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Mitarbeit: Oliver Demont
Bilder: Michel Gilgen
Szenografie: Catherine Heeb
Freitag, 09. Dezember 2016

Constanze Broelemann: Was heisst das eigentlich, Pfarrerin oder Pfarrer im Jahre 2016 nach Christus zu sein?

Francesco Cattani Den Pfarrer gibt es ja nicht mehr. Das hängt damit zusammen, dass auch die Kirche nicht genau weiss, wo es hingeht. Es scheint aber, dass der Allrounder-Pfarrer, also der Hausarzt der Pfarrschaft, immer weniger gefragt ist. Künftig wird es wohl vermehrt sogenannte Pfarrprofile geben. Also Pfarrer, die sich auf etwas spezialisieren, beispielsweise auf die Arbeit mit Senioren oder Gottesdienste für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe.

Sebastian Rückel Was ich bereits in meiner Ausbildung erlebt habe: Die Erwartungen an einen Pfarrer sind teilweise utopisch, manchmal gar hanebüchen. Darin als junger Pfarrer einen Weg zu finden kann sehr schwierig sein. Alle haben unterschiedliche Ansprüche: die Institution Kirche, die Kirchgemeinde und natürlich auch die Gemeindemitglieder.

Andreas Ladner Aber hat sich die Aufgabe eines Pfarrers im Jahr 2016 tatsächlich so verändert? Unsere Aufgabe ist doch nach wie vor, aus der Sicht des christlichen Glaubens Antworten auf die grossen Fragen des Lebens zu geben.

Sebastian Rückel Das Problem ist, dass die Kirche längst nicht mehr das Monopol auf die grossen Fragen hat. Heute gibt es Bloggerinnen und langhaarige Hotline-Betreiber mit Sonnenbrille, die den Menschen sehr pointierte Antworten liefern. Die Leute mögen das mehr, als wenn ein Pfarrer zwar differenziert, aber diffus um eine der grossen Menschheitsfragen kreist. Ich glaube, die Kirchen kommen tatsächlich nicht darum herum, klarer Position zu beziehen.

Welche Position meinst du?

Sebastian Rückel Zum Beispiel eine Antwort zu geben auf die Frage nach einem Leben nach dem Tod.

Andreas Ladner Aber auf eine solche Frage kann ich doch nur individuell antworten, aus meinem Glauben und aus meiner Überzeugung heraus. Und für mich ist die Antwort klar: Der Tod hat nicht das letzte Wort.

Marco Wehrli Aber was heisst das konkret? Soll ich als Pfarrer einem verzweifelten Menschen sagen: Herr Sowieso, es gibt ein Leben nach dem Tod, also erdulden Sie das Leben jetzt, nach dem Tod kommt ja der liebe Jesus Christus, und der nimmt Sie an die Hand?

Sebastian Rückel Nein, natürlich nicht. Die Zeiten, als in der Gesellschaft der liebe Christus die Menschen an die Hand genommen hat, sind längst passé.

Rahel Albrecht Vielleicht können wir uns hier alle am Tisch darauf einigen, dass die Frage, was nach dem Tod kommt, die Leute beschäftigt. Erst kürzlich hat mich eine Frau gefragt, ob ein Mensch, den man verliert, irgendwie weiterlebt. Auf solche Fragen muss ich doch antworten. Die Menschen wollen wissen, was ich dazu denke.

Florian Rückel Aber es geht nicht nur um solche Fragen, sondern auch um sozialethische. Was sagen wir beispielsweise, wie die Flüchtlingskrise gemeistert werden soll?

Constanze Broelemann

Constanze Broelemann, Jahrgang 1978, geboren und aufgewachsen in Bielefeld im Bundesland Nordrhein-Westfalen. Gross geworden in einer Familie mit drei Geschwistern, «klassisch lutherisch», wie sie sagt. Studium der evangelischen Theologie an der Universität Bonn, an der kirchlichen Hochschule Bethel und zuletzt an der Universität Basel. Redaktionsvolontariat bei Zeitzeichen in Berlin, danach vier Jahre Arbeit als Journalistin, u.a. für Taz, Berliner Kirchenzeitung und EPD. Wechsel in die Schweiz für die Ausbildung zur Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde des Dorfes Bühler in Appenzell Ausserrhoden. Heute arbeitet sie als Pfarrerin in Basel West, mit 10 000 Mitgliedern die grösste reformierte Kirchgemeinde der Stadt Basel. Broelemann lebt in Basel.

Sebastian Rückel

Sebastian Rückel, Jahrgang 1983. Aufgewachsen wie sein Zwillingsbruder Florian in Bayern, absolvierte er nach dem Abitur und dem Sozialdienst in Brasilien und Bolivien sein Studium der Politikwissenschaften und der katholischen Theologie in München. «Während des Studiums träumte ich davon, Diplomat zu werden», sagt er. Auf ein Praktikum bei einer Botschaft folgte dann aber die Arbeit als Jugendseelsorger in zwei Schweizer Pfarreien. Danach Ausbildung zum reformierten Pfarrer. Nach dem Vikariat in Zürich-Neumünster arbeitet Sebastian Rückel nun in der Kirchgemeinde Bremgarten-Mutschellen AG.

Florian Rückel

Florian Rückel, Jahrgang 1983, «etwa zeitgleich» mit seinem Zwillingsbruder Sebastian geboren, wie er sagt. Mit einem katholischen Vater und einer evangelischen Mutter in der fränkischen Diaspora aufgewachsen. Nach der Schulzeit am humanistischen Gymnasium der Karmeliten in Bamberg folgten ein einjähriger Sozialdienst in Brasilien und das Doppelstudium der katholischen Theologie und Politikwissenschaften. Erste berufliche Erfahrungen in einem sechsmonatigen Praktikum bei der Uno in New York und als Jugendseelsorger in einer katholischen Pfarrei. «Katholischer Pfarrer wollte ich aber nicht werden», sagt er. Nach Ergänzungsstudien an der Universität Zürich entschloss er sich daher, in der reformierten Kirche eine neue Heimat zu suchen.

Die Kirche muss also politisch sein?

Florian Rückel Kirche ist nicht per se politisch. Aber eine Kirche, die sich nicht mit den Fragen der Menschen und dem Hier und Heute auseinandersetzt, die führt sich selbst ad absurdum. Wir müssen uns in den gesellschaftlichen Diskurs einmischen.

Rahel Albrecht Ich sehe es so: Als Pfarrerin darf ich mich politisch äussern, nur eben nicht parteipolitisch.

Florian Rückel Genau. Und wir sollten uns davor hüten, es so zu tun, wie es in der Politik oft der Fall ist: möglichst einfache Antworten auf komplexe Fragen geben zu wollen.

Francesco Cattani Seien wir ehrlich: Gesellschaftspolitisch ist die Kirche ein Player unter vielen, da gibt es endlos viele Stimmen. Was uns letztlich ausmacht, ist der Glaube, nicht ein Parteiprogramm. Als Pfarrerin oder Pfarrer müssen wir deshalb zwingend den Fokus auf individuelle, religiöse Fragen legen – und nicht nur auf gesellschaftspolitische, wie Atomausstieg, Ehe für alle oder Entwicklungshilfe.

Politische Fragen haben also kein Gewicht für gläubige Menschen?

Francesco Cattani Doch, natürlich. Aber am Anfang steht der Glaube – und daraus entstehen Ansichten und Überzeugungen, die zu politischem Handeln motivieren.

Mit Menschen über ein Leben nach dem Tod zu sprechen ist schwierig. Ungefragt damit konfrontiert zu werden, empfinden viele als lästig.

Lea Scherler Der Kontext muss stimmen. Wenn ich von der Kanzel herab auf die Menschen einrede, was sie zum Leben nach dem Tod zu denken haben, dann ist das natürlich falsch. Aber wenn ich dies in einem Gespräch zum Thema mache, dann funktioniert das sehr gut. Das ist zumindest meine Erfahrung.

Francesco Cattani Ich achte auch immer darauf, dass ich meine Antwort als persönliche Meinung deklariere. Dann kann ich auch sagen: Ich bin nicht im Besitz der Wahrheit, aber momentan ergibt diese Antwort für mich Sinn.

Der Umgang mit solchen Fragen ist sehr anspruchsvoll. Wurdet ihr im Vikariat, also eurer Ausbildung zur Pfarrerin, darauf ausreichend vorbereitet?

David Jäger Ja, eigentlich ganz gut. Es war befreiend, da ich in der Rolle des Lehrlings war und Fehler machen durfte. Klar, auch später darf ich noch Fehler machen, da ich Mensch bin. – Das klingt jetzt schon ganz, wie ein Pfarrer spricht (lacht).

Lea Scherler Nicht ganz einfach fand ich meine Rolle im Vikariat, weil ich immer wieder als zukünftige Pfarrerin gesehen wurde. Zugleich war klar, dass ich es noch nicht bin. Am Ende sitzt man im Seitenwagen des Ausbildungspfarrers.

David Jäger Ja, die Atmosphäre des Vikariats ist stark abhängig vom Verhältnis des Vikars zum Pfarrer. Das ist gerade im Erwachsenenalter nicht ganz einfach. Ich persönlich habe mich aber nie als dessen Seitenwagen gefühlt.

Florian Rückel Jetzt kommt mir noch etwas in den Sinn: Auf der Ausbildungs-Website der reformierten Kirchen steht geschrieben, dass wir für das Pfarramt in der Kirche und – gleichberechtigt daneben – für das Pfarramt in der Gesellschaft ausgebildet werden. Frage an euch: Was haltet ihr von dieser Trennung?

Marco Wehrli Ich habe ehrlich gesagt noch nie etwas von dieser Trennung gehört. Ich stehe da in der Tradition Zwinglis, die das Pfarramt jederzeit auch politisch interpretiert. Kirche und Gesellschaft als zwei verschiedene Orte zu sehen, das ist für mich heuchlerisch.

Florian Rückel Ich habe diese Trennung so verstanden, dass es bei den gesellschaftlichen Fragen um den Alltag geht, etwa um Beruf, Beziehung und Lifestyle. Es ist die Frage danach, wie wir unser Leben gestalten, die Frage nach Orientierung im Jetzt. Darauf sollten Pfarrerinnen und Pfarrer Antworten haben..

Aber ist das nicht selbstverständlich?

Florian Rückel Nein, das ist ein frommer Wunsch. Wenn ich Kirchenvertreter höre, die nur theologische Fragen wie die nach der Auferstehung diskutieren, dann frage ich mich schon, wie nahe solche Leute bei den Menschen sind. Für die allermeisten ist es doch viel wichtiger, wie sie im eigenen Leben aufstehen können, beispielsweise nach einer zermürbenden Scheidung, einer Krankheit oder Kündigung.

Warum wollt ihr eigentlich bei einer Institution arbeiten, die zurzeit so einen schwierigen Stand in der Öffentlichkeit hat?

Florian Rückel Ich bin immer wieder beeindruckt, welches Vertrauen die Menschen mir als Seelsorger entgegenbringen. Wo gibt es das sonst noch, dass Menschen einfach jemanden aufsuchen können, um Zeit und Erlebnisse zu teilen, ohne dabei geheilt, therapiert oder abgezockt zu werden?

Andrea Weinhold Weil ich als Pfarrerin mit jung und alt, Frechen und Lieben, Konservativen und Progressiven arbeiten kann. Und wenn ich meine Arbeit gut mache, dann schaffen wir es vielleicht auch, eine Sprache für den Glauben zu finden. Das ist ja immer wieder eine Herausforderung.

Francesco Cattani Also ich habe mich für die Kirche entschieden, weil mir der Glaube wichtig ist. Der pure Glaube motiviert mich sehr.

Wann ist ein Glaube pur?

Francesco Cattani Wenn ich den Fragen der Kirche etwas abgewinnen kann. Also: Wie kann ich mir Gott denken und von Gott reden? Welchen Einfluss hat die Bibel auf mein Leben und Handeln? Wer ist Jesus Christus? Dazu gehört auch der Austausch mit anderen gläubigen Menschen, die teilweise ganz andere Meinungen vertreten.

Andrea Weinhold Klar, der Glaube ist für mich auch Motivation, in der Kirche zu arbeiten. Für mich heisst Glaube aber insbesondere auch Vertrauen – und dafür möchte ich stehen.

«Sünde? Es ist doch falsch, wenn ich das Wort einfach nicht benutze, nur weil es extrem schlecht konnotiert ist.» Lea Scherler

Und was heisst das konkret?

Andrea Weinhold Mein Glaube stärkt mich und gibt mir Hoffnung. Er hinterfragt mich aber auch immer wieder kritisch. Mit diesem Glauben bin ich Pfarrerin.

David Jäger

David Jäger, Jahrgang 1978, aufgewachsen mit drei Brüdern und einer Schwester im Kanton Aargau. Durch den Vater römisch-katholisch und durch die Mutter von der New-Age-Bewegung geprägt. Erstausbildung zum Illustrator an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Luzern, danach Studium der Philosophie und Theologie an der Universität Basel. Vikariat in der Münstergemeinde Basel. Jäger befindet sich derzeit auf Weltreise mit seiner Frau Sabina und der gemeinsamen siebenjährigen Tochter Lou und dem neunjährigen Sohn Jakob.

Andrea Weinhold

Andrea Weinhold, Jahrgang 1972, ist in einer Familie mit sieben Kindern in St. Gallen aufgewachsen. Ausbildung zur Sozialarbeiterin, danach Arbeit bei der Opferhilfe-Beratungsstelle in Zürich und in der Teamleitung der Dargebotenen Hand Ostschweiz. Studium der Theologie an der Universität Zürich, das sie als «ein grosses Privileg» sieht: «An der Uni stiessen meine existenziellen Fragen auf offene Ohren.» In Gossau SG absolvierte sie das Vikariat. Heute arbeitet sie als Pfarrerin in der Kirchgemeinde Straubenzell SG, im neuen Jahr kehrt sie zurück nach Gossau.

Die Menschen suchen die Kirche immer weniger auf – und wenden sich somit auch von euch als Pfarrerin oder Pfarrer ab. Ist das nicht frustrierend?

Andrea Weinhold Nun, solange Menschen da sind, die mit mir Gottesdienst feiern oder das Gespräch suchen, ist mein Beruf gerechtfertigt. Aber klar, ich mache mir Gedanken, wie ich als Pfarrerin auf die Menschen zugehe.

Und wie machst du das konkret?

Andrea Weinhold Wenn ich zum Beispiel von Gnade und Sünde rede, lasse ich diese Begriffe nicht unerklärt stehen. Viele können damit ohnehin nichts mehr anfangen.

Lea Scherler Aber es ist doch falsch, wenn ich das Wort Sünde einfach nicht benutze, nur weil es extrem schlecht konnotiert ist. Wenn wir in der Kirche nicht mehr von Glauben, Gott oder Jesus Christus sprechen, dann habe ich Mühe damit. Solche Begriffe sind ja heutzutage eine Provokation!

Rahel Albrecht Sicher muss eine Pfarrerin Gott ins Spiel bringen, sonst ist ja keine Substanz da. Aber wenn ich Begriffe nutze, mit denen ich selbst Mühe habe, dann bin ich ja auch nicht mehr echt. Die Gesprächssituation muss schon passen. Ich muss mir sicher sein, dass mein Gegenüber versteht, was ich meine – und das setzt voraus, dass ich für mich solche Begriffe definiert habe.

Sebastian Rückel Ich sehe das entspannt. Wir dürfen den Leuten etwas zutrauen. Selbst im Alltag, wenn Schulden mit Schulden finanziert werden, wird ja von einem Sündenfall gesprochen. Und da weiss doch auch jeder, was damit gemeint ist.

Was ist für dich Sünde?

Sebastian Rückel Ein Stadium der Gottferne. Obwohl es dieses für mich eigentlich gar nicht geben kann, denn irgendetwas ist immer auf Gott hin ausgerichtet.

Es gibt also keine Sünde?

Florian Rückel Sagen wir es mal so: Es gibt keine Hölle – und darum gibt es auch keine absolute Gottferne. Jeder einzelne Mensch ist von Gott gewollt. Aber wir können uns im Leben, in unserem Tun und Denken von Gott entfernen. So verstehe ich Sünde.

Andrea Weinhold Aber müsste man nicht eher fragen, was Gottferne ist? Menschen erfahren die Gottferne gerade dort, wo keine Liebe ist. Also wo Menschen ausgelacht, diskriminiert, beschimpft und getötet werden.

Wann ist eigentlich die Kirche gottfern?

Florian Rückel Zum Beispiel, wenn Kirchenmitglieder ausländerfeindlich sind oder Menschen diskriminiert werden. Da kann ich als Pfarrer nicht schweigen.

Sind wir nicht sehr abhängig von dem, wie eine Kirchenvorsteherschaft tickt? Neigt sie zu Homophobie, was machst du dann?

Rahel Albrecht Dann würde ich mich nicht dort bewerben.

Aber müsstest du nicht erst recht dorthin gehen, um deine Ansicht einzubringen?

Rahel Albrecht Nein, ich fühle mich dann dort ja nicht wohl – und der Vorstand sich mit mir sicher auch nicht. Aber es ist schon so: Angenommen, eine junge lesbische Frau wächst in einer Kirchgemeinde auf, in der offensichtlich homosexuelle Menschen ausgegrenzt werden, da wird sie wohl ein Leben lang auf Distanz zur Kirche gehen. Selbst wenn in einer anderen Kirchgemeinde eine ganz andere Ansicht zum Thema herrscht.

Der Pfarrer ist ja auch eine Art Dienstleister. Soll er sich der Weltanschauung einer Kirchgemeinde anpassen?

Francesco Cattani Nein, unter keinen Umständen. Ich darf mich als Pfarrer von der Gemeinde nicht fremdbestimmen lassen. Da ginge ja auch ein Stück Vielfalt in der Kirche verloren. Anecken muss erlaubt sein. Wenn ich mein Verhalten irgendwo rechtfertigen muss, dann vor Gott. Und vor dem bin ich ja eh gerechtfertigt.

Ich sehe noch ein anderes Problem: Ist es nicht gefährlich, wenn die Kirchenmitglieder, wie in Freikirchen, direkt ihren Pfarrer bezahlen? Es liegt doch auf der Hand, dass sie somit auf die Gesinnung des Pfarrers Einfluss nehmen: Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing.

David Jäger Aber es ist nun mal eine Tatsache, dass eine bestehende Gemeinde bereits ein Gebilde von Leuten ist, die vor Ort sind. Und der Pfarrer, der kann ja gerade in der reformierten Kirche nicht mit irgendeiner Lehre kommen und alles umkrempeln.

Rahel Albrecht Trotzdem: Die Pfarrerin ist eine öffentliche Person, an die Erwartungen geknüpft sind. Von ihr kann erwartet werden, dass sie gegenüber allen Menschen in der Kirchgemeinde tolerant ist und niemanden ausschliesst. Diese Tatsache kann ich nicht einfach ignorieren.

Das heisst?

Francesco Cattani Manchmal habe ich den Eindruck, es werde von uns erwartet – repräsentativ für die Gesellschaft –, moralisch reiner zu sein. Das sagt so natürlich niemand, schwingt aber immer mit.

Was soll ein Pfarrer in der Kirche von morgen eigentlich noch leisten?

David Jäger Ideal wäre, wenn der Pfarrer überflüssig wäre und es die Kirche gar nicht mehr brauchen würde. Das ist allerdings utopisch.

Warum?

David Jäger Weil die Kirche aus Menschen besteht – und diese wohl nicht ohne die weltliche Konstruktion Kirche glauben.

Marco Wehrli Also über die Abschaffung der Kirche mache ich mir keine Sorgen, da sie auch in Zukunft den Auftrag hat, das Menschliche zu pflegen.

Rahel Albrecht Ich sehe die Beziehung zu den Menschen gar als Kerngeschäft der Kirche.

Francesco Cattani Das glaube ich nicht. Beziehungen pflegen, das tun auch Pro Senectute oder die Pfadfinder. Das ist aber noch nicht explizit christlich.

«Dass es Kirchenmitglieder gibt, die gar nichts mit der Kirche zu tun haben wollen, ist exakt das Problem der Landeskirche.» Francesco Cattani

Aus welchem Grund sucht die Kirche, suchen gläubige Menschen den Kontakt mit ihrer Umwelt, mit ihren Mitmenschen? Ich meine: aus einer Glaubensüberzeugung heraus. Es geht um die Nächstenliebe, von der Jesus sprach und die er vorgelebt hat. Also ihm nachfolgen, in ihm ein Vorbild sehen und deshalb auf Menschen zugehen.

Ein anderes Thema: Viele Menschen zahlen Kirchensteuern und unterstützen sie dadurch ideell. An der Gemeinschaft sind sie nicht interessiert.

Francesco Cattani Jetzt bringe ich ein markiges Statement: Dass es Leute gibt, die gar nichts mit der Kirche zu tun haben wollen und trotzdem in der Kirche sind, ist exakt das Problem der Landeskirche.

Sind es nicht exakt diese Mitglieder, übrigens die Mehrheit, die auch deinen Pfarrlohn finanzieren?

Francesco Cattani Das ist ein Totschlagargument. Da entgegne ich: Kirche ist doch nicht einfach ein Dienstleistungsunternehmen, wo der Aktionär kommen und sagen kann: Ich zahle dich, also liefere mir das, was ich will.

Was ist das Problem daran?

Francesco Cattani Es besteht die Gefahr, sich bei kirchenfernen Mitgliedern anzubiedern, um eben weiterhin die genannten Pfarrlöhne bezahlen und die Infrastruktur aufrechterhalten zu können.

Aber wäre nicht genau das eine Kirche, die bei den Leuten ist?

Francesco Cattani Aber dann landen wir Pfarrerinnen und Pfarrer bei Trauungen, Beerdigungen und Taufen und lassen uns von Angehörigen vorneweg sagen: Aber bitte möglichst wenig Bibel und am liebsten kein Reden von Gott während der Taufe, Beerdigung oder Trauung. – Wenn ich als Kirchenvertreter solchen Wünschen entgegenkomme, weil die Institution Kirche Angst vor Mitgliederschwund und finanziellen Engpässen hat, dann verleugne ich ja nicht nur mich, sondern auch meinen christlichen Glauben.

Die Alternative wäre: Steuern weg, Status Landeskirche weg, Freikirche sein.

Florian Rückel Der Status einer öffentlichrechtlichen Institution ist für die Landeskirche wichtig. Die Kirche hat sich an Recht und Gesetz zu halten. Und nur so gibt es eine Transparenz, was die Lehre – also die Theologie, die an den Universitäten gelehrt wird – betrifft. Die Landeskirche ist die beste Antwort auf alle fundamentalistischen Strömungen innerhalb der Kirche.

Die theologische Ausbildung an einer staatlichen Universität ist ja auch explizit wissenschaftlich. Das finde ich ausgesprochen wichtig. Einmal war ich zu Gast in einer Freikirche mit südamerikanischem Hintergrund. Da trat dann irgendein Opi auf die Bühne und sang und predigte drei Stunden irgendetwas. Das war durchaus eine emotionale Angelegenheit, die mich irgendwie bewegte. Trotzdem bin ich froh, dass wir in der Landeskirche über ein anderes Verständnis von Intellektualität verfügen.

Sebastian Rückel Aber bei den Katholiken kommt auch ein Opi auf die Bühne.

Andreas Ladner Ich wehre mich gegen die Vorstellung, dass nur an öffentlichen theologischen Fakultäten eine freie und intellektuelle Theologie gelehrt wird. Die private Theologische Hochschule Basel, die eine bibeltreue Theologie pflegt, anerkennt den Verstand der Studierenden, geht aber auch darüber hinaus.

Beispielsweise?

Andreas Ladner Die dort gelehrte Theologie hält zum Beispiel das übernatürliche Eingreifen Gottes in die Menschheitsgeschichte für möglich. Ebenso Prophetie, die über die menschliche Erkenntnis hinausgeht. Was ich sagen will: Nur weil wir durch die Aufklärung gegangen sind, lässt sich doch nicht sagen, dass es keine Wunder mehr gibt. Wir können nun mal nicht alles mit unserem Verstand fassen – das nennt sich übrigens Glaube.

Es geht nicht um eine richtige oder falsche Theologie, vielmehr sind das einfach zwei völlig unterschiedliche Herangehensweisen. Staatliche Universitäten rücken der Bibel mit der historisch-kritischen Exegese zu Leibe. Wie ein Archäologe, der Schicht für Schicht abträgt. Im Gegensatz dazu ist die Frage nach dem Wunder eine ganz andere Kategorie – was nicht heisst, dass es keine Wunder gibt.

Andreas Ladner Ja, aber die akademische Bibelwissenschaft basiert auch nur auf Hypothesen von irgendwelchen Leuten. Letztlich kannst du nicht sagen, wie die Bibel entstanden ist.

Nun, Freestyle ist Theologie nicht. Mit dem Verstand wurden historische Fakten gesichert, nach einer wissenschaftlichen und transparenten Methode. Ich bezweifle, dass die Gesellschaft bereit wäre, eine emotionalere Bibelforschung und Theologie mit öffentlichen Geldern zu finanzieren. Das wäre wohl auch von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet sehr unseriös.

Francesco Cattani Nochmals zur Kirche: Ich sehe die Gefahr eher rationaler landeskirchlicher Strukturen darin, dass wir einzig von Zahlen und Mitgliedern reden, wie jedes andere Unternehmen auch. So richten wir uns nur noch nach dem aus, was die Mitglieder hören wollen. Das finde ich falsch. Stellt euch vor, wir als Kirche machen eine Umfrage bei den Mitgliedern zum Thema, was sie von der Kirche wollen. Was ist unsere Antwort, wenn eine Mehrheit findet: nichts, was mit der Bibel zu tun hat. Was machen wir dann?

Rahel Albrecht Lustiges Gedankenexperiment. Aber ich denke es ist allen klar, dass, wenn die christliche Botschaft verschwindet, auch die Institution Kirche überflüssig wird. Wichtig scheint mir trotzdem, dass auch eine Pfarrerin über existenzielle und ethische Fragen sprechen kann, ohne zwingend die Bibel ins Spiel zu bringen.

Und was wäre noch wichtig?

Francesco Cattani Wir haben eine Chance, wenn wir als Kirche authentisch sind, Landeskirche bleiben und das Risiko eingehen, dass wir Leute verlieren.

Aber was heisst authentisch sein?

Francesco Cattani Mit dem Risiko, dass ich mich wiederhole: Pfarrerinnen müssen sich auf die Bibel beziehen und von Gott reden. Nicht schwammig von «höheren Mächten», um ja niemanden vor den Kopf zu stossen. Dabei muss unser Handeln immer nach aussen hin offen sein, also das Gegenteil von sektiererisch.

Andreas Ladner

Andreas Ladner, Jahrgang 1987, ist in Aarau geboren und zusammen mit seinen vier Geschwistern im Pfarrhaus in Oftringen im Kanton Aargau aufgewachsen. Engagement in der Jugendarbeit der Reformierten Kirche Oftringen und in der Jungschar. Theologiestudium an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel (STH) und an der Universität Basel. Sein Glaube sei durch eine «pietistische und charismatische Frömmigkeit» geprägt, sagt er. Ladner absolvierte sein Ausbildungsjahr zum Pfarrer in der Reformierten Kirchgemeinde Unterentfelden AG und arbeitet heute als Pfarrer in der Kirchgemeinde Staufberg AG mit rund 2700 Kirchgemeindemitgliedern.

Rahel Albrecht

Rahel Albrecht, Jahrgang 1986. Aufgewachsen mit einem älterem Bruder und einer jüngeren Schwester in einem «sehr offenen Pfarrhaus» in Brunnen SZ und Rifferswil ZH. Ihr Vater ist Pfarrer, die Familie besucht an Weihnachten und Ostern die Kirche; «es war keine religiöse Erziehung im engen Sinn», erinnert sie sich. Theologiestudium an der Universität Zürich und ein Semester an der Universität Lund, eine Stadt ganz im Süden von Schweden. Anschliessend Lehramt für höhere Maturitätsschulen in Zürich und Ausbildung zur Pfarrerin in Knonau ZH. Heute arbeitet Albrecht als Pfarrerin in Cham ZG in einem 50-Prozent-Pensum, als Lehrerin an den Kantonsschulen in Zug und Zofingen AG. An letzterem Ort ist sie auch Schulseelsorgerin.

Francesco Cattani

Francesco Cattani, Jahrgang 1983, aufgewachsen mit zwei Brüdern in Thalwil im Kanton Zürich in einer «normalen, fast schon kulturprotestantischen Familie, die an hohen Feiertagen in die Kirche ging». Zentral seien den Eltern christliche Werte und Bildung gewesen, sagt er. Grundstudium in Theologie in Zürich, danach Masterstudium an den Universitäten von Toronto, Zürich und Basel. Das Ausbildungsjahr absolvierte er in der Reformierten Kirchgemeinde Oberrieden am Zürichsee. Heute lebt und arbeitet er als Stadtpfarrer in Zürich Albisrieden.

«Die Frage ist, wie wir das Evangelium unter die Menschen bringen. Sind Kirchenmitglieder mehr an Fragen wie Politik oder Terror interessiert, dann müssen wir uns auch damit auseinandersetzen.» Rahel Albrecht

Sebastian Rückel Landeskirche heisst ja noch viel mehr als geregelte Einnahmen. Landeskirche heisst, dass du eine Tradition hast, dass du eine gewisse Mitgliederzahl und eine Struktur hast. Die reformierte Landeskirche ist transparent. Wenn du mit etwas nicht einverstanden bist, kannst du dich wählen lassen und etwas verändern. Es gibt einen offenen Dialog und Diskurs. Das gilt bei fundamentalistischen Einrichtungen nicht.

Der Bedeutungsverlust der Kirchen, auch der reformierten, ist eine Realität. Was denkt ihr, warum das so ist?

David Jäger Ich denke, dass der Zustand der Kirche der Preis der Freiheit ist. Die reformierte Tradition setzt auf individuelle Mündigkeit des einzelnen Mitglieds. Das ist zwar wunderbar, aber das Gegenteil von Einheit.

Marco Wehrli Die Reformierten sind zwar nicht bekenntnislos, aber bekenntnisfrei. Das ist ein schwacher Status, leider – und darin sehe ich ein Problem.

Was gilt es zu tun?

Rahel Albrecht Die Frage ist, wie wir das Evangelium unter die Menschen bringen. Sind Kirchenmitglieder mehr an Fragen wie Politik, Terror und so weiter interessiert, dann müssen wir uns als Pfarrerinnen und Pfarrer auch damit auseinandersetzen.

Sebastian Rückel Ja also bei den Katholiken ist es so, wenn du nicht in die Kirche gehst, verletzt du deine Sonntagspflicht. Den Reformierten können wir das «vollwertige Christsein» als Mündige ja nicht absprechen, wenn sie nur Weihnachten und Ostern in die Kirche gehen. Wenn ich mich in Zürich allerdings so umschaue, gibt es alle paar Meter einen Gottesdienst, aber immer nur sonntags um zehn Uhr. Das Angebot sollte man vielleicht variieren.

Rahel Albrecht Exakt. Wenn man guckt, was eigentlich die sogenannten Kirchenfernen brauchen. Der normale Sonntagsgottesdienst spricht nicht mehr so viele an. Mir hat mal eine kirchenferne Frau gesagt, dass sie etwas enttäuscht war, dass der Pfarrer sich nach der Beerdigung nicht bei ihr gemeldet hat. Das hat mich sehr überrascht, da sie die Angebote der Kirche nicht wirklich nutzt. Doch offensichtlich wäre ihr das ein Anliegen gewesen. Das hat mich in meinen Gedanken bestätigt: Hey, wir müssen auf die Leute zugehen.

Marco Wehrli Ja genau. Wenn wir mal wieder in die Bibel schauen, dann war ja auch Jesus einer, der zu den Menschen gegangen ist. Zu den Zöllnern, Leprakranken, Prostituierten, also Ausgeschlossenen. Das wäre eben genau Kirche, wenn wir das auch tun würden.

Andrea Weinhold Als Pfarrerin oder Pfarrer suchen wir hoffentlich immer wieder Orte auf, die ausserhalb des Kirchengebäudes liegen. Auch wichtig scheint mir der Bildungsauftrag, den die Kirche innehat. Das beinhaltet eine grosse Chance, über die christlichen Werte ins Gespräch zu kommen.

Florian Rückel Oder denken wir an die internationale Zusammenarbeit. Wo der Staat viel Geld für die Infrastruktur ausgeben muss. Das machen die Kirchen mit einer bereits vorhandenen Infrastruktur.

Marco Wehrli

Marco Wehrli, Jahrgang 1985, ist in Islikon TG in einer «nicht religiösen Familie» aufgewachsen, wie er sagt. In einem guten Kontakt stand er aber mit dem Pfarrer, der ihn getauft und konfirmiert hatte: «Er war es auch, der mir den Floh ins Ohr gesetzt hatte, dass der Pfarrberuf etwas für mich sei.» Nach der Matur und einem Zwischenjahr Studium der Theologie an der Universität Zürich und Arbeit in der Kirchgemeinde Gachnang TG mit Schwerpunkt Jugend- und Konfirmandenarbeit. Das Ausbildungsjahr absolvierte er in der Kirchgemeinde Sulgen TG, heute arbeitet er als Pfarrer in der Kirchgemeinde Nesslau im Toggenburg. Wehrli lebt in Neu St. Johann SG.

Lea Scherler

Lea Scherler, Jahrgang 1989, ist in Magglingen bei Biel aufgewachsen. Start mit den Studienfächern Germanistik und Theologie an der Universität Basel, später Wechsel zu Theologie im Hauptfach in Basel, Berlin und Zürich. Das Ausbildungsjahr absolvierte sie in der Kirchgemeinde Kleinbasel, heute arbeitet sie als Pfarrerin in Zollikon bei Zürich. Sie sei «in einer reformierten Durchschnittsfamilie mit Kirchenbesuch an Weihnachten» aufgewachsen. Die Mutter habe ihr und ihrer Schwester mit Liedern, Gebeten und Naturerlebnissen einen sehr offenen Glauben mitgegeben. Scherler lebt in Zürich.

«Dass die Kirche immer kleiner wird, hat auch damit zu tun, dass wir sie in eine ethische Sackgasse laufen lassen. Wenn Kirche zu den Menschen nur gut und nett sein soll, ist das einfach zu wenig.» David Jäger

Andrea Weinhold Was wäre zum Beispiel, wenn wir uns als Kirchen zusammenschliessen würden. Etwa auf der Balkanroute, und jede Kirche auf dem Weg hätte irgendeine Verantwortung. Sie könnte Menschen auf der Flucht begleiten, ihnen Gastfreundschaft anbieten. Kirche in einem grösseren Kontext zu denken bedeutet, dass Kirche eben nicht nur der Zehn-Uhr-Gottesdienst am Sonntagmorgen ist.

Florian Rückel Das ist aber gerade in einer durch und durch bürgerlichen Institution wie der reformierten Kirche ein Problem. Es sitzen genug Menschen in Kirchengremien, die solche Visionen vollkommen blockieren und lieber den Ist-Zustand verwalten.

Francesco Cattani Und da sind wir genau wieder im Zentrum des Problems: Die Landeskirche ist eine Volkskirche und versammelt somit Menschen von rechts bis links. Sich so als Kirche zu positionieren ist unmöglich.

Aber dieses Spektrum ist doch wunderbar. Die Landeskirche bildet die Gesellschaft ab. Ich bin froh, dass wir in der Kirche um Positionen ringen müssen. Für meinen Geschmack dürfte noch heftiger um gute Ideen gestritten werden.

Andrea Weinhold Diskutieren ja, aber auch etwas tun ist wichtig. Theologie muss nicht nur einen Mund, sondern auch Hände haben.

Rahel Albrecht Und dass Kirche Gutes tut, ist auch für viele kirchenferne Menschen der Grund, warum sie noch in der Kirche sind.

David Jäger Ich sehe darin auch eine grosse Gefahr. Dass die Kirche immer kleiner wird, hat mitunter auch damit zu tun, dass wir sie in eine ethische Sackgasse laufen lassen. Also auf eine ethische Maxime reduzieren.

Echt jetzt?

David Jäger Ja, wenn Kirche zu Menschen nur gut und nett sein soll, dann ist das einfach zu wenig.

Andrea Weinhold Hoffentlich ist Kirche nett zu Menschen!

David Jäger Ich finde das ja auch alles schön und gut, aber ihr Kerngeschäft ist Jesus Christus und seine Verkündigung. Jesus Christus lässt sich nicht auf eine ethische Maxime runterbrechen.

Rahel Albrecht Aber wie gehst du denn damit um, dass Jesus sich genau für Nächstenliebe und Barmherzigkeit eingesetzt hat? Das kannst du ja nicht einfach auf die Seite schieben.

David Jäger Klar. Aber Jesus hat auch gesagt: «Ich lass die Toten die Toten begraben und ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.»

Marco Wehrli Und wem bringt er das Schwert? Denen, die nicht an ihn glauben, oder den Menschen im generellen?

David Jäger Sag du’s mir.

Marco Wehrli Jedem Menschen selbst. Es ist die Aufforderung, nicht gemütlich zu werden, sondern immer in Bewegung zu bleiben.

Andreas Ladner Ich glaube, für viele Menschen bedeutet Christsein in Bewegung sein. In vielen Ländern werden sie dafür geköpft.

Andrea Weinhold Also für mich ist das Evangelium immer wieder die Anregung dazu, wie wir das Leben und unseren Umgang miteinander gestalten.

Florian Rückel Gelebte Nächstenliebe, das geht aber auch als Philanthrop, dafür muss ich nicht glauben. Andrea Weinhold Das stimmt. Aber durch den Glauben verändert sich die Nächstenliebe. Denn im Glauben daran, dass wir von Gott Geliebte sind, können wir andere lieben. Das klingt einfach, ist aber alles andere als einfach.

David Jäger Was heisst heutzutage schon Glauben. Seien wir mal ehrlich: Natürlich glaubt heute niemand mehr so wie diejenigen, die von sich glauben, dass sie nicht glauben, glauben, dass Glauben geht.

Geht das auch einfacher?

David Jäger Insgeheim glauben heute doch alle auf irgendeine Weise. Glauben gehört zum Menschsein wie der Herzschlag. Und meine Aufgabe als Pfarrer ist es, genau das bewusstzumachen.

Mitarbeit: Oliver Demont

Constanze Broelemann ist freie Journalistin und Pfarrerin. Sie lebt in Basel.
Der Fotograf Michel Gilgen lebt in Zürich.
Die Szenografin Catherine Heeb studiert Kunst in Lausanne.

In der Deutschschweiz lassen sich jährlich rund fünfzig Personen nach ihrem Theologiestudium in einem sogenannten Vikariat zum reformierten Pfarrer oder zur reformierten Pfarrerin ausbilden. Dabei arbeiten sie ein Jahr lang in einer Kirchgemeinde als eine Art Pfarrlehrlinge mit und besuchen zusätzlich von den Landeskirchen angebotene Kurse. Am Ende folgen Prüfungen und die Ordination. Das ist die Bestätigung der Kirche, dass Kirchgemeinden sie fortan zur Pfarrerin oder zum Pfarrer wählen können.

Das Studium der Theologie an den Universitäten Bern, Basel und Zürich: www.theologiestudium.ch

Die Ausbildung zur reformierten Pfarrerin: www.bildungkirche.ch