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Autorin: Erika Burri
Bild: Daniel Rihs
Freitag, 16. März 2018

Bauer wollte er nie werden. Lukas Schwyn sitzt im Fauteuil in seinem Wohnzimmer im bernischen Langnau. Hinter der grossen Fensterfront die Hügel, auf denen im Frühling der Löwenzahn blüht, im Frühsommer geheut und dann später noch ein oder zwei Mal nachgeschnitten wird. Im Herbst weiden die Kühe und fressen das letzte Gras. Nun ist es Winter, und das Braun der Wiesen schimmert durch den Schneeflaum.

Lukas Schwyn wollte als Kind nicht Bauer, sondern Pfarrer werden; er sollte es sein ganzes Berufsleben lang sein. Nun ist er 64, hat ein Teilzeitpensum in der Kirchgemeinde Signau, einer Nachbargemeinde von Langnau. Dort führt er durch den Gottesdienst und unterrichtet Konfirmanden. In einem weiteren Pensum ist der ausgebildete Industriepfarrer Geschäftsführer der Srakla, der Schweizerischen reformierten Arbeitsgemeinschaft Kirche und Landwirtschaft.

Schwyn kennt den Zyklus der Landwirtschaft. Und er kennt die Probleme des dritten Standes. Er hat sich in den letzten Jahren mit den Lebenswelten der Bauern auseinandergesetzt. Denn seit acht Jahren präsidiert er als Geschäftsführer der Srakla auch das Bäuerliche Sorgentelefon. 041 820 02 15. Wer da anruft, dem wächst es über den Kopf.

Dass die Bauern neben der Dargebotenen Hand, Telefonnummer 143, ihren eigenen Anschluss haben, mag auf den ersten Blick verwundern. Doch der Bauernstand hat ja auch als einzige Berufsgruppe in der Schweiz sein eigenes Bundesamt. Ein grosser Teil des jährlichen Einkommens besteht bei vielen Bauern zudem aus Direktzahlungen vom Bund. Es sei auch diese Sonderstellung, sagt Lukas Schwyn, die manchen Bauern Mühe bereitet. Sie nage an ihrem Selbstverständnis, ihrer Identität. Sind wir Bundesangestellte? Schlecht bezahlte Landschaftspfleger? Produzenten? Und eigentlich sollten sie zunehmend auch Unternehmer sein.

Seit zwanzig Jahren gibt es das Bäuerliche Sorgentelefon. Der Anschluss wurde eingerichtet, als der Strukturwandel Ende der 90er Jahre die Landwirtschaft erfasste. Und das in einem Tempo, das viele überforderte. Wer überleben wollte, musste rechnen, optimieren, sich vergrössern, wachsen. Vermehrt las man damals in den Zeitungen vom Bauernsterben. Es gab Zeiten, da schlossen bis zu drei Bauern am Tag die Tür zu ihrem Stall ein letztes Mal zu.

Lukas Schwyn hat sich schon im Studium in Bern und im schottischen Edinburgh Gedanken darüber gemacht, wie die Arbeit die Identität der Menschen bestimmt. Was macht die Arbeit mit uns, wenn wir in ihr keinen Sinn sehen? Wie viele Theologen liess auch Schwyn sich vom sozialistischen Feuer des Katholiken Jean Baptiste Metz anstecken, des Begründers der neuen politischen Theologie. Diese fordert Solidarität mit den Leidenden. Metz hat Karl Marx’ Begriff der Arbeit als Produktivitätsfaktor analysiert und theologisiert. Und wie Marx beklagt auch Metz, dass die Arbeitnehmenden als Menschen zu kurz kommen. Von nun an sollte das Thema Schwyn begleiten. In den 90er Jahren, als die Arbeitslosenquote im Kanton Bern sich auf einen Schlag fast vervierfachte, wurde er aktiv und gründete eine Beratungsstelle. Zur Landwirtschaft hatte er bis zu diesem Moment keinen Bezug.

Ende Jahr stellen viele Bauern fest: Es reicht gerade so knapp zum Leben. Trotz der vielen Büez. «Da würden auch mir Zweifel kommen», sagt Schwyn.

Schwyn sitzt da im Karohemd, im Wissen darum, dass er ein Schöngeist ist. Er sagt, er hätte sich schon als Gymnasiast für die Sphäre interessiert, die im Kopf der Menschen beginnt und irgendwo im Himmel endet. Spiritualität, ein Raum ohne Grenzen. Damit wollte sich Lukas Schwyn beschäftigen.

Schon Schwyns Vater war Pfarrer: «Er hiess Ernst. Und so war er auch.»

Er selbst ist da anders: ernsthaft, wenn es die Situation erfordert – so wie jetzt, wenn er über das Sorgentelefon spricht. Ansonsten pflegt er den Schalk von einem, der weiss, dass er nicht der Allerwichtigste ist auf der Welt. Er nennt sich einen Jungverheirateten, da er seine langjährige Partnerin erst mit 60 ehelichte. Und er hat Gefallen an der Arbeit seiner Frau, die etwas doch eher Subversives tut: Sie arbeitet in der einzigen Schweizer Apotheke, die Cannabis als Medikament herstellen und abgeben darf. Vater Ernst Schwyn war ein uneheliches Kind. Er und seine Mutter waren sozial gebrandmarkt. So kam es, dass Verwandtschaft im Leben der Familie Schwyn so gut wie keine Rolle spielte. Auch für Lukas Schwyn hat sie heute keine tiefere Bedeutung.

Ganz im Gegenteil zu den Bauern, ihren Frauen oder anderen Familienmitgliedern, die sich beim Sorgentelefon melden. Letztes Jahr waren es rund 150 Anrufe, gleich viel wie vor zwanzig Jahren. Und das, obwohl sich die Anzahl Bauern in dieser Zeit mehr als halbiert hat. Heute gibt es in der Schweiz noch rund 50 000 Bauernbetriebe.

Moderne prallt auf Tradition

«Generationenkonflikte», sagt Schwyn, «sind ein spezifisches Problem der Bauernfamilien.» Denn auf Bauernhöfen leben und arbeiten die Generationen noch zusammen. Und wenn es im Betrieb nicht läuft, hat das sofort Auswirkungen auf die Familie – und umgekehrt. Ziehen nicht alle am gleichen Strick, kann das Gefüge schnell auseinanderfallen.

Da sind die Eltern, die oft im Stöckli wohnen und mit kritischem Blick beobachten, wie die jüngere Generation das Erbe weiterführt. Wird zum richtigen Zeitpunkt geheut? Und wieso hat die junge Frau auf dem Hof keinen Garten und kauft dafür das Gemüse in der Migros? Die ältere Generation, sagt Schwyn, habe immer wieder Probleme mit dem modernen Lebensstil der Jüngeren. Wochenendausflüge, während es doch Zuhause genug zu tun gäbe. Ferien im Ausland.

Und da sind die jungen Frauen. «Ihre Rolle auf dem Bauernhof», sagt Schwyn, «hat sich in den letzten Jahren stark verändert.» Sie kommen von aussen und sie bleiben mit einem Fuss in der Aussenwelt verankert. Für die Biografien, die jeder Hof hat, für die Querelen mit den Nachbarn, die seit Jahrzehnten anhalten, für das Wir-machen-es-hier-schon-immer-so, dafür fehlt vielen das Verständnis. Sie machen es anders, auf ihre Weise. Viele Bäuerinnen arbeiten heute teilzeit ausserhalb des Betriebs. Das bessert zwar das Familieneinkommen auf, führt aber gleichzeitig zu neuen Problemen: Die Frauen verdienten oft besser als ihre Männer, sagt Schwyn. «Und das ist für die Männer nicht immer einfach.» Gerade war doch noch der Bauer das Familienoberhaupt. Und nun?

Das Leben ihrer Frauen zeige den Bauern manchmal auf, wie unfrei sie selbst waren in der Wahl ihres Berufs. «Vor allem jene», sagt Schwyn, «die sich dem Wunsch der Eltern gefügt haben, den Hof zu übernehmen, sind gefährdet, in die Sinnkrise zu schlittern.» Diese Männer sitzen dann wie alle Bauern heutzutage vermehrt im Büro statt im Stall, weil dies der Wandel der Landwirtschaft mit sich bringt: Anmeldungen für die Direktzahlungen, Führen von Kontrolljournalen, Erfassen von Daten für statistische Erhebungen, Überwachung von Betriebskennzahlen. Der Staat, der zahlt, fordert. Doch nicht immer brächten die Bauern auch das Zeug für diese Managertätigkeiten mit, sagt Schwyn. Und Ende Jahr stellten sie dann einmal mehr fest: Es reicht gerade so knapp zum Leben. Trotz der vielen Büez.

«Da würden auch mir Zweifel kommen», sagt Schwyn, der während seiner zweijährigen Ausbildung zum Industriepfarrer eine solide Wirtschaftsausbildung absolvierte. Auch er würde sich fragen: Lohnt sich das noch?

Bauern verdienen in der Schweiz im Schnitt 3700 Franken pro Monat. Um effizienter zu werden, wird auf Bauernhöfen umgebaut, neue, teure Maschinen werden angeschafft. Verschuldung, sagt Schwyn, sei einer der Gründe, wieso Bauern nicht mehr weiterwüssten und es immer wieder vorkomme, dass einer sich in den Tod stürzt. Meist sei es aber ein Zusammentreffen mehrerer schwieriger Umstände, die einzelne Bauern verzweifeln lasse.

Die Suizidfälle haben in den letzten Jahren vermehrt Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erregt. Das liegt auch an Lukas Schwyn, der als Präsident das Bäuerliche Sorgentelefon gegen aussen vertritt, während die acht freiwilligen Mitarbeitenden anonym beraten. Der Pfarrer sieht es als seine Aufgabe, auf die Situation der Bauern aufmerksam zu machen. Er fragt sich immer mal wieder: «Ist den Verantwortlichen in Bern eigentlich bewusst, welche Dramen sich da abspielen?»

Endlich Zeit für sich

«Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende», steht auf dem Prospekt des Bäuerlichen Sorgentelefons. Der Satz impliziert: Ein glückliches Leben kann es geben, wenn man sich einsetzt. Und manchmal ist eben Hilfe nötig. Wer sich beim Sorgentelefon meldet, findet ein Ohr, um Probleme abzuladen. Die Mitarbeitenden vermitteln Fachstellen und wenn nötig Berater und Beraterinnen, die auf den Hof kommen.

Lukas Schwyn steht nun am Ende eines engagierten Berufslebens, Ende Jahr geht er in Pension. 2019 wartet das kleine Glück auf ihn: Er möchte den Emmentaler Hügeln den Rücken kehren und nach Italien fahren. Siena. Endlich Italienisch lernen, so hat er es seiner Frau schon angekündigt. Ein Jahr will er sich dafür nehmen. Zeit, für einmal nur für sich selbst.

Erika Burri war Redaktorin beim Tages-Anzeiger und ist heute Produzentin beim Club im Schweizer Fernsehen und freie Autorin.
Der Fotograf Daniel Rihs lebt in Bern.