Der ehrliche Klappentext

«Alle Wege sind offen. Die Reise nach Afghanistan 1939/1940» von Annemarie Schwarzenbach

1939 macht sich die Autorin Annemarie Schwarzenbach mit ihrer Freundin von Genf aus auf den Weg. Ihr Ziel? Afghanistan, mit dem Auto. Nun wurden die Reisereportagen mit bis­her unveröffentlichtem Material ergänzt und neu aufgelegt. Das Konvolut gibt Einblick in ein schon damals tief zerrissenes Land.
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Autorin: Elke Schlinsog
Freitag, 17. September 2021

Mehr als einmal werden die beiden Schweizerinnen gewarnt: «Sie wollen, zwei Frauen allein und ohne Türkisch zu sprechen, von Trabzon quer durch das Hinterland Anatoliens nach Iran fahren?» – «Welche Schwierigkeiten?» kontern die Frauen. In einem eigens dafür ausgestatteten Ford Road­ster Deluxe starten Annemarie Schwarzenbach und ihre Lebensgefährtin, die Reiseschriftstellerin Ella Maillart, im Sommer 1939 in Genf. Unterwegs nach Afghanistan werden sie mehrere geplatzte Reifen überstehen und nicht nur einmal im Wüstensand stecken bleiben. Sie durchqueren den Balkan und die Weiten Anatoliens, das Pamirhochgebirge, und erreichen von Herat nach Kabul auf der Nordroute, vermutlich als erste Frauen mit dem Auto, schliesslich den «Rand der bewohnten Welt».

Im Spiegel der aktuellen Entwicklungen in Afghanistan geben Schwarzenbachs Stimmungsbilder einer fernen Welt einen sehr persönlichen Einblick in ein tief zerrissenes Land.

Sieht man auf einem ihrer Fotos den verstaubten Ford mit Bündner Kennzeichen und dem kleinen Schweizerkreuz auf der Wüstenstrasse nach Kabul vor den gigantischen Zacken des Hindukusch, lässt sich erahnen, welche Tortur sie hinter sich haben.Schwarzenbach und Maillart sehen sich als «unheilbar Reisende», beide haben bereits mehrere Länder im Nahen und Fernen Osten bereist. Ihr Unterwegssein verstehen sie als Grenzerfahrung.

Für Schwarzenbach, eine der schillerndsten Figuren der Künstlerboheme der 1920er und 30er Jahre, die bei Antritt der Reise gerade eine Krise und eine Drogenentziehungskur hinter sich hat, wird diese Afghanistanreise noch viel mehr zur «inneren Notwendigkeit». Offen berichtet sie in ihren Briefen an ihre Reisebegleiterin von ihrem erschütterten, unsicheren «Ich», fern von Nazieuropa sucht sie in der Fremde die Rettung. So liest sich ihr Buch auch als eine Art Rettungsreise, was man Text und Stil anmerkt: immer weiter «nach Osten, anderen Himmeln entgegen!»

Hymnen auf den Hindukusch

Wenn jetzt das Buch unter dem Titel «Alle Wege sind offen» (postum erstveröffentlicht 2000) in einer erweiterten Neuauflage erscheint, dann sind es gerade die neu veröffentlichten Briefe, Dokumente und Texte, die eindringlich von jener inneren und äusseren Reise erzählen. Waren ihre früheren Reisetagebücher aus Vorder­asien geprägt vom anteilnehmenden, wachen Blick und klarer Sprache, sind ihre 26 Afghanistanreportagen schwärmend, elegisch-aufgeladen im Grundton. Getragen von der Neugier einer Europäerin darauf, «wie der Afghane seinen Turban windet», «wie der Pilaw schmeckt in einem Land, wo man täglich Reis und Schaf­fleisch isst». In ihren Portraits über die verschleierten Frauen in Kabul versucht sie deren Münder, Lächeln und lebhaften Augen hinter dem Tschador zu ahnen. Es sind alles andere als klassische Reiseberichte, vielmehr will Schwarzenbach die Magie der Orte einfangen. Meisterhaft ihre Hymne auf den Hindukusch, dessen Name für sie mehr ist als eine geografische Bezeichnung. Um seinen «Namen zu prüfen und die Magie am eigenen Leib zu spüren», erkundet sie mehrfach die Pässe der «gewaltigen Felsenwand, die zwischen Norden und Süden des wilden Landes aufgerichtet ist». Unverzichtbar dabei ihre Schwarzweissfotografien: Um ein Vielfaches in diesem Band ergänzt, sind sie nicht Zugabe der Feuilletons, sondern sorgfältig komponierte Bilder. Sie erzählen die Geschichten von kargen Landschaften und dem Gleichmut der Menschen am Hindukusch weiter.

Neben den zum ersten Mal veröffentlichten Briefen und Dokumenten führt der Nachtrag des titelgebenden Zitats, «alle Wege sind offen, und führen nirgends hin, nirgends hin» eindringlich die doppelte Erschütterung der Autorin vor Augen: Ihren labilen Zustand, der zum Rückfall in die Drogensucht und zum Abbruch der Reise führt, und den Einbruch des Krieges, der auch im abgelegenen afghanischen Dorf allgegenwärtig wird. Im Spiegel der aktuell erschütternden Entwicklungen in Afghanistan geben Schwarzenbachs Stimmungsbilder einer fernen Welt einen sehr persönlichen Einblick in ein tief zerrissenes und zerriebenes Land. (Mit welcher Poesie und Kraft sie ihren Blick auf das Fremde richtet, ist ganz und gar unbestechlich.) Neulesen lohnt sich.

Annemarie Schwarzenbach: «Alle Wege sind offen. Die Reise nach Afghanistan 1939/1940». Lenos, Basel 2021; 344 Seiten, 33 Franken.

Elke Schlinsog ist Redaktorin bei Deutschlandfunk Kultur.

  • N° 8/2021

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