hamas-Terroristen überfielen am 7. Oktober 2023 Gebiete im Süden Israels, töteten 1139 Zivilisten und entführten 250 Israeli – Kinder, Senioren, Gesunde und Gebrechliche – in den Gazastreifen. Ihre Taten dokumentierten sie in den sozialen Netzwerken. Kurze Zeit später befahl die israelische Regierung den Angriff auf den Gazastreifen, der – nach zurückhaltenden Schätzungen – 71 000 Palästinenserinnen und Palästinenser das Leben kostete, Zehntausende Schwerverletzte hinterliess und 1,9 der 2,2 Millionen Bewohnerinnen und Bewohner aus ihren Häusern vertrieb. Der aktuelle Gazakrieg hat zu einer Welle des Antisemitismus auf der ganzen Welt geführt.

Ob des grossen Leids der Menschen im Gazastreifen ist das Trauma des Anschlags in den Hintergrund gerückt. Eine Sammlung zeitgenössischer Gedichte aus Israel gibt Einblick in die innere Verfassung von Dichterinnen und Dichtern. Übersetzt hat die hebräischen Gedichte der in Zürich wohnhafte Udi Levy. Er schreibt im Vorwort, die Gedichte seien ein Ausschnitt aus der Seelenlage derer, «die im Wort ein Mittel zur Bewältigung einer unerträglichen Gegenwart finden».

Die meisten Texte sind nach dem Anschlag der Hamas entstanden. Manche bilden derart persönliche Regungen ab, dass sie beinah unzugänglich sind. Andere ähneln Klageliedern oder sind auf schmerzhafte Weise dokumentarisch. Es ist keine leichte Lektüre. Doch die Form des Gedichts, als in Worte gefasstes, verdichtetes Gefühl, stellt mehr Nähe her, als hundert Artikel über den Konflikt es könnten.

Die Dichterin Roni Eldad, die mit ihren vier Kindern in Jerusalem lebt, schreibt in «Dezember»: «Wir waren leidumgeben, und all unsere Schritte takteten Leid, wir schliefen, wir wachten vom Leid in das Leid auf.» In einem weiteren Gedicht schreibt sie: «Was siehst du: ein brennendes Feuer in einem Blumenladen, ich sehe, im Hause, brave Kinder, glänzende Pupillen, Fahrradhelme auf ihren Köpfen aus Furcht vor Kanonen, eine Frau schreit ins Telefon einen Gerüchtsalbtraum.»

Neben den Ängsten einer Mutter gibt es auch pazifistische Stimmen wie jene von Aharon Shabtai, der schreibt: «Die Schande, den Irrsinn der Religion, die Finsternis der Augen, die Brutalität der Verzweiflung wird kein Offizier gutmachen, keine Bombe, kein Kampfjet, nicht noch mehr Blut. Nur die Weisheit des Herzens wird gutmachen. (…) Gutmachen werden die Schüler des Friedens, die Gärtner des Friedens.»

Herzstück des Bandes ist das in Versmass geschriebene Tagebuch Shlomo Efratis. Er wurde als Reservist eingezogen, um die Toten des 7. Oktobers zu identifizieren und für die Bestattung vorzubereiten.

Am zweiten Tag seines Einsatzes beschreibt er, wie die Toten des Techno-Festivals zu ihm gebracht werden: «Piercing im Nabel, das Tattoo einer Chrysantheme, ein Band mit einem Seepferdchen am Fuss, sie wollte die Welt feiern und verendete mir gegenüber, mit dem Einschuss zweier Kugeln.»

Es tut beim Lesen weh und ist manchmal kaum zu ertragen. Aus Efratis Bericht stammt auch der Satz, den der Übersetzer Levy als den erschütterndsten der ganzen Sammlung bezeichnet. Am 28. Oktober 2023 wird «irrtümlicherweise die Leiche eines Terroristen» angeliefert, wie Efrati schreibt. Er betrachtet ihn: «Wie verletzlich er jetzt ist, dachte ich, und in seiner Tasche die Essenz des Bösen: drei Handgranaten und eine Packung Kondome.»

Dann merkt Efrati, wie er den Toten bemitleidet «wegen seiner Befähigung, das Gute zu wählen, wegen seiner Wahl des Bösen». Er hält die Hand des Terroristen, sieht Gottes Abbild in ihm, beginnt für den Mann zu beten.

Diese Schilderung erschütterte Udi Levy, und die unerwartete Menschlichkeit und Versöhnlichkeit lassen auch den Leser nicht kalt. Es ist die Stärke dieser Gedichtsammlung, dass sie Opfer, Täter, Rächende und Verfolgte als Menschen spürbar macht. Das lohnt die Lektüre allemal.

Udi Levy (Hg).: «Sprache ist mein Schutzraum — Hebräische Lyrik nach dem 7. Oktober 2023». Deutsch / Hebräisch, übersetzt von Udi Levy. Athena-Verlag; Oberhausen 2025; 16 Seiten; 29.90 Franken.

Udi Levy liest aus seinem Buch am 20. Oktober, 18.30 Uhr, in der Fachstelle für Religionspädagogik, Hirschengraben 70, in Zürich.

  • bref Magazin - Bei den Kayapó

    N° 9/2026

    CHF14.00 inkl. 2.6% MwSt.
    In den Warenkorb