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Donnerstag, 05. März 2026

Er erinnert sich gut an die Ehrfurcht vor dem glühenden Metall. Daran, was er mit der Schmiedezange gerade hielt: eine Kalaschnikow. An seinen unsicheren Griff, mit dem er zum ersten Mal in seinem Leben eine Waffe in den Schmiedeofen schob. Als sich das Eisen des Waffenrohrs erhitzte und vor Mike Martins Augen zu schmelzen begann, war es Winter in Colorado.

In jenen Wochen, als der Pastor das Schmieden lernte, trauerte ganz Amerika. Ein 20-Jähriger hatte im Dezember 2012 mit dem Gewehr seiner Mutter die Sandy-Hook-Grundschule in Connecticut gestürmt und zwanzig Kinder und sechs Erwachsene getötet.

Massenschiessereien mit mindestens vier Opfern ereignen sich in den USA fast täglich. Doch der Amoklauf in Connecticut ging als Massaker mit den meisten Toten an einer Grundschule in die Geschichte des Landes ein.

Damals wurde Mike Martin bewusst, wie dringend seine Idee war – eine, die er über Jahre in sich getragen hatte: Er wollte Schusswaffen vernichten und aus ihnen Hacken und Gartenschaufeln schmieden.

Das ist jetzt 14 Jahre her. Martin, ein Mann von 41 Jahren mit ergrautem Vollbart, Kapuzenpulli und Jeans, sitzt im Haus seines Vaters in Colorado Springs. Ein Zimmer nutzt er als Büro; im Chaos, das hier herrscht, fällt neben einem Katzennapf ein Blecheimer mit Pistolenrahmen auf, sie dienen als Halterung für Magazin und Abzug.

Überall im Raum verteilt stehen Kübel, liegen Pappkartons, gibt es Kunstcollagen aus Waffenteilen und Bücher über Waffengewalt. Durch das Fenster sieht man verschneite Berghänge, die Rocky Mountains.

Gottesdienste hält Martin nur noch selten ab, die Tätigkeit als Pastor in seiner Mennonitengemeinde hat er aufgegeben. Sein Leben dreht sich darum, Waffengewalt zu bekämpfen. Nur: Was kann ein einzelner Mensch ausrichten in einem Land mit der einflussreichsten Waffenlobby der Welt?

Unterwegs zu Menschen, die nach Sinn suchen

Martin sagt: «Einige indigene Völker denken sieben Generationen voraus. Wir können von ihnen lernen. Ich erwarte nicht, dass Schusswaffen in meiner Lebenszeit verschwinden werden.»

In den vergangenen Jahren hat er zusammen mit seinem Vater und Hunderten Ehrenamtlichen fast 6000 Schusswaffen zerstört und daraus Gartengeräte oder Schmuck geschmiedet. Seine Organisation nennt sich RAWtools – der Name enthält rückwärtsgelesen das Wort «war», auf Deutsch Krieg. Den silberfarbenen Abzug seiner ersten zerstörten Kalaschnikow trägt er an seinem Schlüsselbund.

Martin und seine Mitarbeitenden gehen dorthin, wo Menschen nach Sinn und Halt suchen: in Kirchen, Synagogen und Moscheen sowie auf Veranstaltungen. Manche kommen zu ihnen, um ihre Schusswaffen vernichten zu lassen. Andere, weil sie nach schweren Schicksalsschlägen Trost und Gemeinschaft suchen.

Der Pastor reist von Stadt zu Stadt, um Menschen von seiner Mission zu überzeugen. Zusammen mit dem christlichen Friedensaktivisten Shane Claiborne schrieb er das Buch «Beating Guns» – Waffen bekämpfen. Nach dem Vorbild von RAWtools haben ausser in Colorado Springs auch in Philadelphia, North Carolina und Tennessee Schmieden eröffnet.

Lange wusste Martin nicht, wohin mit seiner Idee. Er sei kein Visionär, sagt er, aber sie liess ihn nicht los. Zum ersten Mal war sie ihm aus dem Nichts eingefallen: Er war Mitte zwanzig und arbeitete als Jugendpastor in der Kirche – dort, wo er heute noch jeden Sonntag den Gottesdienst besucht.

Er sass eines Abends mit seinen Schützlingen zusammen, sie sprachen über ihre Träume. «Was würdest du im Leben machen, wenn du noch einmal über deine Zukunft entscheiden könntest?», fragten sie ihn. Ohne zu überlegen, antwortete er: «Ich fände es cool, aus Schwertern Pflugscharen zu schmieden.»

Dieses Bild stammt aus dem Alten Testament. Dort heisst es bei Jesaja: «Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht mehr das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg.»

Jene Formel für den Völkerfrieden benutzten Kirchenkreise und Friedensgruppen schon seit den 1980er-Jahren, um gegen die Militarisierung der Gesellschaft und für Abrüstung einzutreten.

Während des evangelischen Kirchentages in Wittenberg 1983 schmiedete der Kunstschmied Stefan Nau ein Schwert zu einer Pflugschar um: Das Foto von der Aktion ging um die Welt und wurde zum Symbol der Friedensbewegung in der DDR.

Es ist sein Glaube, der Mike Martin immer wieder die Hoffnung gibt, weiterzumachen. Martin ist mennonitischer Christ. Damit gehört er einer der ältesten evangelischen Freikirchen an. Diese geht auf die Täuferbewegungen der Reformationszeit zurück.

bref+

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