Der Anblick ist wirklich eine Zumutung, schliesslich liegt da ein toter Junge. In dunkelblauer Trainingsjacke, neuer Jeans und schwarzen Sneakers von Nike. Als hätte er sich nur eben nach dem Essen und vor den Hausaufgaben ausruhen wollen. Es scheint, als habe es die Pubertät noch nicht in das Gesicht des Jungen geschafft, kein vereinzeltes Barthaar, keine unreine Haut, noch sind da die weichen Gesichtszüge eines Kindes. Aber das ist nicht wirklich sein Gesicht, es ist eine Silikonmaske, originalgetreue Nachbildung; der Körper von Carlo Acutis lag schliesslich vierzehn Jahre lang unter der Erde auf dem Friedhof in Assisi, Mittelitalien.
Seit Anfang Oktober ist der Teenager in einem Steinsarg mit Glasfront in der Oberkirche der Basilika von Assisi aufgebahrt – ein toter Junge hinter Glas, sichtbar für die eigenen Eltern, seine zwei jüngeren Geschwister, Pilger aus aller Welt. Der Vatikan hat die Totenruhe unterbrochen, um Carlo Acutis seligzusprechen – und weil katholische Gläubige gerne die sterblichen Überreste ihrer Seligen betrachten. Noch nie hat der Vatikan allerdings einem «Millennial», einem Jungen, der erst wenige Jahre vor der Jahrtausendwende geboren wurde, mit einer Seligsprechung gehuldigt. Auch deshalb ist der Anblick von Carlo Acutis in dem altarähnlichen Sarg so neu, so befremdlich.
«Einen toten Jungen auszugraben, um ihn der Weltöffentlichkeit als Gesicht einer gläubigen Jugend zu präsentieren. Was sagt das eigentlich über die katholische Kirche aus?» Jonas Weyrosta
Man kann versuchen, das alles zu begreifen, indem man dort schaut, wo Carlo Acutis gewirkt hat. Dort, wo sich seine Seligsprechung zuletzt zu einem weltweiten Ereignis potenziert hat: im Netz. Wer sich auf die Suche nach den digitalen Spuren des seliggesprochenen Teenagers begibt, kann beobachten, was geschieht, wenn eine jahrhundertealte katholische Tradition auf das digitale Zeitalter trifft.
2006 verstarb Carlo Acutis an Blutkrebs, nur wenige Tage nach der Diagnose, er war da gerade fünfzehn, Freunde und Familie beerdigten ihn unter grosser Anteilnahme, landesweit berichteten die Medien über den verstorbenen Jungen, der für ein Kind so überraschend eng verbunden schien mit dem Glauben an Gott. Er war gerade sieben Jahre alt, da ging er bereits täglich freiwillig und wenn nötig auch alleine in die Kirche, um die Kommunion zu empfangen. Er verliess das Haus morgens mit Schuhen und kam abends manches Mal auf Strümpfen zurück, weil er nicht an Bettlern vorbeigehen konnte, ohne etwas zu geben. Acutis, so liest man im Netz, verzichtete immer wieder auf sein Abendessen, brachte es stattdessen den Bedürftigen. Schon als Zehnjähriger lernte er dann das Programmieren, baute an einem digitalen Archiv für überlieferte eucharistische Wunder aus allen Kontinenten. Man findet mittlerweile auch die Geschichte aller katholischen Marienerscheinungen in diesem Archiv. Alles das Werk eines Teenies aus Mailand.
24-Stunden-Livestream eines Sarges
Sein Tod war der Gründungsmoment einer weltweiten Netzgemeinde, die in Acutis einen «Cyber-Apostel», Gottes obersten Influencer, sieht, möglicherweise gar den künftigen Schutzheiligen des Internets. Dazu müsste der Vatikan den Teenie noch heiligsprechen. Zuständig dafür ist die römische Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, die finale Entscheidung liegt wiederum beim Papst selbst. Eine Voraussetzung für Acutis’ Seligsprechung war ein eigenes Wunder, das Papst Franziskus im Februar anerkannte: Die schwerkranke Bauchspeicheldrüse eines sechsjährigen Jungen in Brasilien soll vor ein paar Jahren von heute auf morgen gesundet sein, weil der Junge ein T-Shirt von Acutis berührt habe.
Wie fromm Carlo Acutis in seinem kurzen Leben wirklich war und welche Wunder er vollbracht hat, das lässt sich nicht alles final überprüfen. Manches davon sprechen die Eltern jedoch selbst in Kameras, anderes hat Papst Franziskus in sein Begründungsschreiben zur Seligsprechung übernommen. Im Netz haben es sich sehr viele Menschen zum Anliegen gemacht, Carlo Acutis zum gläubigen Gewissen der Jugend zu stilisieren. Sie erzählen die Geschichte eines Jungen, der strenggläubig war, während es keiner seiner Freunde war. Der dennoch kein Sonderling war, der klarkam mit den anderen Jungs, die sich eben nur für Fussball interessierten.
Und auch die Eltern von Carlo Acutis scheinen das Heiligen-Potenzial ihres Sohnes irgendwann akzeptiert zu haben. So sagte die Mutter erst kürzlich in einem Interview mit dem kirchlichen Onlinemedium «CN Media» aus Frankreich: «Jeder Heilige spricht zu seiner Zeit prophetisch. Heute spricht Carlo mit jungen Menschen und fordert sie auf, nicht zu vergessen, Gott an die erste Stelle zu setzen, in den Mittelpunkt von allem. Carlo ist ein Prophet.» Die Aufnahmen der Mutter vor dem Sarg ihres toten Kindes lassen dann aber doch auf etwas weniger Heiligenverehrung und sehr viel Irritation schliessen.
«Wirklich besonders an diesem Fall ist, dass die katholische Kirche mit dem toten Teenager in die Moderne aufbrechen wollte, die Art und Weise jedoch sichtlich aus der Zeit gefallen ist.» Jonas Weyrosta
Wer den Rummel der letzten Tage rund um diesen toten Jungen hinter Glas verfolgt, steht irgendwann auch vor der Frage, ob die katholische Kirche sich eigentlich einen Gefallen damit tut, einen Jugendlichen seligzusprechen, einen Teenager mit den althergebrachten Riten für Selige und Heilige zu verehren. Kurzum: einen toten Jungen auszugraben, um ihn zwei Wochen lang der Weltöffentlichkeit als Gesicht einer gläubigen Jugend zu präsentieren. Was sagt das eigentlich über diese Kirche aus?
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