Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Bild: Keystone
Freitag, 10. Juni 2016

Ende Mai, Match des FC Zürich gegen den FC Vaduz. Für den FCZ war die Partie ein Schicksalsspiel. Dem traditionsreichen Stadtzürcher Club drohte der Abstieg in die Challenge League. Einen Tag vor dem Match hatte eine Pendlerzeitung sorgenvoll getitelt: «Hoffen, beten, Kerzen anzünden.» Und FCZ-Trainer Uli Forte, von den Club-Verantwortlichen eigens für das entscheidende Spiel geholt, sagte jedem Reporter, der es hören wollte: Möge Gott doch bitte ein FCZ-Fan sein.

Die Religion kam beim FC Zürich allerdings nicht erst mit der Verzweiflung ins Spiel. Bereits vor über einem Jahr analysierte FCZ-Präsident Anchillo Canepa vor einer versammelten Maturandenschar, dass Fussball mehr sei als eine Religion: Hätten Religionen über Jahrhunderte Menschen zerschlagen und krankgemacht, so könne das Fussballspiel verbinden und heilen. Pathosreich befand der Präsident, dass der Fussball eine Universalsprache sei, mit der sich Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen verständigen könnten.

Ein Spiel ist die Welt

Diese Vision teilt auch der Weltfussballverband Fifa. In seinem Leitbild heisst es, man wolle den völkerverbindenden, kulturellen, erzieherischen und humanitären Stellenwert des Spiels fördern. Eine Mission, mit einer Verve vorgetragen, die sich die hiesigen Landeskirchen schon länger nicht mehr zutrauen. Für die Fifa ist Fussball also nicht bloss ein Spiel, das um die Welt geht, sondern es ist die Welt.

Was beim Weltfussballverband noch wie ein bildungsbürgerliches Anliegen klingt, erhält in den mittlerweile lancierten Liedern zur Fussball-Europameisterschaft populäre Züge. Eingängig heisst es beispielsweise im aktuellen EM-Song des Musikers Gustav: « . . . go, go, go! / On y va, va, va! /Allez tous ensemble . . . / Us aune Winkel us allne Städt / Heldelieder – Stossgebät . . . / Es wysses Chrüz uf rotem Grund, drunger es Härz, wo hofft, hofft.»

Die Semantik solcher Songs kann es locker mit jeder charismatischen Freikirchen-Unterhaltung aufnehmen. Und wer sich nun noch an die Gesichter von flehentlich betenden Menschen beim Penaltyschiessen erinnert, der stellt sich unweigerlich die Frage: Dieser Fussball, ist er nicht doch viel mehr? Ähnlich einer Religion – nur besser: nämlich säkular und universal?

König Fussball und sein Friedensreich

Vielleicht stellt ja der Fussballgott eine verlockende Alternative zum Pantheon der Weltreligionsgötter dar. Kann er doch all das integrieren, was die Weltreligionen spitzfindig und feindlich gegeneinander ins Feld führen. «König Fussball regiert die Welt», trällerte 1973 die deutsche Nationalmannschaft im Song Fussball ist unser Leben. Der Fussball als Herrschaft also, von der sich die Welt Erziehung zu Fairplay, das Ende von Rassismus und die völkerverbindende Solidarität im Freudentaumel des Spiels erhofft.

Wo im Klassenzimmer die Integration am Handshake scheitert, gelingt sie auf dem Rasen zwischen Ali und Max, Aisha und Miriam scheinbar spielerisch. Die multikulturelle Schweizer Fussball-Nationalmannschaft macht’s vor. Die Weltreligionen und unter ihnen auch noch die Konfessionen scheinen da oft spalterisch und rückständig. Irgendwelche Lutheraner in Lettland haben gerade die Frauenordination abgeschafft, und ein paar Evangelikale erklären Homosexuelle für krank und wissen sich damit global gesehen in grosser – wenn auch nicht guter – Gesellschaft. Als wäre das nicht alles schon peinlich genug, heulen Reformierte auf, wenn der ehemalige Abt des Klosters Einsiedeln die christlichen Kirchen bei der Gotthardtunneleröffnung vertreten soll. Kleinkarierter Dogmatismus statt Teamspirit.

Wer will schon Religion sein?

Angesichts dessen stellt sich aber auch die Frage, ob man Fussball wirklich als Religion verstehen soll: Ist das überhaupt ein gutes Label? Verspricht man sich von ihm gesellschaftliche Relevanz und den Glanz des Sakralen? Das wäre erstaunlich, zumal sich die etablierten Religionsgemeinschaften seit Jahren bemühen, in der Öffentlichkeit gerade nicht mit religiösen Inhalten zu langweilen oder zu polarisieren. Religion ist entweder privat und irrelevant oder öffentlich und sichtbar, dann aber als Gefahr für das Gemeinwohl. Deswegen setzen ihre Vertreterinnen lieber darauf, so zu wirken wie eine weltanschaulich neutrale Nonprofitorganisation mit caritativem Anliegen und spirituellen Angeboten. Das ist in einer Gesellschaft, die unter dem Begriff der Religionsfreiheit ihre Freiheit von Religion verteidigt und den religiös motivierten Terror fürchten gelernt hat, nur zu verständlich.

Wenn also schon die Religionsvertreter wissen, dass der religiöse Stoff sie mehr schlecht als recht kleidet, wer wollte sich dann freiwillig diesen alten Hut aufsetzen? Wer hat also ein Interesse daran, die schönste Nebensache der Welt als Religion verstehen zu wollen?

Unheilige Allianz

Missionarische Eiferer halten ihren «Schäfchen» mit dem pseudoaktuellen Beispiel Fussball den Spiegel vor. Konfrontiert mit Luthers «Das ist dein Gott, woran du dein Herz hängst», soll den Konfirmanden ihre unangemessene Ausrichtung auf das Uneigentliche – den Fussball, die Boygroup oder alles andere, was nicht direkt Gottes Reich herbeiführt – bewusst werden.

Dadurch verbünden sich diese «Rechtgläubigen» paradoxerweise mit den Religionskritikern. Diese treiben mit dem Fussball ihr eigenes Spiel, indem sie den Gläubigen den Substanzverlust und die Ersetzbarkeit ihres Letztsinns unter die Nase reiben: «Schau her», sagen sie, «sogar der Fussball kann das, was du Wahrheit nennst.» Beide sprechen eigentlich gar nicht über Fussball, sondern entweder über die eigene Wahrheit oder die Dummheit der anderen. Recht haben beide nicht.

Religion lässt sich, wie andere Bereiche in der Gesellschaft auch, einzig von ihrer Wirkung beschreiben. Man fragt dann danach, welche sozialen Funktionen durch Religion getragen werden, und kann Bereiche, die das ebenfalls leisten, als «Religion» beschreiben. Oder man geht näher an den Menschen ran und stellt fest, dass es religiöse Gestimmtheiten auch dort gibt, wo wir sie nicht erwartet hätten, etwa im Patriotismus.

Und so gesehen – indem man vom Inhalt der Religionen absieht und sich auf ihre Wirkungen konzentriert – kann man Fussball als Religion beschreiben. Oder Geld. Oder Bildung. Oder das ganze Gesundheitswesen. Man fragt dann nicht, ob es wahr ist, was jemand sagt, indem er etwas als Religion beschreibt. Sondern man beurteilt diese Beschreibung danach, ob wir in ihr etwas erkennen, was wir ohne sie nicht gesehen hätten. Diese Beschreibungen sind nicht wahr oder falsch, sondern bereichernd oder überflüssig.

Stossgebete statt Sexurlaub

Religiöse Eiferer und die Religionskritiker beziehen sich beide auf einen Religionsbegriff, der beschreibt, was Religion in der Gesellschaft tut. Daraus wollen sie dann erklären, was Religion ist. Was dabei vergessen geht: Verschiedenes kann dieselbe Funktion haben, ohne deswegen dasselbe zu sein. Und nichts, was es gibt oder was wir Menschen tun, geht einzig in seiner Funktion auf: Nur weil Menschen Sex und Ferien als Entspannungstechniken nutzen, sind diese weder identisch noch austauschbar. Erst recht sollte man sie nicht gegeneinander ausspielen.

Weiser, genussvoller und lebensnaher ist es, beides zu kombinieren. Wer aber nur in den Ferien Sex hat, ist genauso zu bedauern wie diejenigen, die nur wegen Sex in die Ferien fahren. Anders gesagt: Glücklich, wer auch für ein Fussballspiel beten, hoffen und Kerzen anzünden kann. Traurig, wer es nur dann kann.

Mehr als ein Spiel?

Es spricht also nichts dagegen, Fussball als Religion zu betrachten, um mit dieser Brille den Blick für seinen ritualisierten Ablauf, enthusiastische Gestimmtheit der Heimkurven, religiöse Semantik der Fangesänge oder die sakrale Ästhetik der Tattoos auf den Armen der Spieler zu schärfen. Diese Reduktion auf Formen und Funktionen soll auch Kirchen zu denken geben: Was ist es, das die anbetende Gemeinde und die Fankurve in Verzückung geraten lässt? Und welche Konsequenzen hat es, wenn auf dem Rasen ein Reigen von Gefühlen erlebt wird, ganz ohne Gott? Und vielleicht ist mit dieser Sichtweise Gott und der Rasen noch einmal anders zu verstehen?

Noch interessanter ist es aber, Religion als Spiel zu beobachten: Der niederländische Kulturanthropologe Huizinga hat das Spiel definiert als Beschäftigung oder Handlung unter freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln, die «ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des ‹Andersseins› als das ‹gewöhnliche Leben›.»

Von den Spielregeln könnte der Religionseiferer lernen, dass sie nur unter freiwilliger Annahme funktionieren. Der Religionskritiker wiederum, dass sich der Wert der Beschäftigung nicht an ihrer universalen Geltung misst. Und vielleicht ist es für den Fussball entlastend, wenn er nicht dieses oder jenes leisten muss, sondern ein Selbstzweck sein darf. Für die Religion wäre es das sicherlich.

«So, ihr gebt es zu: nur ein Spiel!» lächelt die Religionskritikerin und reibt sich die Hände. «Nein, Religion ist mehr als ein Spiel!» empört sich der Rechtgläubige.

Ja, ein Spiel: Gott selbst ist ein Spieler. Einer, von dem man glaubt, dass er sich selbst dazu entschieden hat, Mensch zu werden und unter unsere eigenen Regeln zu fallen. Nur so kann er als parteiischer Schiedsrichter für alle Menschen eintreten. Und dadurch hat er sich die ganze Welt zum Spielplatz gemacht. Oder wie der Genfer Reformator Johannes Calvin es gesagt hat: zum «Theater der Herrlichkeit Gottes».

Der Theologe Stephan Jütte arbeitet bei der reformierten Kirche Zürich. Er lebt mit seiner Familie in Bern. Auch in diesem doppelten Exil hat er seinem FC Basel stets die Treue gehalten.