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Autor: Oliver Demont
Freitag, 19. August 2016

Alles begann, als Erik Flügge diesen Text ins Netz stellte

«Sorry, liebe Theologen, aber ich halte es nicht aus, wenn ihr sprecht. Es ist so oft so furchtbar. Verschrobene, gefühlsduselnde Wortbilder reiht ihr aneinander und wundert euch, warum das niemand hören will. Ständig diese in den Achtzigern hängen gebliebenen Fragen nach dem Sein und dem Sinn, nach dem wer ich bin und werden könnte, wenn ich denn zuliesse, dass ich werde, was ich schon längst war. Hä? – Ach bitte, lasst mich doch mit so was in Ruhe. Wir leben in der Zeit des Samplings, der zerfetzten Identitäten, der Multiperspektivität und nicht zuletzt in der Zeit der subtilen Ironie. Hier ist kein Platz für erdrückende Ganzheitlichkeit. Allein schon das Wort Ganzheitlichkeit – drei zusätzliche Silben, um das bereits ganze Wort ‹ganz› noch gänzer zu machen.

Mal ehrlich, ganz kann man nicht steigern und seit mindestens fünfzehn Jahren will der Mainstream unserer Gesellschaft diesen Versuch aus gutem Grund nicht mehr unternehmen. Wo lernt man das eigentlich? Wo muss man hingehen, um beigebracht zu bekommen, die Betonung im Satz an der genau falschen Stelle zu setzen? Gibt es Rhetorikkurse für Zombie-Sprache für Predigten in Kirchen? Ich meine das ganz ernst, wenn man mit euch ein Bier trinkt, dann klingt ihr ganz normal. Sobald ihr in einer Kirche in offizieller Funktion sprecht, wird’s plötzlich sch*****. Wieso denn eigentlich?

Ich kenne nur eine weitere Gruppe, die auch so eine ganz seltsame Sprache hat: Juristen. Die geben sich auch Mühe, möglichst nicht verstanden zu werden. Zugegebenermassen ist das aber genau deren Geschäftsmodell. Am einen Ende übersetzen Juristen allgemeinverständliche Überlegungen in unverständliche Gesetzestexte, um am anderen Ende Juristen Arbeit zu verschaffen, die für den einfachen Menschen wieder die Rückübersetzung vorzunehmen. Brillant gemacht, so geht denen niemals die Arbeit aus.

Für euch Theologen ist doch das Problem, dass es keine Notwendigkeit gibt, euren Übersetzungsdienst ins Unverständliche in Anspruch zu nehmen. Die Kirche wurde aus ihrer gesellschaftlich-juristischen Schlüsselposition verdrängt und damit gibt es keinen Grund mehr, unverständlich sein zu wollen. Es ist geradezu dumm, nicht verstanden zu werden, wenn man darum werben muss, dass die Menschen zu einem kommen.

Es wäre doch am Ende recht einfach. Macht’s wie der Chef. Jesus hat sich doch auch Mühe gegeben, irgendwie verständlich zu sein. Er hat den Leuten etwas mit Bildern und Begriffen erklärt, mit denen sie etwas anfangen konnten. Seine Zuhörer wussten, wer die Samariter sind und wie ein Senfbaum aussieht. Die wussten, wie die Nummer mit dem Sauerteig geht. Ey Leute, ich geh zum Bäcker, ich hab keine Ahnung, was man mit Sauerteig anstellen muss und wie das funktioniert. Wozu auch, es gibt sechs Bäcker rund um meine Wohnung.

Darf ich einen Deal vorschlagen: Sprecht doch einfach über Gott, wie ihr beim Bier sprecht. Dann ist das vielleicht noch nicht modern, aber immerhin mal wieder menschlich, nah und nicht zuletzt verständlich. Na denn prost!»

Update: Ich sehe in den Zugriffszahlen, dass gerade Tausende diesen Artikel lesen. Bei mir melden sich auch eine ganze Menge Theologinnen und Theologen. Die meisten lobend, einige aber auch stinksauer.

Richtig so! Wenn man die Dinge auf den Punkt bringt – wenn man auf das Zu-Tode-Differenzieren verzichtet, dann entsteht Emotion und diese löst Handlungen aus.

Hätte ich jemanden erreicht, wenn ich ganz differenziert geschrieben hätte? Hätte es jemand geteilt, hätte euch dieser Beitrag erreicht? Ich glaube kaum, und jetzt lasst uns gerne diskutieren.

Erik Flügge, wie lief das damals vor über einem Jahr, als Sie den Text auf den vorhergehenden Seiten ins Internet stellten?

Der Beitrag wurde innerhalb kurzer Zeit über Social Media wie Facebook geteilt; Zehntausende Klicks auf meinem Blog waren die Folge, und bald hatte ich auch Journalisten am Telefon. Radio, grosse Tageszeitungen und viele innerkirchliche Medien.

Was war der allgemeine Tenor?

Die meisten Reaktionen waren: Endlich spricht’s mal einer aus. Es gab viel Zustimmung und einige wenige, die stinksauer waren. Damit rechnete ich allerdings auch, da mein Text sehr polemisch die Dinge benennt.

Ein Jahr später erschien Ihr Buch Vom Jargon der Betroffenheit – Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt. Gerade wurde die fünfte Auflage gedruckt, die es sogar in die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Sie sind ein guter Geschäftsmann.

Sagen wir es mal so: Klar, spürte ich nach meinem Blogeintrag, dass das Thema Sprengkraft hat. Sprengkraft im Internet bedeutet Reichweite. Aber was ist schon Reichweite, wenn sie sich aus Empörung speist? Die Entscheidung, das Buch zu schreiben, traf ich, weil mir sehr viele Menschen ihre persönlichen Erfahrungen mit ihrer Kirche schrieben. Sie handelten von Zorn, Verzweiflung, Überforderung und Angst. Ich wollte diese Geschichten erzählen, genauso wie meine eigene. Es ist mein kleiner Beitrag, damit künftig das Christentum nicht durch seinen grässlichen Kirchensprech die Chance auf Verkündigung verspielt.

Die Sprache in der Kirche ist ein Nischenthema, trotzdem hat Ihr Buch ungeheuren Erfolg. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Alle Menschen, die ich in der Kirche kenne, sind mit diesem Thema vertraut – nur redet keiner darüber. Mein Buch spricht auf eine ziemlich ruppige Art das Kernproblem evangelischer wie katholischer Verkündigung an. Ein Generalvikar schrieb mir: «Danke, dass du dieses Buch geschrieben hast. Jetzt ist bei uns das Thema endlich auf dem Tisch.» Nach meinen Erfahrungen und den vielen Rückmeldungen aus der Kirche geben sich die Verantwortlichen gegenseitig kein Feedback.

Warum ist das so?

Die Kritisierten könnten sich in ihren Glaubenspositionen angegriffen fühlen. Konkret: Da predigt einer schlecht, aber ich gehe nicht zu ihm hin und sage, dass er grottenschlecht gepredigt hat. Und warum? Weil ich Angst habe, dass derjenige dann denkt, dass ich seinen Glauben angreife. Die Feedbackkultur ist einfach lausig. Man sagt es sich nicht – und die Gottesdienstbesucher sagen es auch nicht. Keiner spricht es aus.

Wo ist dann das Problem?

Das Problem ist, dass es eben doch eine Rückmeldung gibt. Nämlich dass von Jahr zu Jahr weniger Leute den Gottesdienst besuchen. Das sind Menschen, die nicht mit der Kirche brechen, aber mit dem Gottesdienst am Sonntag. Die zahlen Kirchensteuern, haben aber sonst keine Berührungspunkte mit der Kirche. Wer sich umschaut, erkennt, dass die Kirche dann voll ist, wenn darin gut gepredigt wird. Und die Leute fahren zum Teil weite Strecken, um dorthin zu kommen.

Der Pessimist sagt: Warum sich noch Mühe geben? Die, die kommen, kommen sowieso, egal ob sich eine Pfarrerin anstrengt.

Wer so denkt, hat seinen Beruf verfehlt. Und jedes Fachgeschäft in einer Innenstadt würde sofort pleitegehen, wenn es sagen würde: Ach, es kommen ja eh nur immer die gleichen, dann mach ich jetzt einen schlechten Job. Gottesdienst ist ein klassisches Stammkundengeschäft. Es geht um Leute, bei denen ich besonders gute Leistung bringen muss, bei denen ich immer noch eine Schippe drauflegen muss. Jetzt kann man natürlich ein Geschäft nicht mit einer Kirche vergleichen – da ticken Kirchenleute ja immer gleich aus. Der Gedanke, man dürfe einen schlechteren Verkündigungsjob machen, nur weil jemand gläubig ist und deshalb immer wieder kommt, das ist doch unerhört, oder? Ich glaube aber, dass sich dieser Zustand bei den grossen Kirchen, wo die Leute wegbleiben, eingefressen hat.

In einer Szene im Buch beschreiben Sie äusserst unterhaltsam, wie Sie in einer Kneipe mit einem Hipster über Weihnachten sinnieren. Die Lebenswelten von einem Hipster und einem klassischen Kirchgänger liegen sehr weit auseinander. Warum sollte die Kirche es schaffen, Hipster in den Gottesdienst zu bringen?

Vielleicht liegt da ein Missverständnis vor. Ich glaube nicht, dass die Kirche in der Verkündigung antritt, um den Berliner oder Zürcher Hipster zu erreichen. Mir geht es auch nicht darum, Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, wieder zu einem Eintritt zu bewegen. Mir geht es vielmehr um den Austritt aus dem sonntäglichen Gottesdienst. Und es sitzen ja auch jeden Sonntag Menschen unter sechzig Jahren in den Gottesdiensten – allein in Deutschland sind es konfessionsübergreifend vier Millionen. Und von diesen vier Millionen bekommt ein grosser Teil lieblose Worthülsen zu hören.

Aber wurde in den vollen Kirchen der 70er und 80er Jahre tatsächlich besser gepredigt?

Auf alle Fälle waren die Kirchen näher am Geschehen dran. Es gab in der evangelischen und in der katholischen Kirche Umbrüche. Liedgut erneuerte sich, neue Methoden der Jugendarbeit entstanden, alternative Gottesdienstformen wurden ausprobiert, Kirchengebäude sahen plötzlich anders aus. In der katholischen Kirche gab es sogar eine Weltrevolution. Plötzlich wurde kein Latein mehr gesprochen, sondern die jeweilige Landessprache. Ein richtiger Aufbruch, der zum Abbruch wurde. Wir haben die Kirche genau in diesem Zustand eingefroren und halten das für modern, was seit vierzig Jahren vorbei ist.

Die Sprache ändern, und dann läuft es rund. Machen Sie es sich da nicht zu einfach?

Das Problem ist doch, dass ich heute als Dreissigjähriger im Gottesdienst den Eindruck habe, ich sitze in einer Kirche der siebziger Jahre. Ich muss also quasi den Umweg über ein Jahrzehnt machen, in dem ich nie gelebt habe, um eine zweitausend Jahre alte Story zu hören.

Wie sieht denn die noch heute gelebte Kirche der 70er Jahre aus?

Das lässt sich an vielen kleinen Gesten festmachen. Beispielsweise diese komisch gestalteten Mitten mit Tüchern, Kerzen und Wurzelwerk. Darum herum Leute, die irgendwie mit einer Gitarre dastehen und Lieder zum Mitsingen singen. Und zwar Lieder, die auch musikalisch vierzig Jahre drüber sind. Jüngere Menschen in der Kirche werden in solchen Momenten durch eine Lebenswelt geschleift, die sie nie geteilt haben. Meine Mutter kennt das noch als normalen Zustand, dass man miteinander dasitzt und Lieder singt, weil es keinen MP3- oder CD-Player gab. Das ist aber für keines ihrer Kinder eine Lebensrealität.

Gleichzeitig schwärmen Sie im Buch von Bachs Liedgut und anderen kirchlichen Spitzenleistungen aus längst vergangener Zeit. Glauben Sie ernsthaft, dass solche beitragen können, die Verkündigungsprobleme von heute zu lösen?

Ich werde missverstanden, wenn jemand glaubt, dass ich den Rollback in längst vergangene Jahrhunderte suche. Es gibt Leute, die lesen das Buch so. Das irritiert mich und war nicht meine Intention.

Sondern?

Der entscheidende Unterschied für mich ist, dass die Kirche über Jahrhunderte versucht hat, die grössten Talente einer Zeit mit ihrem Schaffen an die Kirche zu binden. Die Sixtinische Kapelle vom besten Künstler seiner Zeit malen zu lassen, das Liedgut von einem der besten Komponisten dieser Zeit schreiben zu lassen.

Aber was soll uns das sagen?

Die Suche nach dem Besten gibt es heute in der Kirche nicht mehr. Heute herrscht eine gewisse Beliebigkeit, die sagt: Naja, ob ich jetzt gut oder schlecht predige, ist letztlich egal. Wer sind die grossartigen Prediger von heute? Also die Philipp Melanchthons oder Martin Luthers unserer Zeit? Natürlich tauchen die nur alle paar Hundert Jahre auf. Aber diese grundlegende Suche danach, dem grössten Talent einen Raum zu bieten, entfällt zusehends. Ich habe mit einem Priester gesprochen, der tatsächlich besser predigt als viele andere. Nicht überragend toll, aber besser als andere. Dessen Kirche ist voller als andere. Und der kriegt so viel negatives Feedback von anderen Priestern um ihn herum, weil der halt einfach auffällt dadurch, dass er es anders macht. Das ist unerwünscht.

Das klingt alles sehr elitär.

Es herrscht in der Kirche eine Kultur der Egalität. Alle müssen gleich sein, also im Zweifelsfall auch alle miserabel. Keiner sagt mal zum anderen: Okay, das war wirklich grossartig, mach doch weiter, geh da noch mehr auf die Spitze. Keiner sagt, entschuldige, aber das war ganz furchtbar, mach das nie wieder. Ich glaube, es mangelt der Kirche an Leuchttürmen im eigenen System. An jemandem, dem man nacheifern könnte.

Gibt es heute keine einzige solche Figur?

In der evangelischen Kirche fällt mir leider zurzeit niemand ein. Tut mir leid. Die katholische Kirche hat gerade ein bisschen Glück, dass es diesen jetzigen Papst gibt. Zumindest durch sein Handeln drückt er aus, wofür die Kirche eigentlich steht. Die einfache Soutane anziehen, nicht in diese goldenen Paläste einziehen, mit einem einfachen Auto durch die Gegend fahren. Franziskus inszeniert da eine Spitze. Aber dieses Streben nach Spitzenförderung ist nicht strukturell in der Kirche verankert.

War es das früher?

Naja, de facto hat das auch oft über Geld funktioniert. Es war der lukrativste Markt, um sich als supertalentierter Künstler auszudrücken. Es war der grösste und einzige Kunstmarkt über Jahrhunderte hinweg. Wer nicht für Kirchen gemalt hat, hat nicht gemalt. Heute ist der Zustand aber eher so, dass das Gute nicht sein darf. Ich hatte hier auf dem Sofa kürzlich jemanden sitzen, der macht ausgewiesen tolle Kunstprojekte in Kirchen. Nur gibt es keine Geldquellen für das, was er macht. Und das in einer Institution, die nirgendwo im deutschsprachigen Raum pleite ist.

Warum ist das so?

Die Mitarbeiterinnen kommen fast alle aus dem gleichen Milieu, alle teilen eine ähnliche Lebenswelt. Das gleiche an den Universitäten: Man kann da kreuz und quer von Uni zu Uni gehen, theologische Fakultäten sind alle gleich. Die sehen alle gleich aus, die reden alle gleich. Und die, die nicht so sind, landen nicht in den kirchlichen Berufen. Die kommen da nicht an. Weil die unterwegs eindeutig merken, dass sie in der Kirche am falschen Ort sind. Aber wenn sich die Kirche breit aufstellen will, muss sie unterschiedliche Zielgruppen erreichen. Das schafft sie nicht mit dem immer gleichen Personal, das immer gleich tickt. Es muss auch Platz haben für Leute, die ihr fremd sind.

Sie fordern Spitzenleistung in der Predigt und sprechen von Luther und Melanchthon. Als Pfarrer kann man daran doch nur scheitern.

Ich mach’s mal ganz einfach: Margot Kässmann ist doch eine Predigerin, der viele Leute zuhören, egal ob man sie inhaltlich gut findet oder nicht. Sie bekommt eine Sprache hin, die auffällig ist, anders, zu der man sich positionieren muss.

Aber gerade Margot Kässmann wird von vielen Theologinnen belächelt.

Und beginnt nicht gerade da der Fehler? Das, was sie macht, ist so organisiert, dass es Leute erreicht. Ja, ich finde Kässmanns Antworten zum Krieg auch zu billig. Aber zumindest macht sie sich die Mühe, zu übersetzen in eine Sprache, die funktioniert. Als Gegenbeispiel kommt mir gerade ein schönes Zitat vom EKD-Vorsitzenden Bedford-Strohm in den Sinn: «Alles Reden, das helfen kann, die grossen Taten Gottes heute neu zu verstehen, die in der Gottesebenbildlichkeit gründende Würde eines jeden Menschen neu in den Herzen zu verankern, ist Reden in der Ziellinie des Pfingstwunders.» Es ist doch irre, dass die Texte, die helfen sollen, den Bibeltext zu verstehen, unverständlicher sind als der Bibeltext selbst.

Aber hat diese hochgradig verschwurbelte Sprache nicht auch was? Ist sie nicht für viele eine Art sprachliche Heimat?

Also wenn das Heimat ist, dann ist sie inhaltsleer. Mir schrieb ein Theologiestudent, dass ihm erst beim Lesen meines Buches aufgefallen ist, dass er schon seit Jahren nicht mehr im Gottesdienst zuhört, weil es immer so ein Quark ist. Klar ist für den Kirche Heimat, aber die Predigt ist für ihn nur seichte Begleitmusik. Und ich kann ihn verstehen. Der evangelische Bischof Dröge klingt an Ostern so: «Nicht auf unsere Glaubensstärke kommt es an. Entscheidend ist, dass wir uns anreden lassen; dass wir bereit sind, unser Herz zu öffnen, eine ehrfürchtige Haltung einzunehmen, damit wir Sehende, Hoffende und Fühlende werden und die Osterfreude wahrnehmen.» Ist es nicht der eigentliche Witz dieser ganzen Reformation gewesen, solche Blabla-Sätze von seiner verklärenden Oberfläche zu befreien, damit alle sie verstehen? Die Botschaft Luthers war klar: Raus aus dieser Mystifizierung und diesem reinen Erspüren der Oberfläche. Und was hat die evangelische Kirche geschafft? Nach fünfhundert Jahren spricht sie ein Deutsch, das an einem vorbeiplätschert wie früher das Latein. Als Katholik kann man das mit viel Verklärung und Heimatgefühlen vielleicht noch aushalten. Für einen Protestanten muss das aber ein Ding der Unmöglichkeit sein. Überhaupt nutzen Protestanten ihre Freiheiten viel zu wenig.

Die wären?

Das Spannende am Protestantismus ist doch, dass Versuche gewagt werden können. Was spricht dagegen, etwas einfach zu tun? Wer soll einer Pfarrerin wirklich was können? Sie hat ja keine Bischöfe über sich. Das einzige, was es erfordert, ist Stärke und Wollen. Wenn ich als einzelner reformierter Pfarrer hinstehe und sage: Ich will, dass meine Theologie verstanden wird, und ich will mich ständig überprüfen, ob ich dabei ich selbst bleibe, was soll dann passieren? Ich würde wetten, dass es das einzige ist, was passieren kann: dass man ein positives Feedback von den Leuten aus der Kirche bekommt. Und das einzige, was die Leute rumerzählen, ist doch: Da klingt es ein bisschen besser, ein bisschen verständlicher.

Was, wenn die Theologie zwar verständlich ist, aber ihr Inhalt abgelehnt wird?

Ist das nicht die gesamte Idee vom theologischen Diskurs? Ist das nicht schön, wenn ein Pfarrer mit seinem Glaubensinhalt konfrontiert wird, einige diesen nicht gut finden und darüber diskutiert wird? Natürlich suchen die Leute Gewissheit, aber wer sind wir, diese geben zu können? – Das ist doch ein Vorspiegeln falscher Tatsachen. Wir Christen versuchen in Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift herauszuarbeiten, was Gottes Wille ist und wie wir diesen auf unsere heutige Zeit übertragen können. Da steckt so viel menschliche Arbeit drin, dass es Gewissheit gar nicht geben kann. Deshalb geht es auch nicht um Gewissheit, sondern um Freiheit. Und für die stand Luther wie kaum ein anderer. Von dieser Freiheit müssen wir Menschen aber erst einmal überzeugen.

«Kirche hält es nicht aus, dass die Menschen am Ende einer Veranstaltung unüberzeugt, zweifelnd, nicht glaubend bleiben. Man versucht mit immer mehr Nachdruck das Verständnis des Gegenübers zu erzwingen. Der muss doch glauben! – Und so scheitert die Verkündigung.»

 

«Mein Problem ist, dass Kirche mich nur unterbricht, aber nicht stört. Ich würde mir wünschen, sie würde mich stören oder gar verstören. Was bei mir ankommt, ist aber immer wieder ein Text, der mir zu klein, zu nett, zu brav ist und der mich aufhält statt aufzuwühlen.»

Aus: Flügge. Jargon. S.17 und S.55.

«Kann es das gewesen sein? Ist das das Ende des christlichen Predigens? – Ein paar Worte gegen den Zeitgeist, um eine Welt zu verteidigen, die es längst nicht mehr gibt. Wo ist der Blick nach vorne?»

 

«Ruhe bitte! So steht es am Eingang vieler viel besuchter Kirchen. Zum Teil gibt es Personal, das einen ermahnt, bloss nicht zu freudig durch die Kirche zu gehen. Kirchen sind kein Ort, um das Schöne, das Freudvolle, das Wunderbare der Gemeinschaft mitzuerleben. Sie sind Orte der Trauer, einem Grab ähnlicher als dem Leben.»

Aus: Flügge. Jargon. S.13 und S.117.

Wie soll das gehen?

Nicht nur mit theologischer Argumentation, sondern vor allem mit rhetorischer Überzeugungsarbeit. Das steht übrigens auch in der Tradition der Reformation. Damals wurden nicht ständig Theologen ausgebildet, sondern Tag und Nacht Sprecher. Die zogen los und zeigten den Menschen die Gewissensfreiheit. Das war immer ein Zusammenspiel von theologischer Stärke und Verkündigungskompetenz. Nehmen wir das Duo Luther und Melanchthon: Auf der einen Seite Luther, ein Mönch und Theologe mit starker innerer Haltung, auf der anderen sein rhetorischer Kumpel Melanchthon. Beide stehen dafür, wie diese reformatorische Idee in ihrer Breitenwirkung erst möglich wurde. Die katholische Kirche hat versucht, ihre eigenen Theologen gegen die Reformation fit zu machen. Sie hat dafür eine grosse Menge theologischer Schriften verfasst. Was sie aber völlig übersah, war, dass man einen rhetorisch versierten Gegner vor sich hatte. Gegen evangelische Theologen konnten katholische bestehen, aber eben nicht gegen die Theologen-Rhetoriker.

Die Theologie war also nicht so wichtig?

Mir geht’s nicht darum, Luthers theologische Revolution kleinzureden. Aber sie wäre ohne Verständlichkeit nicht weit gekommen. Warum macht sich Luther die Mühe, eine so wundervoll sprachgewaltige Bibelübersetzung anzufertigen in einer Zeit, in der nicht viele Menschen lesen können? Doch nicht nur, damit man im Selbststudium damit umgehen kann, sondern damit sie im Diskurs Verwendung finden kann. Heute spielt die rhetorische Ausbildung von evangelischen Theologen eine ähnlich unwichtige Rolle wie bei den Katholiken. Man schreibt selbst nur noch theologische Argumentationspapiere. Dabei ist längst wieder eine religiöse Revolution im Gange – nur dieses Mal passiert die Veränderung nicht in der Kirche, sondern ausserhalb. Der Atheismus ist die Herausforderung von heute, und er ist rhetorisch wesentlich besser aufgestellt. Wir in der Kirche schreiben Argumentationspapiere. Wenn ich mir die Geschichte der Reformation anschaue, dann wage ich eine Wette: Wenn wir so weitermachen, haben wir keine Chance gegen den Atheismus.

Vieles, was Sie im Buch zum Sprechen in der Kirche sagen, setzen Freikirchen bereits um.

Machen wir uns nichts vor. Die werden es auch nicht retten. Ich bin häufig in Vorzeigekirchen, weil sie angeblich so toll sind. Ehrlich gesagt bin ich meist peinlich berührt von dem, was darin stattfindet.

Warum?

Weil da so eine bemühte Anbiederung an Modernität stattfindet. Da rappen dann irgendwelche Christen vor sich hin.

Was ist daran peinlich?

Kann ich gar nicht sagen, das ist ganz subjektiv. Und ja, das funktioniert für alle anderen Anwesenden auch prima. Mir würde es reichen, wenn jemand, der in eine Kirche geht, im Predigtmoment nicht die Sprache wechseln würde. Sondern wenn ich draussen vor der Kirche und im Augenblick, wo er predigt, denselben Menschen treffe. Und damit ich jetzt nicht wie ein Klugscheisser klinge: Ich weiss, wie schwierig das ist. Der Widerhall, die schlechte Mikrofonanlage und manchmal noch in einem Kleid steckend, das Distanz und Entmenschlichung schafft. Das alles sind grosse Herausforderungen.

Pfarrerinnen und Pfarrer sind stark exponiert. Ein Talar kann da Distanz schaffen.

Da entgegne ich: Der Mann, der die evangelische Kirche gegründet hat, sagte: «Hier stehe ich, ich kann nicht anders!» Luther hat die Ich-Form gewählt. Da geht’s nicht darum, sich zu verstecken.

Sie plädieren für Echtheit im Kirchenraum. Was, wenn ein Pfarrer gerade eine Glaubenskrise durchlebt? Soll er darüber predigen?

Ja, warum nicht? Letztlich ist eine Predigt aus meiner Sicht – das Erzählen eines normalen Menschen über seinen Glauben und sein Verhältnis zu Gott. Man kann davon ausgehen, dass ihn also die gleichen Dinge wie seine Zuhörer beschäftigen – und da gehört der Zweifel oder das Hadern mit Sicherheit dazu. Ich habe aber langjährige Freunde, und wenn sie als Theologen in der Kirche sprechen, dann erkenne ich sie nicht wieder. Plötzlich sprechen sie Sätze mit einer seltsam falschen Melodie. Es ist ein salbungsvoller, pastoraler Ton, der trainiert und einstudiert ist. Wären sie ausserhalb der Kirche, würden sie das nie so sagen. Das ist eine völlige Verfremdung, eine Metasprache. Für einen Aussenstehenden, der solch eine Predigt in der Kirche einfach so mal hört, ist das, als würde ein Raumschiff landen, aus dem jemand entsteigt und dann spricht, als wäre er nicht von dieser Welt. Anders die bereits erwähnte Margot Kässmann: Sie ist eine Theologin, die ausserhalb und innerhalb der Kirche sprachlich die gleiche ist. Und das ist die Übung klassischer Rhetorik: Diese strebt an, dass Menschen Reden so halten, dass sie im Kern ihrer eigenen Stimme treu bleiben.

Ist diese vereinheitlichte Tonalität nicht auch branchenspezifisch? Die ganze Welt der Fliegerei kennt auch so eine Art Einheitston beim Sprechen. Sei es am Gate oder in der Flugzeugkabine: Alle sprechen im gleichen Sound zu den Passagieren.

Ja, den mag ich auch nicht. Der Unterschied ist aber, dass ich dem in einem Flugzeug nicht entkommen kann, weil ich fliegen muss. Dem Sound der Theologen in der Kirche aber schon.

Oftmals soll mit schwurbliger Sprache auch theologischer Nonsens kaschiert werden.

Ja, oftmals versteckt sich dahinter schlecht durchdachte Theologie oder Bibelexegese. «Jesus lädt dich ein zum gemeinsamen Mahl.» In jedem zweiten Gottesdienst wird dieser Satz – natürlich mit falscher Satzmelodie – gesagt. Das Problem dabei: Jesus hat nie jemanden eingeladen. Er war Wanderprediger, der hatte gar nie ein Haus, in das er hätte jemanden einladen können. Wohl eher hat er sich irgendwo anders selbst eingeladen. An solchen kleinen Phrasen erkennt man, wie sinnentleert sie sind.

Wie lässt sich solch ein Sprechen aus einer doch eher trägen Institution wie der Kirche entfernen?

Eigentlich ändert man das mit völlig gegenteiligen Strategien als in Unternehmen. Jeder drittklassige Berater würde der Kirche empfehlen, sich mehr zu professionalisieren. Aber das ist der falsche Weg. Wir brauchen weniger Professionalität. Auch wenn es erstmal absurd klingt, so ist doch das Problem, dass die Profession der Theologie zu stark nach aussen drängt. Die Berufung ist aber die Seelsorge. Da muss meine innere Haltung höchst professionell sein, aber doch nicht meine Sprache die Sprache einer Profession sein. Ich verdeutliche es gern an einem einfachen Beispiel. Wenn ich zur Psychologin gehe, dann will ich mir sicher sein können, dass sie sich ihrer Rolle völlig bewusst ist. Sie hat Schweigepflicht, sie soll bitte wissen, wie die Psyche funktioniert, und keine Traumata auslösen. Das Gespräch mit mir – die Oberfläche unseres Kontakts – soll aber bitte ganz menschlich nahe klingen. So, als wären wir zwei Personen, die sich gerade einfach begegnen. Ich will, dass diese katastrophale Professionalisierung von Verkündigung ein Ende hat. Dass all die angehenden Theologinnen, die sonst nie so eine komische Predigt-Singsang-Sprache sprechen, nicht plötzlich damit anfangen. Es ist wie ein Virus, der unter Theologen grassiert.

Und vor dem alle kapitulieren.

Genau. Man denkt, man müsse es so machen, auch wenn man sich selbst mit dieser seltsamen Sprache unwohl fühlt. Ich werde zornig, wenn ich an diese Rhetorikkurse an den Universitäten denke: Dort geht es nur darum, wie Texte noch artifizieller aufgebaut werden, oder man lernt, dass man zu Beginn eine kleine Geschichte benötige und die am Ende nochmals aufgenommen werden muss, um dann noch eine Bibelstelle aufzusetzen. Dort begegne ich dem Einheitsmodell eines beknackt sprechenden katholischen oder reformierten Theologen, der uninspiriert Phrasen aneinanderreiht, die theologisch nicht durchdacht sind, die abgeschrieben sind aus einem Predigtbuch. Solche Handbücher gibt es ja, weil sich keiner mehr die Mühe macht, eine eigene Predigt zu schreiben. Die sind gleich verquast geschrieben, und dann liest der Theologe so einen schlechten Text auch noch schlecht vor.

Das eben war eine Bestandesaufnahme. Was ist die Lösung?

Mich fragen in letzter Zeit sehr häufig Kirchenleute nach einem Fünf-Punkte-Plan für bessere Sprache. Aber so einfach ist es nicht. Wir müssen in einem so komplexen System wie der Kirche an sehr vielen Stellschrauben drehen. Ein paar Beispiele: In der religionspädagogischen Fachdidaktik sollte mal ernsthaft mit den Studenten ausgewertet werden, wie unwohl sie sich mit diesen Mandala-male-Methoden fühlen. Danach kann man die dann auch streichen. Ich würde Predigtprüfer einführen, die unangekündigt in Gemeinden kommen und den Predigern danach Feedback geben. Gerne auch mit einem Gehaltsbonus, wenn man es besonders gut macht. Bei der Rekrutierung kirchlichen Personals würde ich bewusst darauf achten, dass ich Menschen einstelle, die mich selbst eher irritieren als bestätigen.

Warum?

Nur so steigt die Vielfalt der Perspektiven innerhalb der Kirche. Ich würde darauf verzichten, eine Predigt zu halten, wenn ich keinen vernünftigen Zugang zur Bibelstelle gefunden habe. Warum sagen wir es nicht einfach? Liebe Gemeinde, ich habe diesen Bibeltext für heute Dutzende Male gelesen. Er sagt mir heute nichts. Ich lese ihn Ihnen vor, vielleicht hat einer von Ihnen Gedanken dazu. Und nicht zuletzt würde ich in der Ausbildung die Rhetorik genauso stark gewichten wie die Theologie, um am Ende einen Satz von Melanchthon zum Mittelpunkt zu machen: «Wer Christus hat, hat alles und kann alles.» Das heisst: Er benötigt auch kein bestimmtes Korsett an rhetorischen Stilmitteln. Was einzig zählt: Bleibe Mensch im Sprechen.

Woher rührt eigentlich Ihre Leidenschaft für das Thema, die manchmal gar in Empörung kippt?

Gute Frage. Ich weiss es nicht.

Echt jetzt?

Ich weiss es wirklich nicht. Bei allen anderen Orten, wo ich auch Mitglied bin, bin ich wesentlich entspannter. Ich bin ja Politberater, und da gibt es auch viel belangloses Sprechen und schlecht gehaltene Reden. Dinge also, die nichts bewirken, und Phrasen, hinter denen sich Politikerinnen verstecken. Aber so richtig zornig macht es mich nur, wenn ich diese Art zu reden in der Kirche höre. Vielleicht entstammt das meiner Biografie, die eine hohe kirchliche Dichte aufweist. Denn ein Grossteil von dem, was ich bin und was ich kann, habe ich aus der Kirche.

Erik Flügge: Vom Jargon der Betroffenheit – Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt. Kösel-Verlag 2016; 160 Seiten; 25 Franken.

Oliver Demont ist Redaktionsleiter bei bref.
Der Journalist und Theologe Tobias Zehnder schreibt regelmässig für bref.
Der Fotograf Roshan Adhihetty lebt in Zürich.

Der 30jährige Erik Flügge studierte Theologie, Politikwissenschaften und Germanistik in Tübingen. Heute ist er Mitinhaber und Geschäftsführer einer Gesellschaft für strategische Beratung in Köln. Dabei berät er Politiker wie die SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft und Parteien bei der Kommunikation und Städte und Gemeinden bei der Entwicklung von Partizipationsprojekten. dem