Aus der Herzkammer

Belgrad

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Autor: Ramin Nikzad
Freitag, 16. August 2019

Gesundheitscheck bei einer 28jährigen Freelance-Filmemacherin:

«Alle Ihre Werte sind wunderschön. Sie haben nach wie vor eine latente Schilddrüsenunterfunktion, die ich aber nach wie vor nicht behandeln würde, wenn Sie keine typischen Beschwerden wie Müdigkeit oder Gewichtszunahme haben.»

«Ja, okay. Nein, ich hab’ keine Beschwerden, aber ich bin doch etwas enttäuscht, dass ich diese latente Schilddrüsenunterfunktion immer noch habe. Wo ich doch seit einem Jahr diese Schilddrüsendiät halte.»

«Schilddrüsendiät?»

«Ja, ich hab’ da ein Buch gefunden von einem Alternativ­­­mediziner, der sagt, dass die Schilddrüsen­unterfunktion von dem Ebbstein-Barr-Virus herrührt, dem Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers. Er sagt, dass sich nach ausgestandener Infektion das Virus in die Schilddrüse zurückzieht und dort so lange sein Unwesen treibt, wie man es mit Gluten und Laktose füttert. Daher verzichte ich seit einem Jahr auf Gluten und Laktose, aber ich habe immer noch diese latente Unterfunktion. Und ich frag’ mich, warum!»

In diesem Moment springt die Tür zu meinem Untersuchungs­zimmer auf und Frau H. platzt herein. Frau H. ist eine 63jährige serbische Roma, pensionierte Putzfrau, mit der ich jahrelang gekämpft und gestritten und herumgeschrien habe, weil sie sich partout nicht an die Regeln unserer Praxis halten wollte. Sie hielt keine Termine ein, erschien irgendwann und forderte lautstark und wütend ein, alles, was sie wollte, jetzt gleich und sofort und stante pede zu bekommen. Sie trieb mich zur Weissglut. Doch nach Jahren der Schreiduelle und Gespräche lernten wir uns gegenseitig kennen und verstehen und letztlich sogar schätzen.

Und so weiss ich, dass Frau H. mittlerweile nur noch hereinplatzt, wenn es unbedingt sein muss.

Ausserdem war ich in diesem Moment, um ehrlich zu sein, sehr dankbar, dass sie diesen ungeheuerlichen Schwachsinn von Viren und Gluten und Schilddrüsen unterbrach, zu dem ich gerade unter allerhöchster Kraftanstrengung Interesse heucheln musste.

«Meine Liebe!!! Meine liebste Dokta! Fohr i heit mit meine Mann nachhause noch Belgrad fir drei Wochen und hob’ i meine Rezepten vagessn i Blede. I Teppate. Bitte meine liebe Dokta, schreibst du mir, bitte!»

«Na okay, Frau H., mach’ ich ausnahmsweise. Aber Sie wissen, das nächste Mal bitte voranmelden für Dauerrezepte!»

«Jo wass i, meine liebe Dokta!»

«Gut, bitte nehmen Sie draussen Platz und ich bring’ Ihnen das Rezept raus!»

Da kommt sie zu mir und nimmt meine Hände in ihre.

«Danke, meine liebe Dokta! San wir drei Wochen in unsere Haus in Serbien, meine Mann und i! Wann Sie wollen, kommen Sie, Dokta! Von die Hauptbahnhof issa mit die Bus finfundzwanzig Eiro hin und finfundzwanzig Eiro zurick! Und in Belgrad brauchen Sie keine Geld! Nix! Goanix. Sind Sie meine Gast! I koche! Schlofn Sie bei uns, meine Liebe! Schlofn und essen Sie bei uns und tun Sie erholen! So viel arbeiten immer! Is net guat! Missen Sie sich erholen a, meine liebe Dokta …»

Frau H. verliert vermutlich noch dieses Jahr ihren Mann nach 45 Ehejahren an ein metastasiertes Bauchspeicheldrüsenkarzinom, und ich freu’ mich, dass die zwei noch ein letztes Mal gemeinsam nach Belgrad fahren.

Aber was ich jedenfalls sagen möchte: Situationen wie diese sind der wahnsinnige Alltag von uns praktischen Ärztinnen.

Und deshalb liebe ich diesen Beruf so sehr.