Der ehrliche Klappentext

«Bekenntnisse einer Maske» von Yukio Mishima

Der japanische Schriftsteller Yukio Mishima erzählt in Bekenntnisse einer Maske die Geschichte des jungen Kochan, der unter den strengen Blicken der japanischen Gesellschaft aufwächst. Kochan lernt früh, seine Faszination für Tod, Gewalt, Sex und junge Männer zu verbergen. Als der semiautobiografische Roman 1949 erschien, sorgte er international für Aufsehen. In einer Neuübersetzung kann die verstörende Sinnlichkeit von Mishimas Sprache wiederentdeckt werden.
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Freitag, 12. April 2019

Kochan wächst bei seiner Grossmutter im imperialistischen Japan auf und erfährt früh, dass er anders als die anderen ist. Von schwacher Gesundheit und ohne Kontakt zu Altersgenossen verbringt er seine Zeit mit Büchern. Dabei entwickelt er eine Leidenschaft für junge Romanfiguren, die einen heldenhaften Tod sterben – und für die Maskerade des japanischen Kabuki-Theaters. Eines Tages stiehlt er sich heimlich in das Schlafzimmer seiner Mutter, um sich ihren schönsten Kimono anzuziehen und das Gesicht weiss zu pudern. Die Erwachsenen bestrafen den kleinen Kochan für seine Lust an der Verkleidung.

Diese Erinnerung ist so etwas wie die Urszene seines wachsenden Bewusstseins für seine Andersheit, die der Heranwachsende fortan hinter einer Maske der Normalität verbirgt. Kochan ahnt, dass seine Vorliebe für verwundete Jünglinge und seine Phantasien von sterbenden Samurai einem Verbot unterliegen, und führt fortan ein Doppelleben: «In jener Zeit begann ich zu begreifen, dass das, was ich in den Augen meiner Mitmenschen als Schauspiel reflektierte, für mich von dem Verlangen zeugte, zu meinem wahren Selbst zurückzukehren. Während das, was sich in ihren Augen als mein natürliches Ich darstellte, für mich gespielt war.» Während die Körper junger Männer und immer gewaltsamere Todesphantasien sein sexuelles Begehren bestimmen, versucht Kochan gegen aussen den Erwartungen der strengen japanischen Gesellschaft zu genügen, indem er gar die Heirat mit der jungen Sonoko ins Auge fasst. Doch er erkennt seine Unfähigkeit, die junge Frau zu begehren und so auf die gesellschaftlich akzeptierte Weise zu lieben. Kochans Geschichte bricht im frühen Erwachsenenalter ab und ist so etwas wie eine Antierzählung: Der Held bleibt mit seiner tabuisierten Lust zurück.

Bekenntnisse einer Maske ist der halbautobiografische Roman des 1925 in Tokio geborenen Yukio Mishima. Der Held der Erzählung, ein Alter ego des Autors, ist ein Aussenseiter der Gefühle. Mit einer beispiellosen Akribie beschreibt der Autor die Scham, die Reue, den Schmerz und die Zweifel, die das Innenleben von Kochan bestimmen.

Seine Erzählung verdichtet die Beschreibung von Kindheitserinnerungen wie etwa den «Schweissgeruch der Soldaten, ein Geruch wie der salzige Meereswind oder wie die Luft der goldverbrannten Küste, ein Geruch, der in meine Nasenlöcher schlug und mich berauschte», zu Bildern eines verbotenen Begehrens, die von betörender Schönheit sind.

Wie sein Held Kochan wurde Yukio Mishima in eine aristokratische Familie geboren und verbrachte grosse Teile seiner Kindheit bei seiner strengen Grossmutter, die selber im Kaiserhaus gross geworden war. Mishima besuchte eine Eliteschule und kam schon früh mit europäischer Literatur in Berührung. Seine ersten Erzählungen schrieb er mit 12 Jahren, teils auch in französischer, deutscher und englischer Sprache. Im selben Jahr – er war noch immer Schüler – wurde er zum jüngsten Mitglied des japanischen Schriftstellerverbands aller Zeiten ernannt und avancierte bald zu einer festen Grösse in der japanischen Literatur. Neben Prosa verfasste er auch Lyrik und schrieb Drehbücher. Seine Texte handeln von Tod, Gewalt und der Erotisierung des Schmerzes. Er verbindet darin die sinnliche Tradition und die ästhetische Strenge des imperialistischen Japan mit Motiven und Erzählformen der europäischen Literatur.

Mishima war 24 Jahre alt, als er 1949 die Bekenntnisse einer Maske veröffentlichte. Der Roman sorgte mit seiner schmerzhaft sinnlichen und expliziten Sprache international für Furore. Mishima wurde für sein Werk drei Mal für den Literaturnobelpreis nominiert, gewann ihn jedoch nie. Sein wohl berühmtester Roman liegt nun in einer neuen Übersetzung vor. Eine Wiederentdeckung lohnt sich.

Yukio Mishima: Bekenntnisse einer Maske. Kein und Aber, Zürich und Berlin 2018; 224 Seiten; 21.60 Franken.

Susanne Leuenberger ist Redaktorin bei bref.